Motorrad und Umwelt (Archivversion)

Du darfst. Noch

Politiker verlangen, dass Motorräder künftig weniger emittieren und geringere Spritmengen verbrauchen. Wie sehen´s Hersteller und Fahrer?

»Die überwiegende Zahl der Motorräder hat eine Schadstoffminderungstechnik und ein Emissionsniveau wie Pkw vor etwa zehn Jahren«, sagt Gila Altmann. »Und ihr Spritverbrauch ist erschreckend hoch.« Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, die selbst eine Suzuki LS 650 mit nachgerüstetem geregelten Kat fährt, hat das Symposium »Motorrad und Umwelt« am 25. September in Berlin geleitet. Ihr Credo, das rund 100 Vertreter aus Politik, Industrie, Behörden und Verbänden hörten: »Bikes müssen umweltfreundlicher werden.« Darüber entscheiden Parlament und Rat in Brüssel, die europaweit gültige Abgas- und Geräuschgrenzwerte für neue Motorräder festlegen. Doch auch deren Prognosen klingen düster, wenn alles so bleibt: Kräder werden 2020 für 20 Prozent der Kohlenwasserstoff-Emissionen im Straßenverkehr sorgen. »Wir wollen auch in Zukunft noch Motorrad fahren. Fahrspaß und Umweltverträglichkeit gibt es deshalb nur im Doppelpack«, findet Bernd Lange, EU-Parlamentarier und Biker. Die Lösung der Politiker: schärfere Schadstoffgrenzwerte und ein realistischer Prüfzyklus für neue Motorräder. Die Hersteller wollen sich auf das Verfahren vorbereiten, doch die Entscheidung kann Jahre dauern. Gila Altmann: »Die Industrie ist gefordert, ambitionierte technische Lösungen zu entwickeln. Dringend notwendig ist auch, die Lärmemissionen weiter zu mindern.« An geringeren Geräuschgrenzwerten scheiden sich die Geister: »Lärm ist das eigentliche Problem von Motorrädern«, meint Dr. Gert Kemper, Referatsleiter im Umweltministerium. Und Dr. Axel Friedrich, Abteilungsleiter im Umweltbundesamt, glaubt: »Über 69 dB (A) steigt das Herzinfarktrisiko.« Dagegen spricht Michael Thiem von Honda Fahrerverbänden und sogar Polizeivertretern aus dem Herzen: »Die Belästigungen werden durch laute Nachrüst-Schalldämpfer ausgelöst.« Statt gesetzlicher Restriktionen verlangt der Industrie-Verband Motorrad deshalb mobile Geräuschkontrollen. Deren Erfolg schätzt Albert Lechner vom Hechinger Polizeirevier als gering ein: Immer mehr Hersteller von ECE-geprüften Nachrüstanlagen bieten Schalldämpfer an, die lauter sind als erlaubt. Der Trick dabei: Das von der Polizei gemessene Standgeräusch ist wahrheitsgemäß angegeben, weil vom Gesetzgeber nicht mit einer Vorschrift belegt. Das Fahrgeräusch überschreitet zwar die erlaubten 80 dB (A), die Anlage trägt aber den europaweit gültigen Prüfstempel, ist also legal. Lechner: »Wir fühlen uns wie Don Quichottes, die gegen Windmühlenflügel kämpfen.« Während bei Geräuschgrenzwerten und ihrer Kontrolle Uneinigkeit herrscht, unterstützt der Industrie-Verband Motorrad die geplante emissionsabhängige Kraftfahrzeugsteuer. Harald Hormel, Chef des Bundesverbands der Motorradfahrer (BVDM), sieht sie als Chance für über 90 Prozent der Biker, geregelte Kats nachzurüsten. Solche hat der TÜV Essen für gängige Vergasermodelle getestet. Mit guten Ergebnissen, allerdings verfärben sich die Schalldämpfer aufgrund der Hitzeentwicklung der Kats. Umstritten sind die Kosten: Axel Friedrich schätzt sie auf rund 500 Mark, Harald Hormel auf 2000 Mark. Zu teuer für alte Bikes. Deshalb möchte Hormel, dass auch ungeregelte Kats und Sekundärluftsysteme steuerlich gefördert werden. Was Friedrich ablehnt.Noch sind trotz aller kontroverser Diskussionen um das Thema Motorrad und Umwelt wenig Ergebnisse auf dem Tisch (siehe Kasten). Eins jedoch ist klar: Die Gesetzgebung wird restriktiver.
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Umwelt und Motorrad: Info über geplante EU-Restriktionen (Archivversion)

