Motorrad-Film: »Kater Mikesch" (Archivversion) Kater Noster

Der ultimative Motorradfilm heißt nicht »Easy Rider«, sondern »Kater Mikesch«. In welchem nämlich bewiesen wird, dass Tiere, die das Sprechen erlernen, alsbald in der Lage sind, mit einem Motorrad zu fahren. Man nennt dies Evolution.

Beinahe ein jedes Ding in der Welt besitzt eine Entsprechung in einem filmischen Kunstwerk. Derart, dass uns solche Dinge mittels ihrer cinematografischen Umsetzung als unsterblich erscheinen. Aus dem Ding wird die Ikone.
Im Falle kleinbürgerlich-aufsässiger Automobile etwa gilt dies für jenes liebenswürdig unförmige Vehikel aus »Ein toller Käfer«. Der moderne Kühlschrank wiederum erlebt seinen cineastischen Höhepunkt in »Warte, bis es dunkel wird«. Bezüglich unzählig gezückter Küchenmesser hingegen scheint es schwierig, sich
auf einen einzigen Film festzulegen. Nicht so im Falle des Gipfelpunkts sämtlicher Artefakte, dem Androiden, Replikanten oder Homunkulus, der nie wieder so poetisch verklärt und berührend dargestellt wurde wie in Ridley Scotts »Blade Runner«, wenn nämlich klar wird, dass der künstliche Mensch auch der bessere ist.
Und Motorräder? Sind Motorräder die besseren Freunde? Noch besser als Hunde? Weggefährten fürs Leben? Denn was einen Weggefährten ausmacht, ist nicht nur seine Treue (Schäferhund, BMW, die Zitronenpresse von Moulinex), sondern auch seine Eigenwilligkeit (Neufundländer, Ducati, die Zitronenpresse von Philippe Starck). Nicht wahr?
Der Film, der allgemein für das Artefakt Motorrad steht, ist
natürlich Dennis Hoppers endzeitträchtiges Hippie-Melodram »Easy Rider«. Allerdings muss gesagt werden, dass hier nicht eigentlich das Motorrad an sich verbildlicht wird, sondern eine gekünstelte, verzerrte, »denaturierte« Form desselben. Die extrem gedehnten, geradezu surreal anmutenden Vorderradgabeln drücken
eines aus: Sinnlosigkeit.
Aber das Leben ist nicht sinnlos.
Es gibt da einen anderen Film. Kater Mikesch, ein Meister-
werk der Augsburger Puppenkiste. Zur Erinnerung: In dem Dorf
Holleschitz bringt ein kleiner Junge seinem Kater Mikesch das
Sprechen bei. Und auch hier wieder erweist sich der Nicht-Mensch als zutiefst menschlich. Als es darum geht zu ergründen, warum das Schwein Paschik denn so mager sei, erklärt der
sprechende Kater, die Langeweile eines Lebens im Schweinestall
diagnostizierend: »Ein Schwein ist auch nur ein Mensch, wie ein Kater, oder?« Als dann glücklich auch das Schwein zu sprechen anfängt, argumentiert es: »Grunzen kann jeder.«
Durch diese Geschichte umfassender Gesprächigkeit und Sprachgewalt führt ein souveräner Erzähler namens Herr
Swoboda. Er selbst tritt in der Handlung als Motorradfahrer auf.
Und was für einer! Allein sein Eröffnungssatz, als er erstmals
mit seinem »Motorradl« auftaucht, spricht Bände: »Kann ich irgendwie behilflich sein, bitte?«
Man stelle sich also vor: Ein Herr in den besten Jahren, behelmt mit einem ledernen Kopfschutz (als Motorradfahrer noch Piloten und Pioniere waren), bremst seine dramatisch knatternde, weniger mit einer Zündkerze als mit einer Wunderkerze ausgestattete Maschine und fragt die soeben in ein Abenteuer verstrickte Dorfgemeinschaft, ob er irgendwie behilflich sein könne.
Welch Gegenbild zur Darstellung des Kradfahrers als martialischem, terminatorischem, Beleidigungen von sich gebenden, bierbäuchigem Kraftlackel, der in einer Ledermontur steckt, die weniger sein Schutzbedürfnis vor den Unbilden der Landstraße als den Unbilden einer auf Rede und Widerrede ausgerichteten Welt zu bekunden scheint.
