Motorrad-Sicherheitstag am Ebnisee (Archivversion) Schwaben-Streich

Zwei Tage vor seinem Aktionstag »Motorrad-Sicherheit« im Schwäbischen Wald ließ der Landrat des Rems-Murr-Kreises die umliegenden Straßen kräftig einsplitten. Ein neues Sicherheitskonzept?

Sonntag, 23. Juni. Kalendarisch gesehen, ist der Sommer gerade mal zwei Tage alt, da tut er schon so, als hätte es nie andere Jahreszeiten gegeben. Und die Straße, die sich Richtung Ebnisee hoch schlängelt, windet sich so unwiderstehlich durch Äcker, Wiesen und schattige Waldstücke, als müsse sie schon frühzeitig beweisen, dass sie den Titel verdient hat, den sie kurz vor dem See endlich tragen darf: »Idyllische Straße«. Da oben tönt dann, über Lautsprecher verstärkt, der böse Satz: »Jetzt haben wir wieder Angst davor, am Montag die Zeitung aufzuschlagen.« Johannes Fuchs, der Landrat des Rems-Murr-Kreises, meint die Nachrichten über Motorradunfälle an solch sonnigen Wochenenden in einer solch sonnigen Landschaft. Er nennt es den »Blutzoll«, den der Genuss des Motorradfahrens einfordere. Blutzoll?Von Streckensperrungen ist dennoch nicht die Rede. Schließlich steht der Landrat bei seiner Begrüßungs-Ansprache zum Motorrad-Sicherheitstag selbst in Bikermontur auf der Bühne. Vielleicht ist er wirklich bloß verstört, weil der Rems-Murr-Kreis in der Unfallstatistik besonders schlecht aussieht: bereits im ersten Halbjahr 2002 vier tote Motorradfahrer, so viele wie im ganzen Jahr zuvor. Hauptursache laut Polizeipräsident Konrad Jelden: überhöhte, nicht angepasste Geschwindigkeit – was eine durchaus strittige Lesart der Unfallstatistik ist. Das hatte den Landrat auf die Idee gebracht, einen Sicherheitstag zu organisieren, um möglichst viele Biker auf »Vorsicht, Voraussicht und Besonnenheit« einzuschwören. Verkehrserziehung also. Motorradfahrende Polizisten, TÜV und Rotes Kreuz sehen das etwas anders. Sie wollen vor allem informieren: Fahrzeugbeherrschung, technischer Zustand des Fahrzeugs, Erste-Hilfe-Maßnahmen, Neuheiten auf dem Sektor der Sicherheitsbekleidung, zweiradgerechter Straßenbau, Bitumen – aus solchen Themen formt sich für sie der Komplex »Verkehrssicherheit«. Wer will, kann hier etwas lernen. »Verkehrserziehung ist für mich ein völlig unpassender Begriff«, sagt Jörg Nester von der Polizeidirektion Waiblingen, »ich kann als Polizist erwachsene Menschen nicht erziehen, ich kann sie auf Zusammenhänge hinweisen, ihnen praktische Tipps geben.« Und so wartet denn auch alles darauf, dass die Hauptattraktion startet: die geführten Ausfahrten in die nähere Umgebung, bei denen die begleitenden Polizisten einige Unfallschwerpunkte ansteuern und die typischen Gefahrenmomente dieser Landschaft und ihrer Straßen erläutern, wozu auch die zahlreichen gefährlichen Bitumen-Flickstellen zählen. Als dann Polizeioberkommissar Günther Battermann den Beginn der ersten Ausfahrten bekannt gibt, kann er sich den Hinweis nicht verkneifen, dass ausgerechnet einige Streckenstücke dieser Ausfahrten zwei Tage zuvor »mit Rollsplitt eingesät« und mit zusätzlichem Bitumen verziert worden sind. Verantwortlich für die Maßnahme: das Landratsamt mit Landrat Fuchs an der Spitze. »Mich hat eh gewundert, dass der Landrat das Thema Bitumen ins Programm des Sicherheitstags aufgenommen hat«, gesteht Battermann, »denn sonst heißt es immer, es ist kein Geld da für andere Ausbesserungsmethoden.« So werden also die Besucher dieses Aktionstags von der Polizei über die Bitumen-Problematik informiert und aufgefordert, die Bitumen-Datenbank der Zeitschrift MOTORRAD doch unbedingt mit Meldungen zu versorgen. Und gleichzeitig liefern die Veranstalter unmittelbaren Anlass für solche Meldungen. Und zwar nicht erst heute. »Der Rems-Murr-Kreis ist ja auch in der Bitumen-Datenbank vertrete«, so Battermann, »aber seit über einem Jahr wird nichts gemacht – traurig.« Andererseits: »Der Neue kümmert sich um Motorradfragen, seinen Vorgänger hat das nicht interessiert. Und ein Motorradfahrer an der Verwaltungsspitze kann auf Dauer vielleicht doch etwas verändern.«Ist das das Zauberwort? »Auf Dauer.« Die Biker machen sich bereit für die geführten Ausfahrten, andere setzen ihren Sonntagsausflug fort. Unter der hohen Mittagssonne wogen frischgrüne Getreidefelder, und es glitzern die Bitumenstreifen.

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