MOTORRAD spielt Motoball (Archivversion)

PRIMA BALLERINER

Wenn der deutsche Motoball-Rekordmeister MSC Taifun Mörsch zum Tanz bittet, können die Lackschuhe getrost zu Hause bleiben. Gefragt sind grobes Schuhwerk und die Lust am körperbetonten Mannschaftssport.

Der Ball ist rund. Blödsinn. Mein Lieblingsball ist seit 25 Jahren eiförmig, und die dazugehörige Sportart heißt Rugby. Erste Reihe links – das ist die Position, bei der es nicht auf filigrane Balltechnik ankommt. Gefragt sind 100-Kilo-Spieler, die kein Problem damit haben, von acht gegnerischen Stürmern unter die Grasnarbe gerammt zu werden. Und die im Gegenzug mit dem Gegner gern Ähnliches veranstalten. Ich habe also ein großes Herz für kämpferische Randsportarten. Sportchef Lothar Kutschera fehlten für seine Serie »MOTORRAD fährt...« noch das Thema Motoball und ein Freiwilliger. Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich gerade von einer Horde Taifun-Stürmer verfolgt werde, die mich mächtig in die Zange nehmen und nur mein bestes wollen: den runden Ball.Doch der Reihe nach: Ort des gnadenlosen Selbstversuchs ist das südwestlich von Karlsruhe gelegene Städtchen Rheinstetten. Im Ortsteil Mörsch wohnen rund 9000 Menschen, was völlig ausreicht, um gleich zwei Motoball-Vereinen eine Heimstatt zu bieten. Zwei Vereine mit zwei Stadien, versteht sich. Die liegen sich genau gegenüber, was Auswärtsspiele ungemein vereinfacht. Die Zweiteilung hat Tradition: Bereits bei der Vereinsgründung 1962 zerstritt man sich. Seitdem gibt es den eher locker agierenden und damit in der unteren Tabellenhälfte anzutreffenden 1. MSC Mörsch und den ehrgeizigeren MSC Taifun Mörsch, den 17fachen Deutschen Meister.Meine Motoball-Premiere steigt natürlich beim Taifun, dem FC Bayern der Liga. Und mein Trainer ist auch nicht irgendjemand, sondern Mannschaftskapitän und Nationalspieler Frank Bücher. Fußball mit Motorrädern kannte ich bisher nur von Fotos, und darauf sahen die Spieler immer etwas - nun ja – merkwürdig aus. Ich will nicht besonders auffallen, habe daher den ältesten und fiesesten Jethelm dabei, den ich in der MOTORRAD-Kleiderkammer finden konnte. Damit liege ich allerdings voll daneben, denn zwischenzeitlich kehrte auch beim Motoball modischer Schick ein. Meine tollen Cross-Stiefel sind ebenfalls fehl am Platze. Frank weist mich dezent darauf hin, dass ich mit den Dingern beim harten Infight gute Chancen auf einen sauber abgescherten Beinbruch habe. Die Treter sind einfach zu unflexibel. Der vorsorglich mitgebrachte Brustpanzer bleibt übrigens in der Kabine - Motoballer brauchen Bewegungsfreiheit.Es folgt die Fahrzeug-Einweisung. Mein Opfer ist eine von 16 Rotax-Maschinen. Die luftgekühlte 250er ist der Saurier der Motoball-Szene: überschaubare Technik, enormer Bumms aus dem Keller und nicht viel dran, was ein Anfänger kaputt machen kann. Beim Taifun wird fast ausnahmlos Rotax gefahren. Die meisten anderen deutschen Vereine setzen mittlerweile auf die spanische Gas Gas Pampera. Die hat bessere Bremsen und ist dank Flüssigkeitskühlung thermisch gesünder. Der Urviech-Charakter der Rotax geht ihr allerdings etwas ab. Beiden Maschinen gemein ist die für normale Motorradfahrer ein wenig gewöhnungsbedürftige Schaltmimik. Die beiden Gänge werden nämlich von Hand eingelegt. Der Hebel für den ersten Gang steht über dem Handbremshebel, der Zweite wird oberhalb des Kupplungshebels geschaltet. Motoball-Maschinen haben außerdem zwei Fußbremshebel, was ziemlich praktisch ist, denn der Ball wird links und rechts geführt, und die Hinterradbremse hat eine maßgebliche Funktion beim Richtungswechsel.Doch zuerst einmal muss die Fuhre