Motorradfahrer des Jahres 2000: Finale am Nürburgring (Archivversion) The winner takes it all

Neue Sturzhelme und Reifen bekamen sie alle. Doch nur einer der 25 Final-Teinehmer fuhr mit einer neuen GSX-R 750 vom Nürburgring heim. Peter Seydel: Motorradfahrer des Jahres 2000.

Felice kämpft. Kämpft gegen die Enttäuschung. Seine letzte und härteste Prüfung hier am Nürburgring. Härter als die Wertungsrunde auf der Nordschleife. Vermutlich sogar härter als mancher Stunt, den der 36-Jährige für n-tv Motor, die Motorrad-Cops oder den 7. Sinn auf den Asphalt gelegt hat. Binnen Bruchteilen von Sekunden laufen die vergangenen drei Tage vor seinem geistigen Auge ab. Wo ist es passiert? Wo hat er gepatzt? Wo konnte der Mann neben ihm die entscheidenden 27 Punkte gutmachen? Auf der Grand-Prix-Strecke? Im Gelände? Wo? 27 Punkte. Verdammt.Felice Salerno wusste, dass es knapp werden würde. »Einer von uns beiden schiebt heute Abend den ganz großen Frust«, prognostizierte der Kölner nachmittags auf der Rennstrecke, und sein taxierender Blick traf den drahtigen Typ in der blauen Yamaha-Aral-Cup-Kombi: Peter Seydel. 33 Jahre. Kfz-Mechaniker aus Hofheim-Wallau.Der Mann neben ihm. Dessen Gesicht wieder und wieder im Blitzlicht der Kameras aufleuchtet. