Motocross-WM in Teutschenthal (Archivversion)

Auf ´nen Sprung vorbei

Suzuki-Werkspilot und Überflieger Mickael Pichon (1) kommt, sieht und siegt. Normalerweise. Beim deutschen Motocross-WM-Lauf in Teutschenthal musste der Franzose etwas höher fliegen als sonst.

Ratsch, der Reißverschluss am Vorzelt des Yamaha-Teamtrucks rasselt herunter. Fans und Presse unerwünscht. Verständlich, denn wenige Minuten zuvor war die Taktik von Starpilot Stefan Everts nicht aufgegangen. Platz vier. Wieder mal hatte sie nicht gestochen, die Karte der Konstanz, die dem 30-jährigen Belgier bislang sechs WM-Titel und den Rekord von 54 GP-Laufsiegen eingebracht hatte. Gegen die meisten Gegner hat diese Mixtur aus einem schnörkellosen, traumwandlerisch sicheren Fahrstil und geschickter Selbstinszenierung gewirkt. Nur gegen einen nicht: Mickael Pichon.Zwei Siege bilanzierte der 27-jährige Franzose nach den ersten beiden Saisonrennen in Spanien und den Niederlanden. Zwei Siege, die so gar nicht in das Everts’sche Bild der Offroadwelt passen wollten. Schon gar nicht, weil es in dieser Saison nur um eines geht – den Titel des MotocrossGP-Weltmeisters. Die 125er-WM: Spielplatz der Jungen. Die 650er-Liga: Refugium für gesetztere Herrschaften. So zumindest der erklärte Wille der spanischen WM-Vermarktungsagentur Dorna.Neues Konzept hin oder her, dieser Sport begeistert offensichtlich die deutschen Fans. An die 20 000 bildeten in Teutschenthal, etwa 40 Kilometer westlich von Leipzig gelegen, der neuen Königsklasse ein würdiges Spalier. Einem im Feld sollten sie allerdings tunlichst nicht die Daumen drücken: Pit Beirer. Der seit Jahren einzige erfolgreiche deutsche Vertreter des Stollenadels hatte sich erst drei Wochen zuvor beim GP in Valkenswaard eine Sehne im Daumen gerissen, war umgehend operiert worden und rollte in Sachsen-Anhalt mit aus dem Handschuh ragenden Drahtgeflecht hinter das Startgitter. Bravourös zwar, in der knallharten Konkurrenz im MotocrossGP aber ohne reele Erfolgschance. Letztlich erlöste ein locker gewordener Stoßdämpfer den ohnehin im Mittelfeld darbenden KTM-Piloten vorzeitig von seinem Leiden.Wobei auch an der Spitze gewaltig gelitten wurde. Mit gerissenen Bändern am Schlüsselbein ebenfalls von einem Crash in Holland übel gezeichnet, avancierte erstaunlicherweise Gordon Crockard zum Held des Tages. Denn just in dem Moment, als Fans und die Szene wieder einen einsamen Sonntagsausflug des perfekt gestarteten Dominators Pichon befürchteten, griff das Fahrtalent aus Belfast nach seiner Chance. Meter um Meter hangelte sich der mit schneeweißer Haut und feuerroten Haaren fast klischeehafte Ire an den Gallier heran und ließ erst locker, als gegen Rennende sein Körper den brutalen Schlägen der mit Sprüngen übersäten Piste Tribut zollen musste.Mit blutunterlaufenen Händen beließ es der 24-Jährige auf seiner 450er-Viertakt-Honda notgedrungen bei Platz zwei. Was besagtem Herrn Everts erst recht aufs Gemüt schlagen dürfte. Schließlich gilt Crockard im Honda-Team nur als Nummer zwei hinter dem derzeit verletzten 250er-Vizeweltmeister, dem Neuseeländer Joshua Coppins. Dennoch ist eines gewiss: In den kommenden Wochen bis zum nächsten WM-Meeting Anfang Juni in Italien wird der regelrecht erfolgsbesessene Flame nicht eher ruhen, bis der verlorene Speed wieder gefunden ist.Apropos Unruhe. Joel Smets, Big-Bike-Fan und nimmermüder Gegner der sportlichen wie medialen Konzentration auf die MotocrossGP-Klasse, aber als Werkspilot dennoch zum Start genötigt, peitschte seine 450er-KTM in Teutschenthal auf Rang drei und damit - wohl auch zur eigenen Überraschung - in die derzeit einzig noch Erfolg versprechende Verfolgerposition zu Pichon. Womit der 33-jährige Belgier die technische Beurteilung vieler Insider über seine äußerst seriennahe Werksmaschine widerlegte und bewies, dass auch ohne technischen Schickschnack gegen die aufwendigen Viertakt-Werks-Crosser von Honda und Yamaha Herrschaftsansprüche geltend gemacht werden können.Die er in der 650er-Klasse sowieso uneingeschränkt beansprucht. Nachdem der einzig mögliche Herausforderer, der Franzose Yves Demaria, der nach einem fatalen Überschlag in Holland mit gebrochenen Nackenwirbeln nur haarscharf an einer Querschnittlähmung vorbeischrappte, die Saison abhaken muss, zelebriert Herr Smets allsonntäglich seine vom hünenhaften spanischen Vasallen Javier Garcia Vico eskortierte Solotour zum Sieg. Wenigstens wurden die deutschen Fans in Teutschenthal exzellent getröstet. Bernd Eckenbach, seit Menschengedenken hinter Pit Beirer die zweite Kraft im schwarz-rot-goldenen Cross-Geschehen, drosch seine 540er-KTM auf der äußerst übersichtlichen Piste auf den formidablen fünften Rang. Womit er das gemeinschaftliche Erfolgserlebnis an diesem Wochenende in der Box von KTM Deutschland letztlich komplettierte. Bereits im 125er-Lauf hatte sich das erst 15-jährige Jungtalent Maxi Nagl nicht nur erstmals für einen GP qualifiziert, sondern war im Rennen mit Platz 18 sogar auf Anhieb in die Punkte gefahren. In der Tat bewies der noch reichlich schmalbrüstige Teenager dabei derartige Nervenstärke und Übersicht, dass der seit Jahren vergeblich nach einem Nachfolger Beirers oder Eckenbachs lechzenden hiesigen Offroad-Gemeinde vielleicht doch noch spätes Glück beschieden werden könnte.Was auf den ehemaligen Promoter der Motocross-WM, Giuseppe Luongo, übrigens ebenfalls zutrifft. Nach der Devise »Raus aus den Kartoffeln, rein in die Kartoffeln« wird der Italiener nach dem für das Saisonende avisierten Rückzug von Vermarkter Dorna (siehe MOTORRAD 9/2003) ab 2004 erneut das Ruder in der Stollenbranche übernehmen. Erste Gerüchte über künftige Änderungen sickerten bereits durch. So wird die Motocross-GP-Klasse ab 2004 wohl wieder in zwei Läufen ausgefahren und – bedauerlich, nach dem jüngsten Votum der Motorradindustrie wohl aber unabänderlich – die qualitativ derzeit etwas kränkelnde 650er-Kategorie völlig abgeschafft werden.
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Moto Cross-WM Teutschenthal/D (Archivversion)

