Motocross der Nationen in Namur/Belgien (Archivversion) Keiner für alle...

...alle für keinen. Oder doch besser: Teile und herrsche? Selbst Weltmeister wie Stefan Everts (9) sollten nach dem Motocross der Nationen auf der Zitadelle von Namur mal genau darüber nachdenken.

Stefan Everts lächelt. Ein bisschen verhalten zwar, aber er lächelt. Immerhin. Denn normalerweise ist bei dem Flamen Schluss mit lustig, wenn er nicht auf der allerobersten Stufe des Siegerpodests steht. Und auf der Zitadelle in Namur stand er eben nicht ganz oben. Platz zwei. Nicht für ihn allein. Für die belgische Equipe wohlgemerkt. Eigentlich eine Schlappe – aber eben nicht für Everts. Zwei klare persönliche Laufsiege zählen – für ihn. Mannschafts-WM hin oder her. Doch gerade dieser WM-Titel besaß bislang einen ganz besonderen Glanz. Einmal im Jahr mehr als nur dem eigenen Ego verpflichtet zu sein versprühte sogar auf die Individualisten einen ungewohnten Reiz. Drei Fahrer, drei Klassen, drei Läufe, lautet der attraktive Dreiklang für das prestigeträchtigste Rennen des Jahres. Ein Lauf 125er gegen 500er, ein Lauf 125er gegen die 250er und ein Heat der 250er gegen die Halbliter-Boliden. Für Platz eins gibt´s einen Punkt, für Platz zwei deren zwei und so weiter. Von den sechs Resultaten jedes Teams zählen die fünf besten. Die Truppe mit der niedrigsten Punktezahl siegt. Und das waren in den vergangenen Jahren meist die Amerikaner, manchmal die Belgier und ausnahmsweise auch mal die Briten oder Italiener. Doch die Zeiten, in denen Ende September selbst mit den erbittertsten Gegnern in den Meisterschaften die Friedenspfeife geraucht und beim Nationencross die Erde für die nationale Ehre umgepflügt wurde, neigen sich offensichtlich dem Ende zu. Denn die Liste derer, die bei der diesjährigen Auflage im belgischen Namur fehlten, war lang. Die Absage der Amerikaner hatte, 18 Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center, jeder erwartet. Doch gerade davon lebte das Nationencross seit langer Zeit: vom Schlagabtausch der USA mit dem Rest der Welt. Genau fünfzehnmal hatten die US-Jungs zwischen ihrem ersten Auftritt beim Motocross der Nationen im Jahr 1981 bis zur Ausgabe 2000, Europa und Co. gezeigt, wo der Hammer hängt. Dreizehnmal davon – zwischen 1981 und 1993 - in ununterbrochener Folge. Wer es schaffte, die Yankees zu bezwingen, der galt was im Offroad-Metier. Und weil wenig Feind eben auch wenig Ehr bringt, grub dieses Jahr so mancher Stollen-Athlet im Vorfeld von Namur flugs sein Kriegsbeil wieder ein. Freiwillig oder gezwungenermaßen.Wie beispielsweise Andrea Bartolini. Der 500er-Weltmeister und Nationencross-Sieger des Jahres 1999 war Anfang September bei einer Doping-Kontrolle positiv aufgefallen. Zwar konnte der Italiener, der zu Beginn der Saison nach einer Wirbelfraktur wochenlang das Gipsbett hüten musste, glaubhaft den Befund mit seiner Behandlung verbinden, wurde aber dennoch von seinem Verband von ehrenrührigen nationalen Aufgaben wie dem Nationencross enthoben. Und da man schon dabei war zu streiten, schmollte Claudio Federici, der Vierte der aktuellen 250er-WM ebenfalls.Ein Clinch mit dem Verband schwächte auch die französische Equipe. Da 250er-Weltmeister Mickael Pichon eine Strafe wegen eines unzulässigen Sturzhelms bei einem nationalen Rennen aufgebrummt bekommen hatte, diese seinem Verband nicht bezahlen wollte, blieb der streitbare Junge im heimischen Le Mans. Und Ersatzmann Sébastien Tortelli fehlte wegen einer Augenverletzung.Da nicht nur Motorradfahren die Knochen zuweilen malträtiert, ließ sich auch 125er-Weltmeister James Dobb entschuldigen. Der glatzköpfige Engländer brach sich kürzlich einen Nackenwirbel – bei einem offensichtlich allzu engagierten Massagegriff seines Physiotherapeuten. Und weil auf dem britischen Eiland flotte Youngster derzeit Mangelware sind, reaktivierte man kurzerhand den 37-jährigen Ex-Vizeweltmeister und aktuellen KTM-Teamchef Kurt Nicoll für den Auftritt in