Motorrad des Jahres 2005: Ergebnisse in Europa (Archivversion) Biker Union

MOTORRAD hat viele Schwestern. Schwesterblätter, genauer
gesagt. Auch die riefen die Leser auf, ihre Favoriten zu küren.
An den Wahlergebnissen und ausgewählten Markenimages ist abzulesen, wie es um motorradpolitische Einheit Europas steht.

Bestens. Europa wächst zusammen, zumindest was die Kategorien Chopper/Cruiser, Enduro, Sportler, Tourer/Sport-
tourer anbelangt. Vor allem die Frage nach Gelassenheit wird nahezu identisch beantwortet: Triumph Rocket III, Harley-Davidson V-Rod und Honda Valkyrie Rune. Allein Italien und die Schweiz stören die europäische Einmütigkeit, mit der BMW R 1200 C Montauk in den Top 3.
Es muss sich BMW indes nicht
grämen, die eigenwillige Interpretation des Cruiser-Themas aus dem Programm gestrichen zu haben, denn »die Wahl hat bei uns absolut nichts mit der Marktsituation zu tun. Die Leser wählen, wovon sie träumen, nicht die Maschinen, die sie tatsächlich kaufen würden.« Das sagt Roberto Ronchi, Chefredakteur des italienischen Blattes Moto Sprint. Und anders als in Deutschland sind es in Italien, dem Markt, der Deutschland als zulassungsstärkstem in Europa abgelöst hat, die Sportler, die an Bedeutung zulegen, plus 20 Prozent Marktanteil. Dieser Kategorie ordnet Ronchi auch eine der größten Überraschungen der italienischen Wahl zu, »der Sieg der MV Agusta F4 1000 Tamburini«. Wobei: Gerade dieses Ergebnis bestätigt Ronchi in seiner Einschätzung der Wahlergebnisse als reinem Ausdruck von Wünschen, Träumen und Wunschträumen.
Markus Lehner, Chef vom Dienst des Magazins Töff, sieht die Sache für die Schweiz differenzierter. Auf die Frage, ob die Ergebnisse die Marktsituation widerspiegelten, antwortete er: »Bei den Sportmaschinen ja (R1), bei den Allroundern ziemlich (Z 1000), bei den Enduros (GS 1200) absolut. Helvetiens Weiblein und Männlein sind immer noch solvent und kaufen gerne ganz groß ein.« Sogar bei den Rollern. Im übrigen Europa hingegen scheint die Dominanz der schieren Größe in diesem Segment mittlerweile zu bröckeln. Bei den Allroundern sieht das anders aus. Schiere Größe, das heißt seit dieser Saison auch immer Yamaha MT-01. Einzig in Italien hat es der monumentale Zweizylinder nicht unter die Top 5 geschafft.
Vielleicht liegt das an der Ästhetik, der gewaltigen Präsenz dieser Maschine. An mangelnder Beliebtheit der Marke liegt es jedenfalls nicht. Denn bei dem wichtigen Imagekriterium »Ich mag die Marke« hat Yamaha in Italien so stark zugelegt wie nirgends sonst und so stark wie kein Konkurrent. Plus zehn Prozent absolut. Was, kein Zweifel, mit Valentino Rossi zu tun hat. Ins selbe Schema passt, dass Yamaha in Spanien neun Prozent verloren hat. Schließlich ist es Rossi auf Yamaha, der Gibernau auf Honda die Siege wegschnappt. Und Honda ist in Spanien unglaublich beliebt. 73 Prozent der spanischen Wähler mögen die Marke. Mit Abstand das beste Ergebnis, als nächstes folgen eben die 55 Prozent von Yamaha in Italien. Hondas Akzeptanz in Spanien zeigt sich sehr deutlich in den Wahlergebnissen, vor allem bei den Sportlern. Die Fireblade, die in den übrigen Ländern maximal auf Platz vier kam, siegte klar vor MV Agusta und Yamaha R1.
Wollte man eine Hitparade der Unbeliebtheit aufstellen, so stünde BMW in Italien weit oben – da findet gerade mal jeder Achte Gefallen an der Marke. Was die Italiener nicht daran gehindert hat, einige BMW-Modelle unter die ersten fünf zu hieven. Das verwundert umso mehr, als nur neun Prozent der Marke »Gutes Aussehen« und »Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis« zuschreiben. Aber das Teutonische hat jenseits der Alpen schon immer Abscheu und Bewunderung zugleich erweckt.
Alle Ergebnisse aus allen Ländern, in denen die Wahl stattfand, darzustellen, bräuchte es ein dickes Buch. In dem würde dann zum Beispiel zu lesen sein, dass die Teilnehmer das »Preis-Leistungs-Verhältnis« doch sehr vom reinen Kaufakt abhängig machen, den Wiederverkaufswert in ihr Kalkül nicht einbeziehen. So sind
in Deutschland 92,2 Prozent der Suzuki-
Käufer (und 62 Prozent aller Teilnehmer) davon überzeugt, dass ihr Motorrad ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis biete, aber nur 6,1 Prozent gehen davon aus, dass sie ihre Maschine zu einem hohen Wiederverkaufswert loswerden könnten.
»Logischerweise« verhält es sich bei BMW genau umgekehrt. Nur die Schweizer denken ein Stückchen weiter, zumindest seit diesem Jahr, denn dort stieg der Glauben an ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bei BMW von 18 auf 27 Prozent. Diese Veränderung ist auch insofern interessant, als lediglich in Spanien Yamaha einen
Verlust von ebenfalls neun Prozentpunkten hinnehmen musste, während ansonsten die Werte in dieser Rubrik stabil blieben.
Eher instabil dagegen das Geschmacksurteil vieler Wähler, was vor allem Ducati – obwohl fast überall ganz vorn dabei – zu spüren bekommt. Besonders peinlich: der vierte Platz im heimatlichen Italien, noch hinter Yamaha und Honda. Italienisches Motorraddesign kommt von MV Agusta, zumindest in den Augen der Italiener. Und die kauften 2004 bekanntlich die meisten Motorräder in Europa.

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