Motorräder haben derzeit einen geringen Anteil an den Emissionen im Straßenverkehr. Ihr Bestand wächst jedoch. Der umweltpolitische Druck auf die Motorradindustrie wird größer, weil für Autos immer strengere Grenzwerte und ein anderer Prüfzyklus gelten. Bei Motorrädern beginnt die Abgasmessung erst nach 430 Sekunden Vorlauf und reicht bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h. Der Neue Europäische Fahrzyklus (NEFZ 98/69/EG) für Pkw: Kaltstart, bis 120 km/h. Selbst Bikes mit geregeltem Kat erreichen im NEFZ nur schwer die Grenzwerte bei den Kohlenwasserstoffen (HC), die für Autos verlangt werden. Fazit: Ohne weitere Forschung geht´s nicht.

Umwelt und Motorrad: Info über geplante EU-Restriktionen (Archivversion) - Abgas, Spritverbrauch

Ziel der Politik: Angleichung der Richtlinien für Pkw und Motorrad. Die Europäische Kommission hat Abgasgrenzwerte für 2003 (Euro 2-Norm) und Empfehlungen für 2006 vorgelegt, die die Grundlage für eine emissionsabhängige Bike-Steuer bilden sollen. Ziemlich sicher jedoch schlägt das Europäische Parlament für 2006 verbindliche Grenzwerte und einen neuen Fahrzyklus vor (Kaltstart und Geschwindigkeit bis zu 120 km/h). Weiterhin geplant: Vorschriften für die Dauerhaltbarkeit der Katalysatoren sowie deren Überwachung, On-Board-Fehlerdiagnose, Verbot von Abschaltregelungen der abgasreduzierenden Systeme. Eine Entscheidung fällt nicht vor 2001. Außerdem hat sich die Bundesrepublik verpflichtet, die CO2-Emissionen von 1990 bis 2010 um 21 Prozent ab zu senken. Nur möglich durch einen niedrigeren Benzinverbrauch der Flotten. Die Forderung: Drastisches Verringern des Kraftstoffkonsums und genormte Verbrauchswerte wie bei Autos.

Umwelt und Motorrad: Info über geplante EU-Restriktionen (Archivversion) - Geräusch

Bei den Geräuschemissionen wünschen Umweltpolitiker und -verbände in der Bundesrepublik eine drastische Absenkung der Grenzwerte, beim Fahrgeräusch von 80 auf bis zu 74 dB (A), und neue Messverfahren. Motorradindustrie und Fahrerverbände pochen dagegen darauf, dass nicht serienmäßige Auspuffanlagen, sondern illegale Nachrüst-Schalldämpfer intolerablen Lärm verursachen. Die Europäischen Gremien kümmern sich zuerst um die Aufstellung von Qualitätszielen. Eine Beratung über eine strengere Geräuschgesetzgebung für neue Motorräder ist in der Europäischen Union erst ab 2002 zu erwarten.

Umwelt und Motorrad: Info über geplante EU-Restriktionen (Archivversion) - Umweltuntersuchung, Steuer

Ab 2002 in Deutschland geplant: Abgas- und Geräuschmessungen alle zwei Jahre. Unklar bislang: Messmethoden, Werte, Kosten, Prüfstellen. Wahrscheinlich bei der Abgasuntersuchung: CO2-Messung im Leerlauf ab Modelljahr 1989, weil es vorher keine Typprüfwerte gab. Gegen die Geräuschmessung argumentiert der Industrie-Verband Motorrad, weil sie auch bei Autos nicht verlangt wird. Umstritten: Die Prüfplakette soll auf dem Auspuff kleben. Dagegen spricht, dass Biker mit legalen Nachrüstanlagen Probleme haben könnten, was die Europäischen Gremien wohl als Handelshemmnis werten. Zudem in Deutschland gewollt: emissionsabhängige Kfz-Steuer für Bikes, die bis 2005 an die der Autos angeglichen werden soll, so dass bei gleichem Emissionsniveau pro Hubraum der gleiche Steuersatz gilt. Für hochemittierende Pkw sind 2005 bis zu 69, 90 Mark je Hundert Kubikzentimeter vorgesehen. Bislang für alle Motorräder: 14,40 Mark auf hundert cm3.

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