der Metropole der Wallonen. An ein gemeinsames Wochenende im September hat sich das deutsche Trio inzwischen längst gewöhnt. Da die schwarz-rot-goldenen Jung-Crosser international nicht für voll genommen werden, müssen Jahr um Jahr die bewährten Kräfte aufs Neue ran: Andy Kanstinger (125 cm³), Pit Beirer (250 cm³) und Bernd Eckenbach (500 cm³). Höchstens der momentan nach einer Hüft- und Schulter-Luxation stillgelegte, 20-jährige Marco Dorsch hätte etwas frisches Blut in diese Dauer-Konstellation bringen können. Zumal der 30-jährige Andy nach einigen verkorksten Jahren das Abendrot seiner Karriere für gekommen sieht. Ende der Saison will der Schwarzwälder den Helm endgültig an den Nagel hängen und in seinen Beruf als Werkzeugmacher zurückkehren.Da das diesjährige Nationencross durch die Personal-Diskussionen ohnehin kräftig an Substanz verloren hatte, scherten sich letztlich nur noch wenige um die gemeinsame Sache. Nicht einmal Lokalmatador Belgien. Statt um eine möglichst mannschaftsdienliche Konstellation – der ehemalige Viertelliter-Weltmeister Stefan Everts auf der 250er und die Halbliter-Institution Joel Smets auf der 500er – ging´s ums Ego. Everts rechnete sich auf seiner 500er-Werks-Yamaha bessere Chancen aus, belegte seinen Anspruch auf den Platz in der großen Klasse mit dem erst eine Woche zuvor gegen Smets gewonnenen 500er-WM-Titel und zwang seinen rotblonden Kollegen auf die ungewohnte 250er-Zweitaktmaschine. Genau diese Entscheidung dürfte dem belgischen Team als haushohem Favoriten letztlich den Sieg gekostet haben. Denn während der erst 21-jährige Steve Ramon auf den Plätzen zehn und acht jeweils als bester 125er-Pilot einlief und Stefan Everts mit zwei Siegen in der Tat zum Mann des Tages avancierte, musste der arme Smets die Rolle des Sündenbocks übernehmen. So sehr die 30 000 Fans rund um die Zitadelle von Namur, übrigens die größte Festung Belgiens, dem wackeren Kämpfer auch die Daumen drückten, es sollte einfach nicht sein. Mit Stürzen und technischen Pannen bugsierte sich der versierte Champion wie ein übermotivierter Amateurfahrer selbst ins Aus. Die Plätze 29 und 17 sorgten für das Desaster der Heimspieler, für Platz zwei in der Nationenwertung - und bei Joel Smets für dicke Tränen. Welche die Franzosen übrigens auch vergossen. Weil sich der Teamgeist seit dem Sieg der Trikoloren-Truppe bei den Enduro-Sixdays Ende August offensichtlich bestens erhalten hatte, wussten die Gallier, dass Ego-Trips nicht für ein gelungenes Gemeinschaftswerk taugen. Homogene Resultate zwischen Platz drei von US-Re-Import David Vuillemin und Platz 13 von 125er-Mann Luigi Séguy reichten, um Mannschaftstitel Nummer zwei im Jahr 2001 zu gewinnen.Obwohl die Dreiklänge von den Soli übertönt wurden, spielten wenigstens die deutschsprachigen Vertreter bestens mit. Der längst in der Nähe von Stuttgart lebende Collin Dugmore - als gebürtiger Johannesburger allerdings für Südafrika am Start - donnerte zu einem der besten Resultate seiner Laufbahn: Rang zwei im ersten Lauf krönte die über 15-jährige Profikarriere des 33-Jährigen. Oder Bernd Eckenbach. Der Sportsmann aus dem Schwabenland geigte knapp hinter Dugmore im ersten Heat inmitten der Starbesetzung auf dem tollen sechsten Rang lässig mit. Obwohl´s in Lauf zwei nach einem schlechten Start etwas haperte, ergatterte das Germanen-Terzett mit Platz fünf immerhin sein bestes Resultat in der jüngeren Geschichte des Nationencross. Und weil ein guter Schluss eben doch alles ziert, fand auch Pit Beirer, dessen italienisches Freetime-Team übrigens im kommenden Jahr höchstwahrscheinlich von Yamaha zu Honda wechseln wird, wieder zu seinen alten Werten. Zwei zweite Plätze – einmal hinter Chad Reed und einmal hinter Everts – lassen nach der gelegentlichen sportlichen Funkstille in diesem Jahr für die kommende Saison wieder hoffen. Für Pit im Besonderen und für das Motocross der Nationen im Allgemeinen.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote