Motocross in Beaucaire/Frankreich (Archivversion)

Heiße Rote

Sie kam, sah – und siegte fast. Die Europa-Premiere der neuen Honda CR 450 gelang beinahe perfekt. Werksfahrer Andrea Bartolini (21) beeindruckte mit perfekten Starts und heißen Ritten.

Beaucaire, Februar 1997. Im Fahrerlager der Rennstrecke in der Nähe von Avignon enthüllt Yamaha mit der Werksmaschine YZF 400 F ein neues, revolutionäres Konzept in der Motocross-Technik. Ein kompakter, leichter und mit nur 400 cm³ Hubraum relativ kleinvolumiger Viertaktmotor soll die arrivierten Größen in der Halbliter-WM das Fürchten lehren. Und er tat es. Werksfahrer Andrea Bartolini wird in Beaucaire Neunter und mit immerhin fünf Laufsiegen auf Anhieb WM-Fünfter. Zwei Jahre später holt der Italiener den Titel. Beaucaire, Februar 1999. KTM präsentiert bei der internationalen Saison-Eröffnung mit der SX 520 das Gegenmittel zur fernöstlichen Attacke. Trotz größeren Hubraums fällt das Werks-Aggregat durch den Verzicht auf einen Doppelnocken-Kopf noch kompakter aus als der Yamaha-Motor. Dem Schweden Peter Johansson gelingt in Beaucaire zwar nur ein unglücklicher Auftritt, im selben Jahr ergattert er mit dem Neuling aber den Vize-WM-Titel. Beaucaire, Februar 2002. Keine Ansprachen, kein Stehempfang – und doch drängt sich ein Teil der 15000 Fans in dicken Menschentrauben vor dem Lkw von Berni Racing, dem einzigen direkt von Honda unterstützten Team in der Motocross-WM. Wieder ist es Andrea Bartolini, der einem weiteren Viertakt-Konzept den Weg ebnen soll – dem der Honda CRF 450 R. Die Eckdaten: Alubrückenrahmen, 450-cm³-Single mit dem ungewöhnlichen, Unicam genannten Ventiltrieb, bei dem eine einzige Nockenwelle die Einlassventile direkt und die Auslassventile über einen leichten Gabelkipphebel betätigt. Mit 106 Kilogramm ist die Honda der leichteste aller Viertakt-Crosser. Freilich, das Flair der Unberührtheit geht der heißen Roten ab. Die Vorserien-Versuche hatte American Honda bereits im vergangenen Jahr in der US-Motocross-Meisterschaft erledigt. Dennoch: Für die Viertakt-CR bedeutete der Auftritt in Beaucaire das Debüt in Europa und die Generalprobe für die WM. Dass die Rundenzeiten konkurrenzfähig sind, war Insidern schon seit den ersten Tests mit der Neuen klar. Zumal die Techniker des sehr professionell agierenden Berni-Teams dem Production Racer auf die Sprünge halfen. Werksfederelemente von Showa sowie stabilere Räder rüsten das Fahrwerk auf. Eine programmierbare Zündung, polierte Ein- und Auslasskanäle, ein in Eigenregie oval aufgebohrter 40er-Keihin-Vergaser sowie eine Titan-Auspuffanlage päppeln die im Serienzustand 52 PS starke CRF auf – für, wie gesagt, schnelle Rundenzeiten. Doch nicht nur in Beaucaire heißt es: Gut gestartet ist halb gewonnen. Und in dieser Beziehung hatte der 33-jährige Routinier aus Imola seine Bedenken. Denn kleine Hubräume sorgen zwar für quirlige Leistungsentfaltung und agiles Handling, im Sprint zur ersten Kurve bleiben die Winzlinge jedoch meist auf der Strecke. Zumal die härteste Konkurrenz Bartolinis auf große Töpfe und dementsprechend viel Leistung und Drehmoment setzt. Die 520er-KTM von Ex-Weltmeister Joel Smets, die im Serientrimm zwar nur 510 cm3 besitzt, wuchs in der Werks-Version mittlerweile auf 539 cm3 und über 60 PS an. Die Kubatur der Werks-Yamaha stieg von 400 cm³ (1997er) über 426 cm3 (1998 bis 2000) ab der Saison 2001 auf einen geheim gehaltenen, auf alle Fälle aber über 500 cm³ liegenden Wert des Bikes von Champion Stefan Everts. Und sie standen alle hinter dem Startgatter des für alle Klassen offenen Interrennnens in Beaucaire. Bartolinis 500er-Widersacher Smets und der französische Neuzugang bei KTM, Yves Demaria, die Halbliter-Yamaha-Werkstruppe mit Everts und Kollege Marnicq Bervoets, die Kawasaki-Equipe mit den frisch verpflichteten Kenneth Gundersen und Andrew McFarlane, der 125er-Weltmeister James Dobb und – als 250er-Kollege von Bartolini im Berni-Honda-Team - auch Pit Beirer. Doch die 450er-Honda sollte ihre Feuertaufe bestehen. Im dritten Gang ließ Bartolini die CRF aus dem Stand vom Startgatter wegziehen, hielt trotz der langen und ansteigenden Startgeraden locker mit - und bog bei zwei der drei Läufe als Erster in die Starkurve. Selbst dass Kämpfer Smets sich noch in beiden Heats vorbeischieben konnte und mit Rang drei im dritten Rennen den Gesamtsieg vor Bartolini sicherte, störte da nicht groß – die letzten Zweifel an der neuen Honda waren ausgeräumt. Auch wenn nach Beaucaire zumindest noch eine Unbekannte im Kampf um das ideale Konzept bleibt: Stefan Everts. Der amtierende Weltmeister hatte sich zwei Jahre seiner Karriere durch schwere Stürze in Beaucaire vermasselt und beschied sich daher vornehm zurückhaltend mit Rang acht. Denn nicht nur für Herr Everts beginnt die aktuelle Zeitrechnung mit dem 24. März, dem WM-Auftakt im holländischen Valkenswaard. Aber darin dürfte Andrea und die Honda ab sofort mit einkalkuliert werden – ganz bestimmt.
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Moto Cross in Beaucaire/F (Archivversion)

1. Joel Smets (B) KTM (1. Platz./1. Platz./ 3.Platz), 2. Andrea Bartolini (I) Honda (2/2/6), 3. Pit Beirer (D) Honda (7/3/2), 4. Frédéric Bolley (F) Yamaha (3/13/1), 5. Joshua Coppins (NZ) Honda (5/6/5), 6. Andrew McFarlane (AUS) Kawasaki (6/8/7). 7. Yves Demaria (F) KTM (-4/4), 8. Stefan Everts (B) Yamaha (8/7/8), 9. Steve Ramon (B) KTM (10/10/10), 10. Marnicq Bervoets (B) Yamaha (11/5/-).

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