Motorrad-WM-Bilanz 2012 aus deutscher Sicht Solisten und Teamplayer

Beim Rückblick auf die Saison 2011 hatte sich die MOTORRAD-Redaktion auf die deutschen Motorradsportler konzentriert, die in einer Solokategorie Weltmeisterschaftspunkte gesammelt hatten. 2012 sollen auch die Mannschaftssportler zu ihrem Recht kommen - aus gutem Grund.

Foto: 2snap

Knauserig ist die Fédération Internationale de Motocyclisme nicht, wenn es ums Verteilen von Weltmeisterlorbeer geht. Allein in den Soloklassen hat die internationale Motorradsport-Föderation FIM im vergangenen Jahr 29-mal den Titel Weltmeister vergeben, hinzu kommen die Gewinner internationaler Mannschaftswettbewerbe und sogenannter FIM-World-Cups. Der Automobil-Weltverband FIA ist da sparsamer. Neben Sebastian Vettel, der mit seinem dritten Formel-1-Gesamtsieg in Folge derzeit alles überragt, wurden lediglich sechs weiteren Autofahrern allerhöchste Ehren zuteil - Mannschaftswertungen ausgenommen.
Ein Anlass, über die Relation zwischen der Anzahl der Titel und dem Wert jedes einzelnen zu diskutieren? Nicht jetzt, nicht für die Motorradsport-Gemeinde. Denn
die kann sich freuen. Skeptiker durften vermuten, dass es schwer sein würde, an die Saison 2011 anzuschließen - mit vier deutschen Weltmeistern, allen voran Stefan Bradl in der Moto2-Straßen-WM und Ken Roczen in der MX2-Motocross-WM.
Sie wurden eines Besseren belehrt. Weil Sandro Cortese über sich hinauswuchs und erneut einen Straßen-WM-Titel nach Deutschland holte. Weil Roczen zwar nach Amerika umzog, aber für die Motocross-Mannschafts-WM einen Europatrip einlegte und gemeinsam mit Max Nagl und Marcus Schiffer mit dem ersten deutschen Sieg seit 65 Jahren Historisches leistete.
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Weltmeister der Hoffnung: Wer, wenn nicht Sandro Cortese, hätte 2012 in die Fußstapfen treten können, die Stefan Bradl als deutscher Straßen-Weltmeister 2011 hinterlassen hat? Klar, vor einem Jahr war bei Cortese der Knoten geplatzt. Im KTM-Werksteam hatte er perfekte Voraussetzungen. Wir hatten Bedenken. Jetzt sind wir glücklich darüber, dass Cortese uns als zaudernde Zweifler überführt hat. Er hat den Titel verdient.
Ein Deutscher weit vorn in der Königsklasse: Dass Stefan Bradl Motorrad fahren kann, muss er seit dem Gewinn der Moto2-WM nicht mehr beweisen. Dass er aber sein erstes Jahr in der Spitzenkategorie MotoGP auf einem glänzenden Platz acht abschließt und mehrfach nur knapp am Podest vorbeifuhr, hätten wohl selbst seine glühendsten Fans kaum erwartet. Bradl ist der beste Deutsche in der Top-Klasse seit Dieter Braun 1974.
Das Überraschungscomeback: Dass Jörg Steinhausen nach seinem Rückzug aus dem Seitenwagensport 2005 nochmals in ein Gespanncockpit klettern würde, war nicht unbedingt zu erwarten. Der Diplom-Ingenieur der Fahrzeugtechnik war mit einigen Regeln nicht einverstanden. Er hat es zum Glück noch einmal gewagt - und mit Grégory Cluze um den Titel gekämpft.

