MotoGP-Umsteiger Max Biaggi und Alex Barros (Archivversion) Tauschangriff

Max Biaggi flüchtete von Yamaha zu Honda, Alex Barros desertierte von Honda zu Yamaha. Entgegengesetzte Wege für das gleiche Ziel: Valentino Rossi vom Thron zu stürzen.

Im Endspurt eines dreitägigen Malaysia-Tests drehte Valentino Rossi auf der Werks-Honda RC 211 V eine Fabelrunde in 2.02,6 Minuten. Sein Erzrivale Max Biaggi auf der Kundenmaschine des Honda-Pons-Teams hielt Schritt: Der Römer hatte die Schallmauer von 2.03 Minuten schon zehn Minuten vorher durchbrochen, die Stoppuhr war bei 2.02.9 Minuten stehen geblieben. »Biaggi hat eine Zeit vorgelegt, die beweist, dass er ein harter Gegner sein wird”, räumte der Weltmeister ein.Das war Biaggi auch schon in den letzten vier Jahren, wenn seine launische Werks-Yamaha optimal abgestimmt war. Zu oft fuhr der Römer allerdings hinterher. Erst verpasste er den Titel gegen relativ schwache Gegner wie Alex Crivillé und Kenny Roberts junior. In der Saison 2001 riskierte er Kopf und Kragen, um Valentino Rossi in Schach zu halten, und begrub seine Titelhoffnungen schließlich mit einer Serie spektakulärer Stürze.Irgendetwas im Aufbau der Zweitakt-Yamaha YZR 500 sei grundlegend falsch, folgerte Max, der Bruchpilot, und setzte auf den Start in die Viertakt-Ära im MotoGP-Sport. Doch wieder zog der vierfache 250-cm3-Weltmeister eine Niete: Die Reihenvierzylinder-Yamaha M1 war bei den ersten Rennen der Saison 2002 zu langsam und zu störrisch. Erst nach Monaten harter Kleinarbeit wurde die Lücke zum übermächtigen Honda-Werksteam geringer und zwei Siege möglich.Trotzdem gab es bei Yamaha keine Zukunft mehr für Max Biaggi. Die selbstherrliche Art des römischen Feldherrn, der die Gründe für den Erfolg immer bei sich und jene fürs Versagen immer bei anderen sucht, hatte sein Umfeld zermürbt. Als Hauptsponsor Marlboro absprang, wurde Biaggi mit über Bord gekippt.Mit Marlboro zu Ducati zu gehen war keine Lösung für den erfolgshungrigen Superstar. Weitere Jahre in die Entwicklung eines neuen Motorrads zu investieren kam für Biaggi einer goldenen Vorruhestandsregelung gleich, und dafür fühlt er sich mit 32 Jahren zu jung. Denn Biaggi geht es nur um eins: Nach fünf vergeblichen Versuchen endlich auch in der Königsklasse den Titel zu holen. Felsenfest überzeugt davon, dass dies nur auf einer Honda möglich sei und mit dem grenzenlosen Selbstvertrauen versehen, Valentino Rossi bei Waffengleichheit schlagen zu können, unterschrieb er für das spanische Pons-Satellitenteam.Dabei nahm er sogar in Kauf, den Erzfeind in der Hackordnung bei Honda über sich zu haben und den eigenen Werksfahrerstatus aufzugeben. »Ich möchte mit einem Motorrad antreten können, das von Anfang an gutes Potenzial hat und bei dem du nicht ständig neue Teile testen und Probleme ausmerzen musst”, erklärt Biaggi. »Ich akzeptiere, dass ich ohne volle Werksunterstützung antrete. Gleichzeitig genieße ich, ohne diese Last der Verantwortung Gas geben zu können.”Biaggi ist überzeugt, dass die Unterschiede zwischen Werks- und Kundenmaschine 2003 geringer sein werden als in seiner ersten Halbliter-Saison auf Honda 1998, und die Rundenzeit, die er in Sepang vorlegte, ist ein Indiz dafür. Ihm gefalle die Leistungsentfaltung des Honda-Motors, nur das Fahrverhalten beim Anbremsen sei noch verbesserungswürdig. Beim abschließenden Urteil über seine alte Marke Yamaha rückt er sich selbst nochmals ins Rampenlicht. »Wer jetzt mein Motorrad fährt, hat ein sehr konkurrenzfähiges Gerät in den Händen und einen geebneten Weg vor sich”.Das