laufen. Aus seligen MZ-Tagen ist mir das Antreten einer zweitaktenden 250er in Fleisch und Blut übergegangen. Ich möchte außerdem kein Vereinseigentum ruinieren und bevorzuge daher das stilvolle und materialschonende Kicken. Also Benzinhahn auf, Kickstarter sanft durchtreten, bis Widerstand spürbar wird – und dann mit Schmackes und trotzdem gefühlvoll durchziehen. Nichts regt sich. Zweiter Versuch mit noch mehr Gefühl. Wieder nichts. Stunden später kann es Feldspieler Enrico Tritsch nicht mehr mitansehen. Er entreißt mir die Rotax, verpasst dem Kicktarter ansatzlos die volle Ladung Marke »Arschtritt« – und der Hund bellt. Ach so geht das: Motoball-Maschinen wollen es auf die harte, brutale Tour. Ich habe nie wieder Probleme beim Ankicken.Eigentlich ist mir das Fahren auf losem Untergrund ziemlich suspekt. Ich bin mehr der Asphalt-Typ und besitze nur rudimentäre Enduro-Kenntnisse. Querfahren war für mich bislang immer die Phase, die dem Abflug unmittelbar vorausging. Tja, und nun rolle ich die ersten Meter über eine fußballfeldgroße Fläche, deren Belag aus einer zwei Zentimeter dicken und mächtig rutschigen Splitschicht besteht, unter der harter Mineralbeton lauert. Um mich herum driften die trainierenden Taifun-Spieler. Ich bevorzuge vorerst die Geradeausbewegung und freue mich über die extrem gute Gasannahme der Rotax. Da ein blockierendes Hinterrad für den durchschnittlich konditionierten Straßenfahrer kein unüberwindliches Problem darstellten sollte, trete ich feste aufs Pedal und erlebe meine erste gezielte Motoball-Rutschpartie. Beim dritten Versuch werde ich mutiger und stelle den Lenker etwas an. Bingo: Das Heck der Rotax kommt rum, und mir schwant, dass sich auf diese Art und Weise prima lenken lässt. Die Sache fängt an, Spaß zu machen.Frank holt mich verkappten Driftkünstler in die Motoball-Realität zurück, denn nun ist das Spiel mit Ball angesagt. Die im Durchmesser 40 Zentimeter messende Lederkugel sieht ehrfurchterregend aus, ist aber ganz leicht und lässt sich fast wie ein normaler Fußball spielen. Der Ball gehört links oder rechts nebens Vorderrad. Nach oben und unters Motorrad kann er eigentlich nicht abhauen, entsprechende Bügel hindern ihn daran. Dafür, dass die Kugel nicht seitlich entwischt, hat der Fahrer zu sorgen. Pressen, aber nicht zu fest, denn luftiges Einklemmen gilt nicht - der Ball muss jederzeit Bodenkontakt haben. Diese Art der Ballführung geht gewaltig in den Oberschenkel, ich spüre Muskeln, von deren Existenz ich bislang keine Ahnung hatte. Geradeaus und ohne Gegner ist das Fahren mit Ball gar nicht so schwer. Doch bereits die ersten zart genommenen Kurven lassen mich über meinen Anfänger-Status nicht im unklaren: Zack, weg ist der Ball.Richtig lustig wird’s, als mir die Taifuner unvermittelt zeigen, dass es sich beim Motoball um eine Mannschaftssportart handelt. Ich trödel mit Ball über den Platz, als mich Frank und Enrico urplötzlich in die Zange nehmen. Theoretisch hat der ballführende Spieler Vorfahrt und darf nicht behindert werden. Und angegriffen werden darf er nur von der Seite, auf der er den Ball führt. In der Praxis ist das Sandwich-Feeling bei Tempo 70 mächtig ungewohnt. Die Jungs hakeln und füßeln, der Lenker meiner Rotax fädelt sauber ein, und schon liege ich auf der Klappe. Die Sache mit der Ballannahme und dem Passen machen wir dann lieber nächtes Mal. Bis zur Spielreife sind’s ja nur noch minimal zwei Jahre Training. Wenn ich Motoball 25 Jahre früher entdeckt hätte, wäre mein Lieblingsball heute womöglich rund.
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Motoball: Reportage (Archivversion) - MENSCH UND MASCHINE