Ergebnisse1251. Marc de Reuver (NL) KTM2. Mickael Maschio (F) Kawasaki3. Andrea Bartolini (I) Yamaha4. Steve Ramon (B) KTM5. Tyla Rattray (ZA) KTM6. Rodrig Thain (F) Husqvarna7. Luigi Seguy (F) Yamaha8. Stephen Sword (GB) KTM9. Erik Eggens (NL) KTM10. Davide Guarnieri (I) KTM18. Maxi Nagl (D) KTM26. Josef Dobes (D) YamahaWM-Stand1. de Reuver 602. Ramon 593. Bartolini 554. Maschio 475. Chiodi 386. Rattray 387. Sword 378. Thain 379. Eggens 3410. Seguy 2830. Nagl 3MotocrossGP1. Mickael Pichon (F) Suzuki2. Gordon Crockard (IRL) Honda3. Joel Smets (B) KTM4. Stefan Everts (B) Yamaha5. Marnicq Bervoets (B) Yamaha6. Brian Jörgensen (DK) Honda7. Claudio Federici (I) Yamaha8. Kenneth Gundersen (N) Kawasaki9. Paul Cooper(GB) Honda10. Marc Ristori (CH) Honda18. Marco Dorsch (D) Suzuki23. Collin Dugmore (D) SuzukiWM-Stand1. Pichon 752. Smets 643. Everts 504. Gundersen 485. Jörgensen 476. Crockard 407. Strijbos 328. Federici 299. McFarlane 2910. Atsuta 2518. Beirer 1325. Dorsch 629. Dugmore 26501. Joel Smets (B) KTM2. Javier Garcia Vico (E) KTM3. Cedric Melotte (B) Honda4. Stuart Flockart (GB) Honda5. Bernd Eckenbach (D) KTM6. Michal Kadlecek (CZ) Yamaha7. Thierry Bethys (F) Honda8. Mark Eastwood (GB) Honda9. Danny Theybers (B) Husaberg10. Fabrizio Dini (I) Honda22. Markus Volz (D) KTMWM-Stand1. Smets 752. Garcia Vico 663. Melotte 584. Theybers 375. Eastwood 346. Flockart 297. Kadlecek 288. Parker 289. Eckenbach 2710. Paget 26

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