Motocross-WM in Bellpuig/Spanien (Archivversion) Gemeinsame Sache

Lange hatte die Motocross-Szene auf diesen Tag gewartet. Alle Fahrer, alle Klassen an einem Tag auf den besten Strecken – die ultimative WM. Von der neuen Gemeinsamkeit bleibt nach der Premiere aber keine Spur.

Pit Beirer fiel ein Stein vom Herzen. So schwer, dass es die Fans außen an der Strecke hätten hören müssen. Platz zwei. Ganz knapp hinter Sieger Mickael Pichon. Erkämpft von der ersten bis zur letzten Runde. Beileibe nicht das erste Top-Resultat für den WM-Dritten des vergangenen Jahres. Aber dennoch ein ganz wichtiges. Privatfahrer auf Suzuki, Semi-Werkspilot auf Honda und Werksfahrer für Kawasaki – das ganze Spektrum hatte er bereits durchgemacht. Nur diesen verdammten WM-Titel noch immer nicht geholt. Sollte es dann ausgerechnet in dieser Saison klappen? Als Neuling im so genannten Freetime-Team, einer halboffiziellen Yamaha-Werksmannschaft? Wer weiß. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht. Ein sehr guter sogar.So einer, wie ihn der gesamte Motocross-WM-Zirkus beim Saisonstart im spanischen Bellpuig nahe Lerida erwartet hatte. Denn nach Jahren der Vorarbeit sollte in dieser Saison der Ritterschlag stattfinden: Alle drei Soloklassen am selben Wochenende am selben Ort, jeweils ein einziges Rennen pro Kategorie – exakt nach dem Vorbild der Straßen-GP wollte nun auch die vereinigte Offroad-Liga bei den ganz Großen mitspielen. Und die Szene unterstützte die Action Group um den Italiener Giuseppe Luongo, verantwortlich für das neue Konzept. Noch nie zuvor rollten im Offroad-Bussiness so viele Sattelschlepper ins Fahrerlager, noch nie zuvor gaben sich die Teams und Piloten so viel Mühe, diese historische Chance zu nützen. Doch dann kam Bellpuig – und alles wurde anders.Schlag eins: Die Dorna, seit Jahren die Vermarktungsagentur der Straßen-GP, hatte am Ende der vergangenen Saison Luongos Action Group übernommen. Seitdem besitzen die Spanier das Sagen - und die Möglichkeit zum Abkassieren. Bis zu einer halben Million Mark müssen potenzielle WM-Veranstalter nun allein für das Austragungsrecht eines Motocross-GP berappen. Schlag zwei: Die vollmundig versprochene TV-Direktübertragung aller WM-Läufe fällt weitgehend ins Wasser. Statt live am Sonntagnachmittag flimmern die meisten Rennen in einer einstündigen Zusammenfassung am Dienstagabend auf dem Spartensender Eurosport über die Bühne. Schlag drei: Ab der Saison 2002 sollen die 250er- und 500er-WM in einer so genannten Open-Klasse verschmolzen werden. Die Meinung derTeams oder Fahrer holten der Weltverband FIM und die Dorna vor dieser Entscheidung gleich gar nicht ein. Addieren sich zu diesem Szenario noch die horrend gestiegenen Eintrittspreise - in Bellpuig kostete ein Ticket mit Fahrerlagerzugang immerhin 110 Mark - verdunkelt sich der eben noch so rosige Himmel über der Zukunft des Stollenlagers blitzartig. Kein Wunder versucht die Szene gegenzusteuern. In einer gemeinsamen Resolution wird von der FIM die Beibehaltung aller drei WM-Klassen verlangt. Seltsam nur, dass zwar alle europäischen Hersteller sowie Kawasaki, nicht aber Honda, Suzuki und Yamaha die Forderung unterzeichneten. Was durchaus die These zulässt, dass dem rasanten Sinneswandel der FIM ein japanischer Wille zugrunde liegen könnte – dem, künftig den gesamten Motocross-Markt oberhalb von 250 cm3 Hubraum mit einem einzigen, auch als Sportenduro einsetzbaren Viertaktmodell