Motocross-WM Gaildorf (Archivversion) Jedem das Seine

Mickael Pichon konnte in Gaildorf mit seinem Sohnemann den vorzeitigen Gewinn der 250er-WM feiern. Pit Beirer schaffte mit etwas Glück das beste Ergebnis der Saison - und fährt dem Vizetizel entgegen.

Gaildorf ist ein gutes Pflaster für das Motocross-Werksteam von Suzuki. 1994 holte Greg Albertyn auf dem Traditionskurs Auf der Wacht den 250er-Titel für die Gelben. Im vergangenen Jahr konnte die vom Belgier Sylvain Geboers gemanagte Truppe erneut beim deutschen Grand Prix in der Viertelliterklasse zuschlagen: Mickael Pichon krönte sich bereits vorzeitig zum Champion. Und auch diesmal hatte der 26-jährige Franzose die Chance, den Titel schon in Gaildorf unter Dach und Fach zu bringen – beim drittletzten GP der aktuellen Saison. Nach dem Training war bei Pichon äußerlich keine Spur von Anspannung zu erkennen. »Ich will mit derselben Einstellung wie immer ins Rennen gehen und gewinnen. Wenn ich auf Ankommen fahre, schleichen sich nur Fehler ein, und die Sache geht am Ende noch schief«, lautete die Parole des selbstbewussten WM-Favoriten. Business as usual also, denn vor Gaildorf hatte Pichon schon acht Läufe souverän gewonnen.Auf dem Weg zu Erfolg Nummer neun standen dem Suzuki-Star nur kurz die beiden Yamaha-Piloten Johnny Aubert und Alessio Chiodi im Weg. Ab Runde vier düste Pichon wie gewohnt vorneweg, ein weiterer Sieg und damit die Weltmeisterschaft schienen reine Formsache zu sein. Obwohl beides am Ende geklappt hat, atmete der alte und neue Regent im Ziel erst einmal kräftig durch: »Ich muss gestehen, dass ich heute morgen doch viel nervöser war als sonst. Während des Rennens glaubte ich, seltsame Geräusche zu hören und dachte immer wieder: Hoffentlich hält mein Bike, hoffentlich geht nichts kaputt.«Den Horror, einen großen Erfolg vor Augen zu haben und mit einem technischen Defekt zu scheitern, musste dafür Pichons französischer Landsmann Johnny Aubert erleben. Der Pilot des Kurz-Casola-Teams fuhr auf Platz zwei dem besten Resultat seiner WM-Karriere entgegen, als in der letzten Runde das Federbein seiner Yamaha schlapp machte. Mit schmerzhaften Folgen für den Fahrer: Kurz vor dem Ziel wurde Aubert bei einem Bergab-Sprung kopfüber vom Motorrad katapultiert und musste mit einer Gehirnerschütterung und Prellungen ins Krankenhaus gebracht werden.Des einen Leid, des anderen Freud: Auberts Pech verhalf Pit Beirer in Gaildorf zu Rang zwei. Eine Platzierung, die der noch von einer Grippe geschwächte Lokalmatador sonst nie und nimmer geschafft hätte. »Ich fühle mich müde und schlapp und war heute körperlich absolut am Limit«, schnaufte der Honda-Fahrer und ergänzte: »Der Johnny tut mir echt leid, er hätte den zweiten Platz klar verdient gehabt.« So verbuchte Pit Beirer vor 15 000 Zuschauern sein bislang bestes Ergebnis in dieser 250er-Saison. Zuvor waren auch bei 100-prozentiger Fitness dritte Plätze das Maximum. Mal fuhr sein Teamkollege Joshua Coppins einen Tick schneller, mal die beiden Ex-Weltmeister Frederic Bolley und Alessio Chiodi, mal KTM-Werkspilot Gordon Crockard. Und natürlich Mickael Pichon. Nur einmal überließ der WM-Überflieger die oberste Stufe des Siegerpodests einem anderen – dem Norwerger Kenneth Gundersen beim ersten deutschen Saisonlauf im April in Teutschenthal. »Pichon ist der kompletteste Fahrer«, erkennt Pit Beirer die Überlegenheit des französischen Seriensiegers und Weltmeisters neidlos an.Dessen Erfolg ruht im wesentlich auf drei Säulen: seiner enormen Grundschnelligkeit, intensivem Fitnesstraining und seiner vierjährigen Erfahrung im US-Supercross mit zwei Meistertiteln in der 125er-Klasse. »Das Fahrtraining habe ich in den letzten Jahren etwas reduziert. Als junger Spund konnte ich gar nicht genug kriegen vom Training auf der Strecke. Jetzt fahre ich aber schon 20 Jahre Motocross, und es macht mich müde, wenn ich zu oft mit der Maschine unterwegs bin«, erklärt Pichon, der