Zurück auf der Ideallinie des Erfolgs: Niemand hat die Absicht, mit zu viel Vorschusslorbeeren Erfolgsdruck aufzubauen. Es wird jedoch kaum zu verhindern sein. Stefan Bradl und Sandro Cortese, die deutschen Straßenweltmeister der jüngsten Vergangenheit, werden 2013 in der Moto2- und MotoGP-Klasse noch Erfahrung sammeln und nicht um Titel kämpfen. Moto3-Pilot Jonas Folger hat die besten Voraussetzungen dafür, sie als deutscher Champion zu beerben.
Ein Ackermann mit wenig Bodenhaftung: Seit 2006 war kein Deutscher mehr so weit vorne in der Weltmeisterschaft der Freestyle-Motocrosser wie Hannes Ackermann. Der Mann aus Niederdorla in Thüringen ist erst 22 Jahre alt - da ist noch was drin. Und Bruder Luc (14) folgt bereits seiner Spur.
Karrierehöhepunkt: Obwohl der 27-jährige Bayer auf die Grasbahn-EM und die Langbahn-Team-WM verzichtete, wurde 2012 sein erfolgreichstes Jahr.
Auf der Langbahn schloss er die Grand Prix-Serie im Endspurt als
Vizeweltmeister ab. Die Saison beendete er mit Landshut als Bundesliga-Champion und als Deutscher Langbahnmeister.

Mannschaftsweltmeisterschaft - das ist, wenn die Einzelleistungen mehrerer Sportler im Rahmen eines Wettbewerbs nach einer festgelegten Formel zu einem Teamergebnis kumuliert und als solches gewertet werden. Eine Besonderheit dabei: Als Mitglied eines Teams können Athleten auch Erfolge verbuchen, die ihnen als Solisten womöglich verwehrt geblieben wären.
Wie Nina Oppenländer. Bei der Enduro-Mannschafts-WM, die 2012 rund um Zschopau ausgetragen wurde, blieb sie bereits am zweiten Tag mit vor Ort irreparablem Defekt liegen und wurde im deutschen Frauen-Trio fortan als Dauerstreichresultat geführt. Weil sich aber Sabrina Kaupe und vor allem Enduro-Europameisterin Heike Petrick keine Schnitzer leisteten, durfte Oppenländer gemeinsam mit den Kolleginnen als Vizeweltmeisterin feiern.
Beim Motocross der Nationen war Marcus Schiffer neben den KTM-Werksfahrern Max Nagl und Ken Roczen sicher der Schwächste im Bunde. Weil Schiffer jedoch den Spitzenleistungen von Nagl und Roczen solide Ergebnisse hinzufügte, reichte es für alle drei zum sensationellen WM-Sieg.
Fast eine Pflichtübung war dagegen der WM-Triumph des deutschen Langbahn-Vierers Bernd Diener, Stephan Katt, Matthias Kröger und Jörg Tebbe. Bilanz: der sechste Titel in sechs Jahren für Deutschland. abs
Wenn der weltweite Motorradsportverband Fédération Internationale de Motocyclisme (FIM) sich nicht dazu durchringen kann, einer Rennserie Weltmeisterschaftsstatus zu verleihen, aber aus nicht immer nachvollziehbaren Gründen dennoch ein Champion gekürt werden soll, nennt er den einfach Weltpokal- oder Gold Trophy-Sieger. Auch Internationaler Meister wird als Titel gern genommen.
Ob so eine Ehrung zweiter Klasse der sportlichen Leistung gerecht wird, die sie auszeichnet, sei dahingestellt. MOTORRAD gratuliert dessen ungeachtet den vier Deutschen, die 2012 gewannen, aber nicht Weltmeister wurden.
Wie Matthias Himmelmann. Der darf sich "Sieger der e-Power International Championship" nennen und führt vor Katja Poensgen und Christian Amendt ein deutsches Trio an der Spitze der FIM-Meisterschaft für Elektromotorräder an. Die korrekte Bezeichnung für Florian Alt lautet "Gewinner des Red Bull FIM MotoGP Rookies Cups" - zu Deutsch: Er ist der erfolgreichste Nachwuchsmann für die Stra-
ßenweltmeisterschaft. Im Speedway-Oval gilt das für Michael Härtel, der die "FIM Speedway Youth Gold Trophy 250 cc" abräumte. Und mit dem "Gesamtsieg im FIM Endurance World Cup" darf sich Rico Penzkofer als Teamchef schmücken. abs

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