Motocross-WM Die WM in Bellpuig/E

Vier deutsche Siege in vier Rennen: Zur Mittagspause strahlte die Cross-Welt schwarz-rot-gold in Bellpuig. Die beiden restlichen Rennen gingen nur mit großem Pech verloren. Hinter den neuen Superhelden Nagl und Roczen stehen zwei sehr unterschiedliche Werksteams aus Österreich und Japan.

Foto: Archiv

selten waren Sieger so unzufrieden wie die beiden Deutschen Max Nagl und Ken Roczen nach dem kata-lanischen Motocross-GP in Bellpuig. Noch zur Mittagszeit, nach den jeweils ersten Rennen zur MX1- (bis 450 cm?) und MX2-WM (bis 250 cm?, Fahrer bis 23 Jahre) durfte jeder der beiden noch mit einem makellosen Renntag rechnen. Ken Roczen hatte sich nach durchschnittlichem Start bravourös gegen seine Erz-rivalen in der WM der jungen Wilden durchgesetzt, den französischen Kawasaki-Fahrer Steven Frossard und den gegenüber dem 16-jährigen Roczen sogar noch ein Jahr jüngeren Niederländer Jeffrey Herlings. Weltmeister und Tabellenführer Marvin Musquin, KTM-Werksfahrer-Kollege von Herlings, war völlig indisponiert als Siebter ins Ziel gerollt und lag vor dem zweiten Rennen nur noch ein WM-Pünktchen vor "King Kenny".

Auch Max Nagl ließ sich inspirieren von der deutschen Erfolgswelle - neben Roczen hatte Nagls KTM-Werksfahrer-Kollegin Stefanie Laier auch beide Rennen zur Damen-Motocross-WM überlegen gewinnen können. Der bayerische Schwabe setzte am Start einmal mehr die Extra-Power seiner bärenstarken Werks-KTM 450 - sie gilt mit 70 PS als leistungsstärkste Maschine im Feld - perfekt um und bog als Erster in die erste Kurve ein. Ebenso sauber gelang Max Nagl auch die anschließende Soloflucht über die gesamten 35 Minuten plus zwei Runden. Über acht Sekunden zurück lag im Ziel der zweitplatzierte Italiener David Philippaerts auf der Rinaldi-Yamaha, noch viel weiter alle anderen. MX1-Titelverteidiger Toni Cairoli kam wie MX2-Kollege Musquin überhaupt nicht klar und wurde gar nur Sechster.

Max Nagl und Ken Roczen konnten also mit jeweils einem weiteren Sieg den deutschen Triumph in Bellpuig komplett machen und beide auch an die WM-Tabellenspitze ihrer Klasse steigen. Aber der sehr konkrete Traum in Schwarz-Rot-Gold platzte.

Zuerst erwischte es den jungen MX2-Angreifer. Roczen setzte den offenbar aufgewachten, führenden Weltmeister mit zunehmender Renndauer zwar immer mehr unter Druck. Doch als Marvin Musquin nach einer knappen halben Stunde sturmreif schien, konnte Roczen plötzlich seine bis dahin perfekten Linien nicht mehr halten, verlor den Kontakt zur Nummer eins und bekam von der Box das rätselhafte Signal "Try to finish - Versuch, ins Ziel zu kommen".

Was war passiert? "Das Motorrad hatte plötzlich rätselhafte Aussetzer, von perfektem Fahren konnte keine Rede mehr sein", so der enttäuschte Thüringer. Schließlich starb der Suzuki-Motor völlig ab. Teamchef Thomas Ramsbacher diagnostizierte später einen elektrischen Spannungsabfall, "den wir noch nicht erklären können".

Leider nahm sich Max Nagl auch diesmal den deutschen Landsmann als Vorbild. Erneut führte er die MX1-Meute vom Start weg an. Sein Vorsprung pendelte sich aber diesmal bei nicht uneinholbaren ein bis zwei Sekunden ein. Nicht genug für eine stressfreie Siegfahrt. Sechs Runden vor Schluss legte er sich samt KTM quasi direkt auf die Ziellinie, fiel dadurch auf den sechsten Rang zurück, stürzte in der letzten Runde nochmals und wurde Neunter. "Ich hätte heute zweimal gewinnen müssen", so der verhinderte WM-Spitzenreiter, "aber nach den perfekten ersten Rennen gelingen mir die zweiten derzeit einfach nicht, das war schon vor einer Woche in Portugal (Sieg und Rang fünf) ganz genauso." "Da muss er sich deutlich verbessern, sonst wird er nicht Weltmeister", diese harten Worte seines Betreuers, des Multiweltmeister Stefan Everts, wird Nagl zerknirscht, aber doch bedenkenlos unterschreiben.

Denn mit der Struktur des KTM-Werksteams hat Nagl, wie auch seine sechs Werksfahrer-Kollegen in Orange, die besten Voraussetzungen im MX-Paddock. Angeführt von KTM-Sportchef Pit Beirer, Motocross-Legende Heinz Kinigadner und eben Everts arbeiten 25 Leute fieberhaft für den Erfolg. "Das Motocross-Team ist für KTM ganz wichtig, um die Firma als Ganzes am Leben zu erhalten", erklärt Kinigadner ebenso staatstragend wie gradlinig, "unsere Erfolge hier wirken sich direkt auf die Verkäufe im Kernbereich von KTM, bei den Offroad-Motorrädern aus. Das ist deutlich nachzuweisen."

So setzt also KTM sozusagen alle Gewehre auf die MX-Start-maschine, während die anderen, vor allem die japanischen Hersteller ihr offizielles Engagement etwas zurückhaltender betreiben. Während das Yamaha-Rinaldi-Team wenigstens noch im offiziellen Werksauftrag eigene Entwicklung betreibt, sieht es bei Honda und Kawasaki sehr ähnlich aus wie in Ken Roczens Teka-Suzuki-Team. "Die Werks-Motorräder und natürlich auch ein finanziell wesentlicher Beitrag zum Gesamtbudget kommen aus Japan", erklärt Suzuki-MX1-Teamchef, Ex-Weltmeister Eric Geboers, "das gesamte operative Geschäft jedoch besorgen wir selbst. Bei der Weiterentwicklung der Maschinen sind wir aber von Japan abhängig."

Trotzdem sieht der Belgier gegenüber der KTM-Vollgastruppe keinen zu großen Nachteil. "Im Motocross macht die pure sportliche Leistung des Fahrers nach wie vor mindestens 70 Prozent des Gesamtergebnisses aus, und die haben wir ja selber in der Hand."

Der MX1-Tagessieg in Bellpuig durch Tanel Leok aus Estland auf einer Standard-Honda des privaten belgischen LS-Teams darf als Bestätigung von Geboers‘ Einschätzung gewertet werden.

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