seine Karriere mit sechs Jahren startete. Dafür legt er mittlerweile gesteigerten Wert auf seine Kondition. Training mit dem Rennrad sowie Schwimmen und Joggen – über den Winter richtig intensiv, in der Saison etwas gemäßigter – stärkt seine Physis und macht ihm als Ausgleich zum Rennstress obendrein noch richtig Spaß. Pit Beirer hat sich damit abgefunden, dass Mickael Pichon derzeit einen super Lauf hat. Und im Gegensatz zu früher fährt der deutsche Cross-Held in diesem Jahr nicht mehr nach der Devise: Alles oder Nichts. Stattdessen sind konstante Leistungen angesagt. Das Resultat kann sich sehen lassen: keine Verletzungen, WM-Punkte in jedem Grand Prix und derzeit Platz zwei in der Tabelle – mit fünf Zählern Vorsprung auf seinen in Gaildorf viertplatzierten Teamkollegen Joshua Coppins.Dem wurden allerdings in Gaildorf von Teamchef Fabrizio Berni zunächst die Maschinen vorenthalten. Der musste die Bikes aber schließlich doch herausrücken, da sie Honda gehören. Coppins trat letztlich mit eigenem Mechaniker und ohne die offiziellen Teamaufkleber an. Hintergrund ist die Doping-Affäre des Neuseeländers, der beim österreichischen Lauf positiv getestet worden war und ein in der Szene umstrittenes, weil vergleichsweise sehr mildes Urteil bekommen hat: Das Disziplinargericht des Weltverbands FIM verurteilte ihn wegen der Einnahme von Pseudo-Ephedrin und Cathine – beide Substanzen zählen zu den Stimulanzien – zu einer dreimonatigen Rennsperre auf Bewährung und zum Abzug der Punkte vom Kärntenring. Dieses Urteil entspricht in keinster Weise den Regeln des Internationalen Olympischen Kommitees (IOC), dessen Mitglied die FIM ist, und wird von Fachleuten als bittere Niederlage im internationalen Kampf gegen Doping gewertet. Wie es bei Berni-Honda weitergeht, soll sich bis Anfang September entscheiden. Beirers Vertrag läuft aus. Er möchte aber gerne bleiben, weil er dort mit der Honda das für ihn ideale Motorrad zur Verfügung hat. Eine Alternative für 2003 wäre KTM. Trotz angeschlagener Gesundheit kickte der deutsche Cross-Held in Gaildorf auch die 450er-Honda an, um sich mit den Viertakt-Stars der 500er-WM zu messen. Lange Zeit fuhr er auf dem siebten Platz, ehe gegen Schluss die Kräfte drastisch schwanden. Das zweite Rennen an diesem heißen Tag war offensichtlich zu viel für den 29-jährigen Blondschopf: Mit Magenkrämpfen und Kreislaufproblemen konnte sich Pit Beirer als 20. gerade noch ins Ziel retten.Vor Kraft und Energie strotzte dagegen Joel Smets, der souveräne 500er-Sieger. Zunächst schlecht gestartet, hatte der KTM-Werkspilot Runde für Runde Boden gut gemacht und im Schlussdrittel seinen Rivalen Stefan Everts nicht nur überholt, sondern einfach stehen lassen – genau so, wie Lance Armstrong kürzlich bei der Tour de France mit einem kurzen Antritt am Berg seine Konkurrenten zu Statisten degradiert hat. Frustriert musste Everts zunächst seinem Yamaha-Teamchef Carlo Rinaldi und dann der Presse eingestehen, dass er Smets diesmal nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen hatte. Das Duell der belgischen Superstars steht nach Laufsiegen jetzt 5:4 für Smets, die WM-Krone wird am Ende aber Everts verteidigen. Er hat sich im Gegensatz zu seinem Konkurrenten in diesem Jahr noch keinen Nuller geleistet, beständiger gepunktet und verfügt deshalb in der Tabelle über satte 40 Zähler Vorsprung.Prickelnde Spannung garantiert dafür der WM-Endspurt der 125er. Gaildorf-Sieger Mickael Maschio liegt in der Gesamtwertung nur einen Punkt vor Patrick Caps, und Steve Ramon ist mit weiteren sieben Zählern Rückstand ebenfalls noch auf Tuchfühlung. Bester heimischer Pilot wurde Josef Dobes auf Platz zehn. Einige Runden kämpfte er mit Marco Dorsch um die innerdeutsche Wertung, ehe Dorsch mit Magenproblemen und Übelkeit abdrehen musste. Für den Neffen der Cross-Legende Rolf Dieffenbach war Gaildorf kein gutes Pflaster.

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