Herr Swoboda ist anders. Und erinnert solcherart daran, dass die exklusive Stellung von Motorradfahrern ursprünglich darin bestand, sehr viel gesitteter und ritterlicher daherzukommen als all die verkrampften Automobilisten, deren Weltbild sich darin erschöpft, Fußgänger zu verachten. Nein, Herr Swoboda ist ein Gentleman. Und sein »Motorradl« ist noch eine wirkliche Maschine, eine Apparatur, die nicht die Bedingungen des Windkanals widerspiegelt, sondern die Bedingungen menschlicher Hinterteile. Beziehungsweise tierischer. Denn es geschieht, dass Herr Swoboda anlässlich der Machowitzer Kirchweih und als Resultat von zu viel Türkischem Honig (ein Synonym für zu viel Böhmisches Bier) anstatt mit seinem Motorradl nach Hause zu fahren, den nebenan geparkten Schubkarren der Großmutter verwendet.
Mit selbigem waren die sprechenden Tiere Mikesch und Paschik
zur Kirchweih angereist, so dass sie nun spät abends plötzlich
vor einem Motorrad anstelle eines Schubkarrens stehen. Zudem erscheinen auch noch zwei durchgeknallte Gendarmen (»Wer will verhaftet werden?«), die gewissermaßen als schreckliche Zwillinge auftreten, einer den anderen wie ein Echo bestätigend, als würde sich mit der Verdoppelung einer Direktive auch ihr Sinn erhöhen. Tatsächlich aber dokumentiert das absurde Theater der beiden Herren Polizisten, wie sehr leider Gottes die Beamtensprache den negativen Endpunkt menschlicher Verbalisierungen darstellt.
Gar keine Frage, so wie der primäre Evolutionsschritt darin besteht, anstatt zu grunzen zu sprechen, besteht der sekundäre darin, anstatt mit einer Schubkarre mit einem Motorrad seine Heimfahrt anzutreten. Und genau das tun die Tiere nun, der Kater als Fahrer, das Schwein auf dem Sozius, Ersterer bemüht um Kontrolle, Zweiterer in der bekannt hysterischen Art wackeliger, schlecht zupackender Beifahrer. Eine Fahrt durch die Nacht, die man gesehen haben sollte und die mit einem glimpflichen Sturz endet. Weil der Sturz dazugehört. Irgendwie scheint im Sturz der tiefere Sinn des Ganzen zu stecken. Indem man stürzt, ist man angekommen.
Tags darauf entbrennt eine heftige Diskussion, da die Großmutter so gar nicht einverstanden ist mit einem Motorrad als Ersatz für ihren Schubkarren, der Dorfschmied hingegen den ökonomischen Mehrwert der »Knattermaschine« betont. Schließlich erscheint Herr Swoboda, welcher noch immer ein wenig vom »Türkischen Honig« berauscht wirkt, bringt den Schubkarren zurück und übernimmt sein »gutes Motorradl«, und zwar wie einen verlorenen Sohn
(um einmal das motorradtypische Bild der verlorenen Geliebten
zu umgehen). Die Welt ist wieder in Ordnung, weil jeder bekommt, was ihm entspricht. Die Tiere ihre Sprache, der Mensch von gestern seinen Schubkarren und der von morgen sein Motorrad.
Herr Swoboda, freundlich, nichtsdestoweniger sportiv, rasant und zeitgenössisch, steht für den »anderen« Motorradfahrer, welcher die Schönheit seines Gefährts nicht mittels eigener Hässlichkeit unterwandert. Mensch und Maschine harmonieren, bilden eine Symbiose, ohne gleich die Libido bemühen zu müssen.
Motorräder als Weggefährten?
Wie sagt der französische Philosoph Jean Baudrillard: Aber es genügt nicht, dass die Maschinen menschlich werden, wenn die Menschen ein Herz von Eisen behalten.
Was die Welt braucht, sind wieder mehr Swobodas.

Heinreich Steinfest, Schriftsteller aus Wien, lebt seit 1998 in Stuttgart. 2004 erhielt er den Deutschen Krimipreis für sein Buch »Ein sturer Hund«: 2005 erschien im
Piper-Verlag der Roman »Der Umfang der Hölle«.

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