war auf Alex Barros gemünzt, der als Biaggis Nachfolger bei Yamaha ebenfalls bereits mit Bestzeiten auftrumpfte. Der Aufstieg des Brasilianers gleicht einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Nicht weniger als zwölfeinhalb Jahre hatte der freundliche Familienvater aus Sao Paolo als mehr oder wenig diskreter Mitläufer der Königsklasse zugebracht, als er die letzten vier Rennen der Saison 2002 auf der einzig verfügbaren Viertaktmaschine des Sito-Pons-bestreiten durfte. Barros sah, kam und siegte. Erst in Motegi, zum Saisonabschluss noch einmal in Valencia. Podestplätze bei beiden Läufen zwischendrin.Plötzlich wollte es jeder gewusst haben. Dass Alex Barros bei den Acht Stunden von Suzuka schon mehrfach sein Talent für großvolumige Viertakter bewiesen habe. Dass er die brachialen 220 PS mit seinem weichen, gefühlvollen Fahrstil besonders reifenschonend auf die Straße bringen könne. Und dass er Nerven wie Drahtseile hätte.Ein neuer Star war geboren, der zwischen Honda, Aprilia, Kawasaki und Yamaha die freie Wahl hatte. Und der sich am Schluss für jenes Team entschied, das ihm anders als Honda vollen Werksfahrerstatus zusicherte, anders als Aprilia ein konkurrenzfähiges Motorrad hinstellte, anders als Kawasaki mit Top-Reifen von Michelin aufwartete und seine Jahresgage zudem noch auf 3,5 Millionen Dollar vervierfachte: das von dem Franzosen Hervé Poncharal geführte und von Gauloises gesponsorte Yamaha Tech 3-Team.»Natürlich bin ich davon überzeugt, dass Honda nicht unschlagbar ist. Sonst hätte ich die Motorräder nicht getauscht”, gibt sich Barros kämpferisch. »Ich habe acht Jahre als Honda-Pilot hinter mich gebracht, vier davon in Teams mit höchstem technischem Niveau. Nach all dieser Zeit war mir klar, dass ich mir als Pilot eines Kundenteams kaum Hoffnungen auf den Titel machen kann. Gegen echte Werksfahrer konnte ich mir allenfalls Platz zwei oder drei ausrechnen”.Wie Biaggi ist Barros 32 Jahre alt, und wie Biaggi will er endlich den WM-Titel holen – auf dem umgekehrten Weg. »Die Option, die mich am meisten interessierte, war Yamaha. Zunächst wollten sie mich nicht zur Nummer eins machen, doch am Ende haben sie akzeptiert”. Das erklärt, warum sich das Tauziehen um Barros über mehrere Wochen hinzog, eine Periode, in der sich der Brasilianer häufig und intensiv mit den Yamaha-Ingenieuren über ihre Zukunftspläne unterhielt. »Was ich sah und hörte, hat mir gefallen”, fährt Barros fort. »Und das Motorrad funktioniert besser, als ich dachte. Vor allem die Abstimmung habe ich mir viel schwerer vorgestellt, als sie ist”.Die Motorcharakteristik ließ er glatt bügeln. »Die Leistungsentfaltung war zu Beginn etwas spitz. Ich habe das angemerkt, es wurde geändert, und jetzt ist der Yamaha-Motor sanfter, weniger aggressiv als der der Honda”. Schon in Valencia, bei den allerersten Tests nach dem Saisonfinale 2002, hatte Barros seinem neuen Markengefährten Carlos Checa ins Ohre geflüstert, Priorität bei der Weiterentwicklung müsse sein, das Motorrad weniger radikal und weniger sensibel gegen Änderungen am Set-up zu machen – ein Motorrad also, das sich eher wie eine Honda verhält. »Ich habe viel Erfahrung und weiß, wie man Probleme aufdeckt«, bemerkt Alex. »Seit ich zum ersten Mal auf die Yamaha gestiegen bin, wurde sie in vielen Bereichen verbessert. Ich denke, dass wir unser Ziel, von Anfang an ganz vorne mitkämpfen zu können, erreichen werden. Ich will die neue Saison so beginnen, wie die alte aufgehört hat – mit Siegen!”

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