abzudecken. Yamaha hat mit der 426er längst den ersten Stein geworfen, Honda wird mit der RC 450 noch in diesem Jahr nachziehen. Der seit Monaten schon gegen das jetzige WM-Konzept opponierende 500er-Weltmeister Joel Smets jedenfalls sieht seine Ängste von der Entwicklung bestätigt. »Wofür nützen unsere Sattelschlepper, wenn die Leute kaum noch ins Fahrerlager kommen? Was bringt eine WM, die die Veranstalter in den Ruin treibt? Was soll ich meinen Sponsoren sagen, denen ich Live-TV versprochen habe? Mit dieser Truppe hat Motocross keine Zukunft«, faucht der streitbare Flame. Schade wär´s. Denn was in Bellpuig in sportlicher Hinsicht präsentiert wurde, rechtfertigt zumindest das aktuelle Konzept der WM.Sie waren alle da. Alle Stars, alle Sternchen, alle Amateure, alle Werke. Und sie gaben alles, für ihre einzige Chance an diesem Wochenende. So wie James Dobb in der 125er-Klasse. Der 28-jährige KTM-Werkspilot hatte schon vor den Trainings vorhergesagt, wer im Jahr 2001 Weltmeister werden wird: er, sonst niemand. Und so fuhr er auch. Eine Klasse besser als der Rest. Weder der überraschende und junge Teamkollege Thomas Traversini noch Ex-Weltmeister Alessio Chiodi konnten dem Briten auch nur annähernd das Wasser reichen. Wen es in der 250er-Klasse zu schlagen gilt, darüber müssen sich die Herren dieser Liga noch einig werden. Wie gesagt, der Franzose Mickael Pichon, Suzuki-Werksfahrer und letztjähriger Vizeweltmeister, holte den Sieg, doch die Gefolgschaft lauerte knapp dahinter. Pit Beirer sowieso, aber auch das bisherige Schattenkabinett wittert Morgensonne. Gordon Crockard zum Beispiel. Der erst 22-jährige Honda-Pilot mit dem eleganten Fahrstil führte sogar eine Weile, bis Kondition und Nerven den Jungen aus Belfast kurz aus einer Spurrille und damit auf Rang sechs warfen. Oder Claudio Federici. Der ruhige Römer will sich mit Ehrenrängen nicht länger abfinden, ging in Bellpuig ebenfalls eine Zeit lang in Führung, um im Waschbrett kurz abzusatteln. Rang vier. Und vor allem wäre da noch Frédéric Bolley. Der amtierende Weltmeister hat einen harten Winter hinter sich. Seinen bisherigen Arbeitgeber, das Schweizer Pamo-Team, in dessen Obhut sich die Honda-Werksmaschinen befanden, verließen für diese Saison die pekuniären Kräfte. Erst zwei Wochen vor dem WM-Auftakt transferierte Honda den Champion samt Werksrennern ins italienische Honda-Martin-Team. Was dem Speed des jungen Manns aus Marseille wenig Abbruch tat. Trotz miserablen Starts signalisierte die Aufholjagd des Galliers mit Rang drei dem Führungsduo für die Zukunft: Aufpassen, Jungs. Aufpassen.Aufpassen muss das Halbliterfeld auf Stefan Everts. Der vierfache Weltmeister fand nach zwei Jahren Verletzungspause und unglücklichen Vertragsstreitereien mit Husqvarna nun im Yamaha-Werksteam nicht nur seinen Frieden, sondern offensichtlich auch seine gewohnte Präzision zurück. Auf Anhieb gelang dem Flamen ein beeindruckender Sieg – den er vielleicht zu einem gut Teil auch den unerfreulichen Neuigkeiten in der WM zu verdanken hat. Denn für den übers gesamte Wochenende just darüber echauffierten Smets reichte ein Moment der Unachtsamkeit, um nach einem Sturz die überragende Führung an den Landsmann abzugeben. Zum Trost der Fans dürfte die anschließende Aufholjagd zu den Highlights der gesamten Saison gehören. Und da soll noch einer sagen, die Dorna hätte nichts für den Sport übrig.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote