Motocross-WM in Bellpuig/Spanien (Archivversion) Einer für alle

Drei Klassen, drei Weltmeister. Zu viel für die Motocross-WM - meinen die Organisatoren. In der neuen MotocrossGP-Liga soll nun der wahre Champion gekürt werden.

Joel Smets tobt. Der vierfache Halbliter-Weltmeister marschiert im Vorzelt des Renntransporters von KTM auf und ab, erklärt sich und der Welt, dass es so nicht weitergehen könne. Er weiß, dass es nichts ändern wird, doch es muss heraus. Denn seit die internationale Motorradsport-Föderation FIM Mitte der neunziger Jahre die Austragungsrechte der Motocross-WM zunächst an die italienische Action Group und dann an die spanische Vermarktungsagentur Dorna verkauft hat, kommt der eigentlich so bodenständige Sport nicht mehr zur Ruhe. Weil die Stollenbranche attraktiver werden soll. Nur über den Weg zur Erleuchtung im holprigen Geläuf streiten sich die Geister. Ob Austragungsmodus, Streckenauswahl, TV-Präsenz oder Klassen-Einteilung, kein Aspekt, der sich vor dem jüngsten Offroad-Gericht noch nicht hätte verantworten müssen.Und nun ist sie da, die Liga der Champions: MotocrossGP. Ein Haifischbecken, in welches das Reglement noch Blut kippt. Offen für 250er-Zweitakter und 450er-Viertakter. Bewusst geschaffen, um die Besten der Besten gegeneinander antreten zu lassen. Mit der Gewissheit, dass alle Hersteller in einem oder beiden dieser Motorenkonzepte ihre heißesten Eisen im Feuer haben. Und – so Motocross-Enthusiast Smets´ Befürchtung – die Privatfahrer, die selbst auf WM-Niveau bislang die Basis dieses Sports bildeten, endgültig keine Chance mehr haben. Denen bleiben bestenfalls die beiden anderen WM-Klassen, die 125er- oder 650er-Kategorie. Nur: Die werden künftig im Schlagschatten des auf die MotocrossGP gerichteten Scheinwerferlichts ihr wenig beachtetes Dasein fristen.Was sogar Cracks wie Herrn Smets vor diesem Tag X zittern ließ, bedeutete nicht nur für die 15 000 Fans vor Ort sportliche Feinstkost. Engagierte doch jeder Hersteller die erlesensten Piloten, um in der knallharten Konkurrenz zu bestehen. Honda: Stilist Gordon Crockard auf der 450er-Viertakter. Kawasaki: das bewährte Duo Andrew McFarlane und Kenneth Gundersen auf der Viertelliter-Zweitakter. KTM: Ex-125er-Weltmeister James Dobb und Deutschlands Ober-Crosser Pit Beirer auf der Zweitakt-SX 250, Joel Smets auf der Viertakt-SX 450. Suzuki: 250er-Doppelweltmeister Mickael Pichon auf dem Viertelliter-Zweitakter. Yamaha: Superstar und sechsfacher Weltmeister Stefan Everts samt Edel-Wasserträger Marnicq Bervoets auf der neuen 450er-Viertakter. Allesamt erstklassig – und gleichwohl lediglich die Spitze eines Eisbergs mit einem weiteren guten Dutzend hoch dekorierter Stars der Branche.Die sportliche Grundsatzdiskussion zwischen den aggressiven Zweitaktern und den sonoren Viertaktern interessierte die Kenner jedoch nur am Rande. Schließlich wird das taktvolle Gegeneinander in fast allen nationalen Motocross-Meisterschaften dieser Welt schon seit Jahren gepflegt. Meist mit dem ebenso sportlich korrekten wie durchaus simplen Resultat: dass der beste Fahrer gewinnt – unabhängig von seinem Untersatz. Und genau diese Erkenntnis bestätigte trotz aller Vorschuss-Superlative auch die MotocrossGP-Prominenz. Denn auf der sprungübersäten Piste regierte nur einer: Mickael Pichon. Der 27-jährige Franzose, der bereits die 250er-WM der beiden vergangenen Jahre im Alleingang dominiert hatte, drückte der Erstliga in Bellpuig derart dominant seinen Stempel auf, dass die Marseillaise durchaus zum Sommerhit der Motocross-WM 2003 zu werden droht. Wenngleich sich erfahrungsgemäß gerade die Herren Smets und Everts, Ersterer als gekränkter Halbliter-Fan mit furioser Jetzt-erst-recht-Attitüde, Letzterer mit einem krankhaft ausgeprägten Ehrgeiz, mit Platz zwei respektive drei ihre Lauerstellung für moderatere Pisten konservierten. Wie auch Pit Beirer. Mit steinharten Unterarmmuskeln wasserte der Sportsmann bei seinem Stapellauf auf der 250er-KTM etwas zu zurückhaltend und spürte subito die Schattenseiten der Ausnahme-Liga. Denn so bravourös ein achter Platz im Feld der Edel-Crosser auch sein mag, mehr Anerkennung als das gleiche Ergebnis in der bisherigen 250er-WM bringt dieses Resultat kaum. Und wohl genau deshalb verweigert sich ein Teil der Stollen-High-Society der neuen Klasse. Was im Fall der 650er-Klasse nicht viel hilft. Schließlich dominierte sie Herr Smets – übrigens als einziger namhafter Doppelstarter des Wochenendes – auf der 550-cm³-KTM nach Belieben und ließ an Lokalmatador Javier Garcia-Vico und dem Franzosen Yves Demaria auf den Plätzen zwei und drei nur den angestauten Zorn über die aktuelle Entwicklung ab.Was für Mickael Maschio offensichtlich auch galt. Der amtierende 125er-Weltmeister, dem die Öffnung seiner Klasse für die effizienteren 250er-Viertakter hätte berechtigte Sorgen bereiten können, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und sicherte sich auf der 125er-Zweitakt-Werks-Kawasaki Saisonsieg Nummer eins. Wobei er sich vor den beiden Yamaha-Viertaktern von Alessio Chiodi und Andrea Bartolini den Rest des Jahres sicher noch in Acht nehmen muss. Wohl erst später droht vom neuen 250er-Viertakt-Projekt von KTM Gefahr. Mit einem extrem kurzhubig ausgelegten Motor – Insider sprechen von einem Millimeter weniger Hub als bei der Yamaha YZ 250 F – schickten die Österreicher den Holländer Erik Eggens ins Gefecht. Der wurde im Qualifikationsrennen zwar Fünfter, stürzte aber am Start des 125er-Laufs und gab auf. Dennoch versprechen die technischen Daten einiges: Mit Dohc-Zylinderkopf mit vier über Schlepphebel betätigten Titanventilen, über Stirnräder und eine kurze Kette angetriebene Nockenwellen, einer Ausgleichswelle und einer Nenndrehzahl von 14 000/min dürfte KTM für die viertaktende Zukunft in der kleinsten Klasse gerüstet sein. 2005 soll der Prototyp in Serie gehen.Was Vermarkter Dorna dann herzlich wenig interessieren wird. Denn schon vor dem Termin in Bellpuig haben die Iberer – offiziell aus finanziellen Gründen, inoffiziell durch fehlende Akzeptanz in der Szene – den Rückzug aus der Motocross-WM zum Ende dieses Jahres bekannt gegeben. Ob Herr Smets und Co damit wieder ihren Seelenfrieden finden werden, darf aber bezweifelt werden. Denn nicht nur für die aktuellen Motocross-Haudegen gilt: Es kommt selten was Besseres nach.

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