Motocross der Nationen in St. Jean d´Angély/Frankreich (Archivversion)

Tour de Fans

Die Fans wollten alles, die Fahrer in der französischen Equipe um Sébastien Tortelli (Foto) gaben alles – und doch war es zu wenig.

Die Superlative waren eingeplant: die bestpräparierte Strecke, die aufwendigste Werbekampagne, die meisten Zuschauer. Die Latte, an der der Motocross-Sport gemessen wird, sollte an diesem Wochenende im September neu aufgelegt werden. Frankreich wollte es der Welt zeigen – in St. Jean d´Angély, einem 3000-Seelen-Städtchen, gut 100 Kilometer nördlich von Bordeaux. Vier Millionen Mark hatte der Veranstalter in die Piste investiert. Selbst eine Düne am knapp 50 Kilometer entfernten Atlantikstrand wurde geopfert, die fortan als Tiefsand-Passage auf dem harten und steinigen Lehmboden dient. Doch der Anlass war der Mühe wert: Motocross der Nationen. In der Offroad-Szene gilt es als der Kampf der Giganten. Das Rezept dazu ist einfach. Die drei besten Crosser jedes Landes, verteilt auf drei Hubraumklassen, eingesetzt in drei Läufen. 125er gegen die Open-Klasse, 125er gegen 250er und 250er gegen Open – die besten fünf Resultate zählen, die Truppe mit der niedrigsten Punktzahl gewinnt. Und das waren von 1981 bis 1993 die Amerikaner – bis zu jenem Tag im September 1994, als im Schweizer Roggenburg das britische Team den Bann brach. Doch auch wenn seitdem Belgien und Italien der US-Truppe nur noch einen einzigen Titel gönnten, zittert die Szene bis dato alljährlich vor der Bedrohung aus dem fernen Westen – und kämpft bis heute mit Personalmangel bei ihren Führungskräften. Beispiel Belgien: Nach dem Armbruch von Ex-Weltmeister Stefan Everts rückte die Motocross-Vorzeigenation zwar mit 500er-Weltmeister Joel Smets und Vize Marnicq Bervoets an, 125er-Mann Patrick Caps spielt fahrerisch aber eine Liga tiefer. Oder Vorjahressieger Italien: Ex-500er-Champion Andrea Bartolini und 250er-Aufsteiger Claudio Federici gehören zu den Großen des Geschäfts, Neuling Thomas Traversini noch längst nicht. Umso schlimmer, dass die Amerikaner im neuen Jahrtausend die Rangfolge offenbar wieder zurechtrücken wollten und mit einer Edeltruppe anrückten. Beispielsweise mit Travis Pastrana. Der erst 16-jährige Youngster aus dem Bundesstaat Maryland gilt in Fachkreisen bereits jetzt als der neue Übercrosser. Der Suzuki-Pilot, der auch bei ultra-hippen Freestyle-Events die erste Geige spielt, sackte eine Woche vor dem Nationencross seinen ersten 125er-US-Titel ein. Oder Ricky Carmichael. Der kleine 19-Jährige aus Florida gilt ebenfalls als der Mann der Zukunft. Die Gegenwart bescherte ihm zeitgleich mit Pastrana den 250er-US-Outdoor-Titel. Die Vergangenheit vergessen will Ryan Hughes. Der in der Open-Klasse eingesetzte Kalifornier rückt für Honda in der 250er-WM aus, verpasste den Großteil dieser Saison aber durch ein gebrochenes Kahnbein und wünschte sich zum Comeback nichts sehnlicher als einen Sieg.Den sich aber zuallervorderst das einheimische Team sichern wollte. Und das mit gutem Recht. Denn gemeinsam mit den Amerikanern können die Franzosen derzeit in Sachen Talente aus dem Vollen schöpfen und selbst bei der Team-WM auf Hochkaräter wie 250er-Vizeweltmeister Mickael Pichon oder dessen Vorgänger David Vuillemin locker verzichten. Stattdessen traten die beiden Gallier im US-Exil, 125er-US-Vizemeister Stéphane Roncada und sein gleichrangiger Kollege in der 250er-Klasse, Sébastien Tortelli, samt Weltmeister Frédéric Bolley an. Und wäre die moralische Unterstützung ein Garant des Erfolgs, die Siegerehrung hätte schon vor den Rennen stattfinden können. Trotz landesweiter Tankstellen-Blockaden verwandelten 33 000 Fans die Piste in ein Meer nationalen Überschwangs. Doch Fortuna, die der Grande Nation den ersten Nationencross-Sieg der Geschichte hätte ermöglichen können, ließ sich in der Stunde der Wahrheit hängen. Ein aufgewirbelter Stein, der das Nasenbein von Fred Bolley im ersten Lauf zertrümmerte, reichte, um alle Hoffnungen zunichte zu machen. Wobei die Franzosen auch ohne diesen Ausfall den Triumphzug der US-Jungs nicht hätten aufhalten können. Rang eins und zwei für Carmichael, ein Laufsieg und Rang fünf für Hughes und ein zehnter Rang für Pastrana brachten die Höhle der gallischen Löwen schnell zum Einsturz. Für Deutschland blieb ohne das verletzte Zugpferd Pit Beirer nicht viel übrig. Für Jochen Jasinski mit Rang 14 das beste Laufergebnis des Teams, für Bernd Eckenbach im ersten Lauf der einzige Motorschaden der Truppe und für das 19-jährige Küken Marco Dorsch die erste Erfahrung in der ganz großen Motocross-Welt – in der es für das Germanen-Trio wenigstens noch zu Rang zehn reichte.
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Moto Cross der Nationen in Frankreich (Archivversion)

1. USA - 19 Punkte Travis Pastrana Suzuki 125 (10/15), Ricky Carmichael Kawasaki 250 (1/2), Ryan Hughes Honda Open (1/5)2. Italien - 36 Punkte Thomas Traversini Husqvarna 125 (12/22), Claudio Federici Yamaha 250 (5/13), Andrea Bartolini Yamaha Open (3/3)3. Belgien - 44 Punkte Patrick Caps KTM 125 (15/13), Marnicq Bervoets Yamaha 250 (3/4), Joel Smets KTM Open (-/9)4. Großbritannien - 47 Punkte Carl Nunn Yamaha 125 (18/24), Paul Cooper Husqvarna 250 (4/8), James Dobb KTM Open (2/15)5. Südafrika - 55 Punkte Grant Langston KTM 125 (6/11), Greg Albertyn Suzuki 250 (10/6), Ryan Hunt KTM Open (22/27)6. Japan - 62 Punkte Akira Narita Honda 125 (17/12), Yoshitaka Atsuta Honda 250 (7/12), Ryuichiro Takahama Honda Open (14/23)7. Australien - 99 Punkte Michael Byrne Honda 125 (-/21), Andrew McFarlane Kawasaki 250 (26/20), Chad Reed Yamaha Open (7/25)8. Finnland - 99 Punkte Jussi Vehvilainen Honda 125 (20/25), Marko Kovalainen Yamaha 250 (28/-), Miska Aaltonen Husqvarna Open (9/17)9. Tschechien - 103 Punkte Jan Zaremba Suzuki 125 (26/33), Jiri Cepelak Yamaha 250 (19/19), Michal Kadlecek Suzuki Open (13/26)10. Deutschland - 105 Punkte Marco Dorsch KTM 125 (16/32), Jochen Jasinski Honda 250 (14/21), Bernd Eckenbach Yamaha Open (-/22).

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