Motocross-WM in Gaildorf (Archivversion) Die Zwei

Zwei Würfel sind in der Motocross-WM bereits gefallen. James Dobb (2) holte in Gaildorf den Titel bei 125ern, Mickael Pichon bei den 250ern.

Sie sind einiges gewohnt, die Gaildorfer Fans und die Gaildorfer Piste. Jede Menge hochkarätig besetzte internationale Rennen, unzählige WM-Läufe und zwei Auflagen des Motocross der Nationen. In Offroad-Kreisen spricht man ehrfurchtsvoll von der Kleinstadt, die knapp 60 Kilometer nordöstlich von Stuttgart liegt. Und das seit beinahe 40 Jahren.Doch nichts ist so beständig wie die Veränderung. Und in dieser Saison hat sich wirklich viel verändert in der Welt der Grobstöller. Triple-GP heißt das Schlagwort. Motocross all inclusive. Die Besten der Guten bei der gemeinsamen Flugschau. Drei Klassen, drei Läufe. Noch nie hat der Begriff, den die Offroad-Fans bislang nur schüchtern in den Mund nahmen, seine Bedeutung so verdient: Grand Prix.Und die Fans honorierten den Auftritt. 15 000 waren´s. Gerade genug, um das 500 000-Mark-Budget des Veranstalters zu decken. Mit Schumis absehbarem WM-Triumph in direkter Konkurrenz, zeigte das Offroad-Völkchen ganz wacker Flagge.Und sie sollte sich lohnen, die Abstinenz vom TV-Schirm. Schon allein, weil nicht nur die Akteure samt Umfeld inzwischen auf Grand-Prix-Niveau angelangt sind, sondern – wenn auch unter dem mehr oder minder sanften Druck der spanischen Vermarktungsagentur Dorna – ebenso die Veranstalter. Denn vom typischen, knochenhart gefahrenen und staubtrockenen Gaildorfer Boden erzählten sich bei der aktuellen Auflage nur noch die Insider. Immer wieder aufgefräst und gewässert, präsentierte sich die Piste in wahrhaft GP-würdiger Verfassung: griffig und selbst bei über 30 Grad im Schatten ohne das geringste Staubwölkchen. Und weil die Bühne perfekt vorbereitet war, liefen auch die Hauptdarsteller zur Hochform auf. Der Engländer James Dobb zum Beispiel. Zweimal hatte sich der 29-jährige KTM-Werksfahrer in dieser Saison bereits das Schlüsselbein gebrochen, zweimal ganz gewaltig auf die Zähne gebissen und gespritzt und einbandagiert die WM-Führung in der 125er-Klasse verteidigt. Die Anstrengung hatte sich gelohnt. Nur ein vierter Platz war in Gaildorf, drei Rennen vor WM-Schluss, nötig für den Titel. Deshalb ließ James den unberechenbaren Franzosen Luigi Séguy fahren, legte sich nur kurz mit seinem einzigen WM-Konkurrenten, dem belgischen Kawasaki-Werksfahrer Steve Ramon an, ignorierte Alessio Chiodi, holte Rang vier – und seine allererste Weltmeisterschaft.Wie Mickael Pichon bei den 250ern. Nur sackte der Franzose, dessen in Belgien stationiertes Suzuki-Werks-Team auf der Fahrt nach Gaildorf bei Trier mit dem gesamten Fuhrpark in einen Massen-Auffahrunfall geriet, seine Lorbeeren standesgemäßer ein. Pole position und Start-Ziel-Sieg entschädigten nicht nur für den glücklicherweise lediglich mit Blechschaden endenden Gruppen-Crash, sondern reichten auch für WM-Lorbeer Nummer zwei des Tages. Wohlgemerkt ebenfalls der erste für den 25-jährigen Pichon und der erste 250er-Titel nach immerhin sieben Jahren für Suzuki.Zum Trost für die Veranstalter der nachfolgenden WM-Läufe lässt wenigstens Stefan Everts seinen Gegnern noch eine Chance. Platz drei im 500er-Lauf, den der Stilist mit einer von unüberhörbaren Fehlzündungen geplagten 500-cm³-Werks-Yamaha ins Ziel rettete, ließ dem Sieger von Gaildorf, Joel Smets, jedoch nur eine marginale WM-Chance. Mit stolzen 53 Punkten in Führung, genügen Everts in den kommenden drei Grand Prix gerade mal 22 Punkte für seinen fünften WM-Titel holen. Einen anderen Rekord hatte der fast krankhaft ehrgeizige Flame schon zwei Wochen zuvor geschafft: Beim WM-Meeting im belgischen Namur holte der 29-Jährige den 50. GP-Sieg – so viele hatte bislang nur sein Landsmann Joel Robert in den siebziger Jahren eingeheimst.Mit einem einzigen Sieg wäre derzeit ein Markenkollege von Everts in der 250er-Klasse schon froh: Pit Beirer. Beim nimmermüden Yamaha-Semi-Werkspiloten in Diensten des italienischen Freetime-Teams versagt in diesem Jahr jedwede Art von Vorahnung. Wetten werden sowohl für Platz zwei als auch für das fahrtechnische Total Blackout angenommen. Doch gerade vor Gaildorf, wo die Rückrüstung der 250er-Yamaha auf Serien-Federelemente die ersehnte Wende gebracht zu haben schien, rasselte der 28-Jährige alle Sprossen der wacklig gewordenen Erfolgsleiter wieder hinunter. Zunächst auf Rang dreiliegend, dann ein Wespenstich in den Hals, ein gewaltiger Abflug und zuletzt Platz 25 besiegelten den so hoffnungsvoll begonnenen Heim-GP und den – für die Ambitionen des Wahl-Monegassen - magere siebten Position in der aktuellen 250er-WM-Tabelle. Doch nicht nur Pit machte ein langes Gesicht. Marco Dorsch, das aktuelle enfant terrible der deutschen Cross-Szene, flog eine Woche vor dem Gaildorfer Rennen beim GP der Schweiz gewaltig ab und lag mit ausgekugelter Schulter und Hüfte im Krankenbett. Besser machte es zwar Josef Dobes, doch Platz 13 des erst 17-jährigen Youngster ließ lediglich die Insider anerkennend nicken. Und deshalb blieb es – wie schon beim ersten deutschen GP der Saison in Teutschenthal – Collin Dugmore und Bernd Eckenbach vorbehalten, die Schwenker des schwarz-rot-goldenen Fahnenmeers bei Laune zu halten. Collin holte den feinen siebten Rang bei den 250ern, der Sportsmann aus Überzeugung, Bernd Eckenbach ergatterte, trotz zweier mit Draht fixierter Mittelhandknochen Position neun bei den 500ern. Doch wie gesagt, die Jungs sind ja einiges gewohnt – nicht nur in Gaildorf.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote