Motorrad-PR (Archivversion) Product Placement

Auf der Bühne Rock ’n’ Roll, vor der Bühne junge Leute,
und irgendwo im Hintergrund stehen ein paar Maschinen rum.
Die hat der Industrie-Verband Motorrad dort geparkt.

Die da wäre es, sagt Ingo, definitiv.
Er meint die Thruxton, die zwischen gechoppter Harley, 450er-KTM, GS 650 von BMW und Suzuki GSX-R 600 platziert ist. Warum die Triumph? »Weil sie Stil hat«, sagt der Sänger der Donots, »und ich steh’ auf alte Schule.« Das tun viele der Jungen. »Bei den meisten Shows der Spirit Tour
ist die Triumph der Knaller«, erzählt Gunter Kesselring.
Der ewig jugendliche Mittvierziger mit zur Skulptur übersteigerten Billy-Tolle hat die Spirit Tour (www.spirit-tour.de) erfunden und das Konzept dem Industrie-Verband Motorrad (IVM) angedient. Der ließ sich bedienen. Mit der Idee, eine Zusam-
menschau von Rock ’n’ Roll, Rebellion und Motorrad zu inszenieren.
In dieser Reihenfolge. In den Augen des IVM hat das offenbar prächtig funk-
tioniert. Denn auch 2005 wird der Ver-
band wieder mehrere Konzert-Tourneen und Festivals unterstützen, weil man mittlerweile zu Genüge weiß: Wenn die Jugend nicht mehr so recht zum Motorrad kommen will, muss man erst recht das Motorrad zur Jugend bringen.
Wobei: Was ist schon die Jugend?
Der gestriegelte BWL-Student mit Code-
gesichertem Aktenköfferchen, der pickelig bleiche Computer-Nerd, die Bibelkreisbesucherin mit Fischsticker am Rucksack? Nein, die haben ihre Jugend weit unten
im Bettkasten versteckt. Die johlende
Menge vor der Bühne nicht. Sie ist eine
Jugend, vor der das Seriöse wenigstens noch kopfschüttelnd zurückweichen darf. Trägt T-Shirts gerne mit abgerissenen
Ärmeln und Totenkopfmotiv, streckt die Hände zum Teufelszeichen geformt nach oben, wackelt mit dem Kopf, klatscht, singt oder grölt auf Kommando mit. Zunächst bei den Rockabilly-Nummern der Schweizer Peacocks, sodann zum nicht nur politisch korrekten Hardcore der Amis von Strike Anywhere und während des Hauptacts, den Donots aus der Welthauptstadt des hitparadenkompatiblen Funpunks, Ibbenbüren, sowieso.
Bemerkt da überhaupt einer, dass auf einem Transparent rechts der Bühne ein Action-Video läuft, in dem man Szenen aus Easy Rider verschnitten hat mit Supercross-Sequenzen, Freestyle-Action und, ja, auch das: dem ein oder anderen Pornoschnipsel? Bemerkt einer, dass im Nebenraum Motorräder stehen? Nicht bewusst, nicht direkt. Das sollen sie auch nicht.
Gemäß der Wirkungsmechanismen des Product Placement läuft die Sache hin-
tergründiger ab. Von cooler Atmosphäre umflort, krallt sich das Bild vom Motorrad als ebenso coolem Objekt dezent, doch nachhaltig ins junge Unterbewusste, um bei passender Gelegenheit den spontanen Trieb auszulösen, auf so einem Ding fahrend selbst cool zu sein.
Der IVM hat halt gelernt, langfristig zu planen, und gecheckt, dass dem Nachwuchs mit frommen Sprüchen und lau-
warmen Parolen nicht beizukommen ist. Versucht man’s eben anders, und das ist
gut so. Zugegeben, bei den Musikern, die nicht nur in Würzburg abrockten, hat das noch nicht ganz funktioniert. Lediglich der Basser von Strike Anywhere fährt. Roller. Dafür war der alte Herr von Sänger Thomas Barnett mal Outlaw Biker.
Sei’s drum: Für diese Rocker kommt die Spirit Tour ein bisschen zu spät, für die anderen, so hofft der IVM: nicht.

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