Motorradfahren als Therapie (Archivversion) Der Ritt um den Bodensee

Geschwindigkeit fühlen, Landschaft erleben, Maschinenkraft spüren - für geistig behinderte Menschen bedeutet Motorradfahren Abenteuer pur. Frank Siepmann nimmt sie mit auf die Reise.

Hanna* haut nicht ab. Obwohl die Chance da wäre. Allein steht sie auf dem Parkplatz vorm Wohnheim Wellenspiel im Schweizer Kanton Thurgau. Die meiste Zeit ihrer mehr als vierzig Jahre hat die robuste und vitale Frau in geschlossenen Anstalten verbringen müssen, voller Aggressionen gegen andere und sich selbst. Als ich ihr den Helm reiche, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Hanna freut sich. Früher hat sie den Hut wutentbrannt weggeworfen, heute weiß sie, ohne geht’s nicht. Ich lasse sie den Zündschlüssel herumdrehen, kurve vorm Klinikgelände auf und ab, um herauszufinden, wie Hanna heute drauf ist. Manchmal schlägt sie sich, tobt im Boot. Dann stellen wir die betagte Guzzi ab, gehen besser zu Fuß.Doch heute hat Hanna Lust auf Töff, und wir kreuzen inmitten der prachtvollen Obstplantagen an den Hängen überm Bodensee. Pause. Hanna klaut einen Apfel, verzieht das Gesicht. Grün, unreif, sauer. Dennoch ißt sie auf. Wer jahrelang in Großgruppen lebte, wo beim Essen der Stärkste am meisten abbekam, läßt nichts verkommen. Weiter geht’s. Nie schneller als 50 km/h. Hanna hält vorsichtig die Hände in den Fahrtwind, spürt die Geschwindigkeit an Reaktionen ihres Körpers. Eine neue Erfahrung. Nach einer halben Stunde - mehr wäre ihr nicht zuzumuten - die nächste Rast. Hanna stürzt einen Saft herunter, prügelt auf sich ein. Will schnell raus dem Restaurant. Sie kennt das nicht - unter fremden Menschen zu sein. Während ihrer Zeit in geschlossenen Heimen bekam sie sogar auf kurzen Rundgängen eine Zwangsjacke verpaßt. An die neue Freiheit muß sie sich erst noch gewöhnen.Vielleicht hilft das Motorrad dabei. Ich arbeite in der Wohngruppe für geistig mehrfach Behinderte, in der Hanna seit 1993 lebt. Und wo sie erstmals in ihrem Leben die Chance hat, selbst für sich zu entscheiden. Etwa, ob sie mit mir im Gespann ausfahren oder lieber zu Hause bleiben möchte. Nach dem Schock in der Kneipe will Hanna nur noch das eine: mehr Gas. Sie schaukelt so lange in der Sitzschale des Boots herum, bis der Tacho 70 zeigt, bricht dann in ein lautes, befreiendes Lachen aus, das ich sogar unter meinem Integralhelm deutlich hören kann. Hanna scheint’s prima zu gehen, deshalb biege ich in einen Feldweg, beschere Hanna im ungefederten Beiwagen ihre erste Geländeeinlage. Es dauert eine ganze Weile, bis sich das während und nach der Schüttelei angestrengte Gesicht wieder entspannt. Zurück in der Wohngruppe, nach Kaffee und Kuchen, zerrt Hanna mich zur Tür. Sie will spazierengehen. Raus. Mir kommt es so vor, als wolle sie alles nachholen, was ihr in den 30 Jahren unter Verschluß der Psychiatrie verwehrt blieb. Von den zehn Behinderten in meiner Gruppe nehme ich regelmäßig drei mit auf Tour. Und obwohl ich mit meiner Guzzi schon alle Länder Nordafrikas durchquert und mich bis nach Nepal durchgekämpft habe, sind diese Ritte um den Bodensee viel spannender. Weil ich die Wirklichkeit aus einer anderen, so noch nie erlebten Perspektive erlebe. * Name von der Redaktion geändert

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