MOTORRAD-Training (Archivversion) Aha-Erlebnis per Knall-Effekt

Die Fähigkeit zur realistischen Selbsteinschätzung – das ist es, was die MOTORRAD-Instruktoren ihren Trainingsteilnehmern beibringen wollen. Dazu bedienen sie sich bisweilen spektakulärer Methoden.

Paff – mit einem trockenen Geräusch zerfetzt es das als Hindernis über die Fahrbahn gespannte Stück Rauhfasertapete. Vladan hat die Augen zusammengekniffen und hält den Bremshebel seiner Honda VF 750 F eisern fest. Einige Meter weiter kommt die Fuhre zum Stillstand. »Laß die Maschine da stehen und komm her«, ruft Instruktorin Regine ihn zur restlichen Gruppe, die sich mit einer ungemütlichen Fragestellung auseinandersetzen muß: Was wäre gewesen, wenn anstelle der Tapete ein VW-Bus den Weg versperrt hätte? Bei seiner Vollbremsung aus 50 km/h wenige Minuten zuvor hatte Vladan exakt an der Stelle angehalten, wo jetzt die Tapete gespannt war. Diesmal war er mit 70 km/h auf den Bremspunkt zugefahren. »Rotweißes Auto«, wirft einer in die Runde. »Rotweiß oder schwarz?« fragt Regine trocken nach. Instruktoren-Kollege Frank rechnet vor: Als Vladan die Tapete zerriß, war er noch mit 50 km/h unterwegs – nachdenkliche Mienen, einhellige Meinung: schwarzes Auto.Solche drastischen Demonstrationen sind die Ausnahme bei den eintägigen Fahrtrainings des ACTION TEAM. Aber sie helfen, das Ziel der Übung zu erreichen. Es geht ausschließlich darum, »daß ihr lernt, eure Fähigkeiten und die eures Motorrads richtig einzuschätzen« – Instruktorin Regine wiederholt es an diesem Tag bestimmt ein dutzendmal.Es ist ein bunter Haufen, der sich kurz vor neun Uhr auf dem Verkehrsübungsplatz an der ehemaligen Solitude-Rennstrecke nahe Stuttgart eingefunden hat. Motorräder jeglicher Spielart sind vertreten, von der 250er Enduro über eine Harley-Davidson Sportster 883, Sportgeräte wie eine Suzuki GSX-R 750 bis hin zu einem Tourenschiff, einer vollausgestatteten BMW R 1100 RT. So unterschiedlich wie die Maschinen zeigt sich auch die Motorraderfahrung ihrer fünf Pilotinnen und zehn Piloten: Den Führerscheinneuling mit vier Wochen Fahrpraxis und 1000 Kilometern auf der Uhr gibt’s genauso wie Leute mit vier Jahren aktueller Erfahrung und 15000 Kilometern auf dem Buckel. Die Einschränkung »aktuell« hat ihren Grund: Viele der Trainingsteilnehmer besitzen ihren Motorradführerschein seit 15 oder mehr Jahren, hatten aber zwischenzeitlich längere Zeit ausgesetzt.Auf den ersten Blick scheint es eine unlösbare Aufgabe zu sein, ein Trainingsprogramm zusammenzustellen, das jedem in diesem heterogenen Haufen etwas zu bieten hat. Doch das Experiment gelingt, weil die simple Idee dahintersteht, ein paar für das Motorradfahren relevante Sachverhalte im Sinn der Worte erfahrbar und begreifbar zu machen. Das geht mit Choppern wie mit Tourern, mit 17 wie mit 117 PS. Jeder Kursteilnehmer hat dabei ein individuelles Erlebnis, geprägt von seinem Fahrkönnen und den Möglichkeiten seines Motorrads.Zunächst sieht es ein bißchen wie Zirkus aus, als nach einer Dreiviertelstunde Vorgespräch, in dem sich Instruktoren und Kursteilnehmer kennenlernen, das beginnt, was Trainingschef Ali »Gymnastik mit Regine« nennt: relativ langsame Runden mit einigen Turnübungen auf dem Motorrad, um ein Gefühl für die Maschine zu bekommen und locker zu werden. Langsamfahren und richtige Blickführung werden spielerisch probiert, bevor Frank ankündigt: »Jetzt wird es ernst.« Vollbremsung heißt die Aufgabe, und um die Selbsteinschätzung zu trainieren, muß jeder mit einem Kreidestrich markieren, wo er wohl nach einem Bremsversuch aus 50 km/h stehenbleiben wird.Das Ergebnis dieser Übung illustriert perfekt, wie weit Glaube und Realität auseinanderliegen. Nur Helga hat exakt bei ihrer Markierung gestoppt und damit bewiesen, daß Selbsteinschätzung lernbar ist: Es ist nicht ihr erstes Motorradtraining. Ebenso interessant und teilweise verblüffend sind für die Gruppe die Erkenntnisse übers Bremsen mit blockierendem Vorderrad oder die Schräglage, die sie tatsächlich fahren können. Wie Kreiselkräfte damit zu tun haben, daß Linkskurven beim Motorradfahren durch einen Rechtsausschlag am Lenker eingeleitet werden, wird am Versuchsgerät begreifbar gemacht und bei Ausweichmanövern erfahren. Daß sich die Instruktoren Zeit nehmen, das Ergebnis jeder Übung jedes einzelnen Fahrers mit ihm zu besprechen, wird in der Manöverkritik positiv vermerkt.Die Truppe ist abgekämpft, als es um halb sechs zum abschließenden Meinungsaustausch kommt. »Seit 15 Jahren habe ich den Motorradführerschein«, sagt Vladan, »jetzt weiß ich, wie man richtig wendet.« Holger schlägt einen Aufbaukurs vor: »Bei der Vollbremsung sind sicher noch ein paar Meter rauszuholen.« Birgit brachte der Tag eine Verbesserung der allgemeinen Befindlichkeit: »Ich habe ein neues Verhältnis zu meinem Motorrad. Ich duze es jetzt.“

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote