Motorrad-Versteigerung in Thun (Archivversion)

El Condor pasa

Alljährlich bringt das Schweizer Militär vierschrötige Oldtimer der Marke Condor mit Ducati-Motor unter den Hammer. Lohnt sich die Fahrt nach Thun?

Hans aus Freudenstadt will eine. Auch Josef aus dem Wallis haben seine Kinder überzeugt: Eine Condor made in Switzerland muß her. Ein Motorrad, nicht leicht und majestätisch wie sein Namensgeber aus den peruanischen Anden, eher bodenständig von der Statur eines Ackergauls. Und grün, weil vom eidgenössischen Militär. Das mustert alljährlich Fahrzeuge aus, deren »Instandstellung” - sprich: Reparatur - nicht mehr lohnt.Um sich dieser Vehikel zu entledigen, veranstaltet der Armeemotorfahrzeugpark (AMP) Thun eine öffentliche Versteigerung. Perfekt durchorganisiert, gerät der »Grossanlass” geradezu zum Volksfest. Die Stimmung hat jedenfalls gar nichts Militärisches - die Buden, Grillparty unterm Hängerzelt und eine improvisierte Ausstellung, was man aus alten Armeegeländewagen so alles machen kann. Hinter endlosen Reihen Jeeps und anderen Fahrzeugen stehen die Condors, in Reih und Glied ausgerichtet. Eben doch wie beim Militär. Fahren ist nicht drin, nicht einmal Motor antreten. »Du kaufst die Katze im Sack und freust dich, wenn sie noch miaut”, sagt einer. Samuel Dummermuth nickt. »Diese hier laufen alle,” meint er, »sie sind sehr zuverlässig und halten gut.” Er muß es wissen, schließlich schraubt Dummermuth seit 25 Jahren in Diensten des AMP an den Condors. Zweifel seien trotzdem angebracht. Die angebotenen Maschinen aus den Baujahren 1973 bis 1977 haben zwischen 30000 und 50000 Kilometern auf den grünen Rahmen. Und sie haben die Strapazen von Eskortenfahrten, Fahrschule und sonstigem rüdem Einsatz nicht immer gut verdaut. Weist der an jedem Motorrad hängende »Zustandsrapport” unter sonstige Schäden den Eintrag »Rahmen” auf, verbirgt sich dahinter meist ein glatter Rahmendurchbruch oberhalb des Hauptständers. Endlich: Gegen zehn Uhr rollen die Männer mit dem Hämmerchen auf der Versteigerungsbühne an - montiert auf einem Pinzgauer. 800 Schweizer Franken sind Mindestgebot. Der Platz hat sich blitzartig gefüllt, Hände schnellen empor, bei 1600 Franken pendeln sich die Preise ein. Dazu kommt noch die Mehrwertsteuer. Zu teuer, meint ein Österreicher, in den Anzeigenblättern gäbe es Condor in diesem Zustand für knapp 1000 Franken. »Die direkt vom Militär erworbenen Maschinen sind nicht verbastelt, da waren nur Fachleute mit Zeit und Liebe zum Detail dran”, gibt Condor-Spezialist Markus Storchenegger aus Oberuzwil zu bedenken. »Bei einem Exemplar ohne Rahmenschaden, dafür mit kürzlich überholtem Motor und Getriebe kann nicht viel schiefgehen.” Man muß nur genau hinschauen. Doch dies tun beileibe nicht alle. Sogar Rahmenbrüche haben etliche Fans nicht gesehen. So passiert es, daß ein tadelloses Exemplarebenso wie die gebrechliche Nummer 514 für 1600 Franken weggeht. Mit der zugegebenermaßen ziemlich einfältigen Frage konfrontiert, was er denn mit der Condor wolle, meint Josef aus dem Wallis nur lapidar: »Haben.” Und als Freizeitbeschäftigung taugt solch ein Vehikel schließlich am besten, wenn es noch was zu schrauben gibt. Wozu also dann allzu genau hinschauen.Hans aus Freudenstadt hatte genau hingeschaut. Und nur bei drei guten Exemplaren mitgesteigert. Aber er hat keine abbekommen. Weil das persönliche Preislimit überschritten und die Gattin ohnehin dagegen war. Jetzt hat er wieder ein Jahr Zeit, sie zu überzeugen. Am 3. Mai 2000 fällt in Thun das nächste Mal der Hammer.
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Condor: Technik, Ersatzteile, Adressen (Archivversion)

Basis: Ducati ScramblerTechnische Daten: Viertakt 350 cm³, 16,6 PS bei 5000/min, 6-Volt-Elektrik, Kickstarter, fünf Gänge, Gewicht: 177 kg.3000 Stück wurden zwischen 1973 und 1978 ausschließlich für das Schweizer Militär gebaut; Änderungen und Verbesserungen in der Serie wurden in alle Exemplare nachgerüstet.Umfangreiche Modifikationen machten die anfällige Ducati-Technik standfest:Eine Nockenwelle mit zahmeren Steuerzeiten, Nebenstrom- Ölfilter, niedrige Verdichtung (8,2:1 statt 10:1), kleinerer Vergaser mit 27 statt 29 mm Durchmesser,der erste Gang ist kürzer übersetzt, der zweite Gang gleich, dritter, vierter und fünfter Gang sind länger. Neupreis zum Schluß 1978: 5800 Schweizer Franken.Die Ersatzteilsituation ist ausgezeichnet. Teile gibt es bei den AMP und bei privaten Anbietern (Adressen siehe unten).Typische Schäden: Der zweite Gang funktioniert nicht oder nur mitunter. Der Rahmen ist am Ständeranschlag an- oder durchgebrochen; Grund: unterdimensioniert. Die Kennzeichnung CR am Rahmen bedeutet: Das Werk hat den Rahmen bereits einmal geschweißt. Angeblich aus Sicherheitsgründen wurde bei allen das Lenkschloß zugeschweißt.Preise heute: bei der Versteigerung werden zwischen 1500 und 2000 Franken erzielt, etwa 2200 Franken kostet ein voll funktionstüchtiges Exemplar mit Schweizer TÜV zum Beispiel bei Markus Storchenegger.Beim Import nach Deutschland fallen die 7,5 Prozent Schweizer Mehrwertsteuer weg, dafür werden an der Grenze 16 Prozent deutsche Einfuhrumsatzsteuer fällig. Die ist nicht zu umgehen, denn ohne Bescheinigung gibt es später keine Zulassung. Zoll fällt nicht an, wenn die »originär Schweizer Herkunft der Ware” nachgewiesen wird. Bei der Versteigerung gibt es diese Bescheinigung dazu, bei Privatkäufen muß man sie sich besorgen - der komplette Wortlaut ist wichtig und kann beim Zollamt erfragt werden -, sonst löhnt man nochmal sechs Prozent Zollgebühren.Adressen: Armee-Motorfahrzeug-Park (AMP), SM Schweizerische Munitionsunternehmung AG, Allmendstraße 74, CH-3602 Thun, Telefon 0041/33/2282440, Fax 0041/33/2282595, Internet: www.swissmun.com; Technik-Shop Thun, Telefon 0041/33/2284597, Internet www.technikshop.swissmun.com;Markus Storchenegger Stutzenbühlstraße 12,9242 Oberuzwil, Telefon 0041/71/9512456

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