Was auf den ersten Blick womöglich etwas improvisiert aussieht, hat durchaus System. Ausrüstung und Spielgerät sind absolut praxisgerecht.
Frank Bücher (unten links) ist der Spielführer des MSC Taifun Mörsch und deutscher Nationalspieler. Zusammen mit seinem Feldspieler-Kameraden Bastian Gütlich zeigte er MOTORRAD die Motoball-Ausrüstung. Die Bekleidung ähnelt einer Motocross-Montur, allerdings verzichten die Fahrer auf einen Brust- und Schulterpanzer. Den Kopf schützt ein Jethelm. Visier oder Brille tragen die Spieler nicht, denn der gute Überblick ist beim Motoball alles. Die Füße stecken in halbhohen Leder-Schnürstiefeln. Darüber sitzt ein langer Schienbeinschutz aus extrem hartem Kunststoff. Cross-Stiefel wären zu unflexibel und damit zu unsicher.Die Motorräder sind Spezialanfertigungen mit 250 cm3 großen und extrem drehmomentstarken Einzylinder-Zweitaktmotoren, die um die 50 PS leisten. Frank fährt eine etwas ältere luftgekühlte Rotax, Bastian eine moderne flüssigkeitsgekühlte Gas Gas. Die sehr tief liegenden und mit nur minimalem Federweg auskommenden Maschinen haben links und rechts Fußbremshebel. Die zwei Gänge werden bei den meisten Motoball-Motorrädern über Handhebel geschaltet: rechts erster Gang, links zweiter Gang (ohne Kupplung). Handbrems- und Kupplungshebel liegen an der gewohnten Stelle. Neben dem Vorderrad und unter dem Motor sind Bügel montiert, die die Ballführung erleichtern.Die Maschinen und Großteile der Ausrüstung sind beim MSC Taifun und auch bei fast allen anderen Clubs Vereinseigentum, das den Spielern zur Verfügung gestellt wird. Damit ist Motoball eine der günstigsten Motorsportarten.Noch mehr Motoball-Infos gibt’s im Internet unter www.msc.taifun.de und unter www.motoball.de.

Motoball: Reportage (Archivversion) - DIE REGELN

Motoball wird von zwei Mannschaften auf einem Hartplatz gespielt, der die Größe eines Fußballfelds hat. Eine Mannschaft tritt mit vier motorisierten Feldspielern und einem Torwart ohne Motorrad an. Der Fünf-Meter-Kreis vorm Tor darf von den Feldspielern nicht befahren und vom Torwart nicht verlassen werden. Zur Mannschaft gehören bis zu zehn Spieler. Aus dem Fahrerlager neben dem Spielfeld heraus darf fliegend gewechselt werden. Gespielt wird in vier Vierteln zu je 20 Minuten. Der rund ein Kilogramm schwere Lederball darf mit dem Fuß, dem Kopf, dem Körper oder mit einem Teil des Motorrads gespielt werden. Der ballführende Spieler muss den Ball vorm Überfahren der Mittellinie abspielen. Zwei in Weiß gekleidete Schiedsrichter und zwei Linienrichter überwachen das Spiel.In der Motoball-Bundesliga spielen insgesamt 16 Vereine, je acht in einer Nord- und Südgruppe. Um die Europameisterschaft kämpfen Frankreich, die Niederlande, Russland, Weißrussland, Litauen, die Ukraine und Deutschland.

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