Motorrad-Biathlon in Sachsen (Archivversion) Schuß-Fahrt

Früher eine ernste Sache, heute eine Mordsgaudi für Jugendliche: Moto Cross-Fahren, mit dem Luftgewehr schießen und treffen - Motorrad-Biathlon in der Tradition der paramilitärischen Erziehung in der ehemaligen DDR.

Ronnys Herz schlägt bis zum Hals. Spannung bis in die Haarspitzen. Gleich wird er 60 Meter zu seiner Emme sprinten und hoffen, daß die liebevoll vorbereitete 125er sofort anspringt. Nach der Startprüfung geht’s sechsmal rund auf dem Parcours in der ehemaligen Kiesgrube von Krauschwitz. Die liegt in Sachsen und macht Ronny mit ihrem tiefen Sand, steilen Auf- und Abfahrten, Anlieger und Tabletops schwer zu schaffen. Zumal er zwischendurch auch noch ballern muß. Schießen ? Muß das sein? Ja. Weil Ronny beim Motorrad-Biathlon mitmacht, dem etwas anderen Motorradsport, der seit 1990 im Osten Deutschlands immer mehr Freunde findet. Eros Ramazotti schmachtet aus den Lautsprechern, aber die Chancen des Herzensbrechers, sich gegen die kreischenden Zweitakter durchzusetzen, sind äußerst lau. Eine Mischung aus Öldunst und Würstchenduft schwängert die Luft. Auch dieser Wohlgerüche wegen sind die zahlreichen Fans gekommen. Sie feuern die 150 Teilnehmer auf ihren mitunter fliegenden Kisten leidenschaftlich an. Da sitzt die Oma am Streckenrand, drückt ihrem Enkel die Daumen. Und Papa, Mama, Geschwister, Kumpels und Freundin sowieso. Äußerst familiär, diese Biathlon- Chose: von Standesdünkel und Abzockermentalität keine Spur. Gratis dazu gibt’s eine ausgesprochen freundliche Atmosphäre, die bei vielen Motorsport-Events schmerzlich vermißt wird. Daß diese Lockerheit in keinem Widerspruch zur Professionalität stehen muß, beweist die perfekte Organisation der Rennen. Da ist die lange Tradition des Geländesports in den neuen Bundesländern deutlich zu spüren. Trotz harten sportlichen Wettkampfs steht der Spaß immer im Vordergrund. »Wir halten zusammen«, lobt dann auch Olaf Jansen die Solidarität unter den Aktiven. Er hat schon an mehreren Läufen der Biathlon-Meisterschaft teilgenommen, muß heute freilich zuschauen. »Meine Maschine hat den letzten Lauf nicht unbeschadet überstanden. Jetzt kann ich mir die Rennen wenigstens in Ruhe ansehen«, tröstet sich Olaf, nimmt eine kräftigen Zug aus der Pulle. Und begeistert sich an dem Elan der Kleinsten. Denn die Zwölfjährigen auf ihren Simson-Mokicks sind mit Feuereifer bei der Sache und machen kostruktionsbedingte Schwächen des einstigen DDR-Universalverkehrsmittels durch besonders hohen fahrerischen Einsatz wett. Die Idee des Motorrad-Biathlons stammt aus DDR-Zeiten, als Schüler in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) auf ihren späteren Dienst in der Volksarmee vorbereitet wurden. »Eine der Disziplinen war die sogenannte Motorrad-Patrouille«, erklärt Vereinsvorstand Wolfgang Marschall. Der MSC Xxxxyyyyyzzz wurde nach der Wende mit Material der einstigen GST aus der Taufe gehoben, darunter auch die Simson-Mokicks. »Schon die Zehnjährigen bekommen bei uns so eine Maschine zum Aufbauen. Damit müssen sie Verantwortung tragen und werden sinnvoll beschäftigt. Gerade das liegt uns besonders am Herzen, denn durch die Schließung der Jugendclubs hat sich bei den Kids vielfach Frust und Langeweile angestaut, und sie kommen auf dumme Gedanken. Im Verein werden sie betreut und können für wenig Geld Motorsport-Luft schnuppern«, weist er auf den pädagogischen Effekt hin. »Leider bekommen wir keine finanzielle Unterstützung von öffentlicher Seite. Die wenigen privaten Sponsoren sind die Ausnahme.« Doch damit nicht genug: Die Motorsportler haben noch mit anderen Problemen zu kämpfen, geraten immer öfter mit Naturschützern in den Clinch, die gegen die Genehmigung neuer Strecken kämpfen, obwohl in Brandenburg und Sachsen riesige Militärgelände brachliegen. Außerdem sollen bereits bestehende Anlagen geschlossen werden. »Kaum quakt irgendwo ein Frosch in der Kiesgrube, dürfen wir dort nicht mehr fahren«, klagt Marschall. »Einerseits wollen die Politiker etwas für die Jugend tun, andererseits werden uns dauernd Steine in den Weg gelegt.« Während des Rennens bleibt keine Zeit für solch trübe Gedanken. Da müssen die Jungs serienmäßige Fünfziger sandige Steilhänge hinauftreiben, die 125er MZ in vollem Drift höllisch ums Eck und in Supercross-Manier gnadenlos über Sprunghügel jagen. Daß die Serienvehikel des Arbeiter- und Bauernstaates gegen die High-Tech-Apparate aus wseteuropäischer oder japanischer Herstellung praktisch chancenlos sind, schmälert den Kampfgeist ihrer Piloten in keinster Weise. Bereits die Jüngsten gehen mit ihren unterlegenen Geräten knüppelhart ans Limit und schon mal darüber hinaus. Auf Biegen und Brechen - manchmal im wahrsten Sinne des Wortes - drehen die Junioren am Quirl. Kleinere Pannen - kein Problem: Blitzschnell sind die nötigen Handgriffe erledigt, ein paar Mal auf den Kickstarter getreten, und weiter geht’s. Denn ein gutes Schießergebnis bringt die Biathleten ruckzuck wieder an die Konkurrenz heran. Sieben Schüsse mit dem Luftgewehr nach hektischem Ritt über die Piste - um da ins Schwarze zu treffen, braucht’s eine verdammt ruhige Hand. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen, denn wer, weil’s an Kondition mangelt, atemlos und zittrig feuert, sollte vorab bereits ein paar Strafminuten einplanen. Einige der Aktiven sind auf der Strecke mit so viel Elan bei der Sache, daß der Schwenk zur Schießbahn schon mal vergessen wird und sie von den Betreuern hereingewunken werden müssen. Ronny kommt nie vom richtigen Weg ab, kann mit fünf Treffern sein Gesamtergebnis gehörig aufbessern. Da schmeckt der obligatorische Gerstensaft danach doppelt so gut, und auch die hitzigen Benzingespräche im Fahrerlager törnen mächtig an. Bier und Bratwurst sind bereits für 1,80 Mark zu haben. Aber nicht nur dieser verlockenden Preise wegen tritt Ronny beim nächsten Rennen garantiert wieder an.

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