Motocross-WM Teutschenthal (Archivversion) Oh Heimatland

Zu Hause ist es am schönsten? Für den deutschen Motocross-Star Pit Beirer (Foto) war das bei seinen Heim-Auftritten nicht immer so. Doch Besserung ist in Sicht.

Er kann ihn sich sparen, den Blick auf den WM-Terminkalender. Denn spätestens vier Wochen davor ist es wieder soweit: Das Telefon rasselt unaufhörlich. Spätestens dann weiß Pit Beirer: Der Heim-GP steht vor der Tür. Heim-GP. Selbst für ausgebuffte Profis kein Tag wie jeder andere. Schon gar nicht für Deutschlands besten Motocrosser. Knapp 200 WM-Läufe hat der 29-Jährige in zwölf Jahren bereits absolviert und sich unter den Besten der Besten etabliert. Allerdings machte es immer den Anschein, als müsste er ein Mal im Jahr alles noch einmal beweisen - zu Hause. So wie beim WM-Meeting in Teutschenthal bei Leipzig. Jeder der 15 000 Fans um den imposanten Talkessel will es wissen. Am besten von Pit persönlich. Wie stehen die Aktien? Podest, sogar Siegerkranz? Pit bleibt freundlich, doch einsilbig. Untypisch für den Profi, der in Monaco wohnt, in Italien trainiert, den heimatlichen Bodensee und seine hiesigen Fans aber immer noch inniglich liebt. Und der es gerade deswegen allen recht machen möchte, zu Hause. Ganz anders als vor elf Jahren beim deutschen 125-cm³-GP in Reil. Platz eins, Platz zwei, Gesamtsieg – die Sensation war perfekt, der bis dahin unbedarfte 18-Jährige urplötzlich zur schwarz-rot-goldenen Motocross-Ikone aufgestiegen. Mit allen Konsequenzen. »Die Gefühle damals waren fast irreal. Der Sieg bleibt bis heute das größte Erlebnis meiner gesamten Karriere«, erinnert sich Pit noch heute mit einer Gänsehaut an den 4. August 1991. Seitdem lastet er auf seinen Schultern, der Druck, es zu Hause besonders gut machen zu wollen. Und seither macht er sie durch, die nervtötende Tortur zwischen Triumph und Desaster, zwischen Rennfieber und Schüttelfrost, zwischen Traum und Trauma. Wie zwei Jahre später beim 125er-WM-Meeting im schwäbischen Gerstetten. Zwei zweite Plätze hatten den Grundstein zum Paukenschlag Nummer zwei nach Reil gelegt. Lauf drei – in den Jahren 1992 und 1993 wurden in der Motocross-WM drei Läufe gefahren – hätte den Gesamtsieg bringen können. Doch der Suzuki-Pilot stürzt, zerreißt sich die Bänder im Knie, fällt für den Kampf um den Titel aus und »erlebt den ersten Tiefpunkt meiner Laufbahn«, wie Pit heute erkennt. Was er künftig auch weiß: Alles zu geben, heißt nicht, alles zu bekommen. Dennoch gibt er viel. Oft genug zu viel. Beim ersten 250er-Heim-GP seiner Laufbahn, 1995 in Reisersberg bei Passau, ist er zu allem bereit. »Der Harakiri-GP« (O-Ton Beirer) endet im ersten Umgang auf Platz sieben, in Lauf zwei nach einem Überschlag auf der Trage. Zwei Jahre später prügelt sich der Honda-Fahrer in Gaildorf in beiden Läufen mit Superstar Stefan Everts und luchst dem Belgier im zweiten Heat den Sieg ab. Eine Erfahrung, »bei der es mich sogar während des Rennens fröstelte«, blickt Gefühlsmensch Beirer zurück. Und nach der auch die Fans wissen, dass er kann, wenn der unglaublich willige Geist das Fleisch nicht schwach macht. Doch mit den Triumphen hat es sich zunächst mal. Nicht generell, nur zu Hause. Allein 1999 hievten sieben Laufsiege Überflieger Beirer zur WM-Führung – bis zum Deutschland-GP. Vor Zigtausenden von bebenden und zitternden Fans vergibt der Kawasaki-Werksfahrer durch einen Sturz am Start in Gaildorf die letzte Chance auf den WM-Titel. Der Schock »schlägt mich emotional k.o.« und übersteigt alles bislang Erlittene. Spätestens da nimmt der Blondschopf sich vor, die Rennen in seiner Heimat künftig als das zu sehen, was sie sind – als kleinen Teil einer ganzen WM-Saison. »Als ganz normale Rennen«, wie Pit immer wieder betont. Gelungen ist die Autosuggestion aber nicht immer. Weil er spürt, dass ihm selbst nach über einem Jahrzehnt kein deutscher Kollege etwas von diesem gnadenlosen Erwartungsdruck abnimmt. Sogar seit alle drei Klassen bei den WM-Veranstaltungen gemeinsam antreten, bleibt aus nationaler Sicht nur einer mit Erfolgschancen übrig – er ganz allein. Deshalb weiß er auch, dass die Standardsituation nie eintreten wird. Dass bereits der beschwörende Gedanke an den Normalfall im Grunde den Ausnahmezustand nur bestätigt. Was bleibt, ist Schadensbegrenzung per Selbstbeschränkung. So wie in Teutschenthal. Statt der üblichen Stippvisite beim Fanclub zu Hause business as usual. Der ganz gewöhnliche WM-Blitztrip: Flug, Mietwagen, Rennstrecke. Wenig Zeit zu Diskussionen über Verpflichtungen und Erwartungen. Ganz bewusst. Und das Rezept sollte wirken: kein Sturz, kein Skandal, kein Drama. Statt dessen Platz drei. Ganz schlicht und einfach Platz drei. Gut für die Fans, nicht schlecht für die Position in der WM-Zwischenwertung (siehe Kasten), aber vor allem sehr gut für die Psyche – erst recht zu Hause.

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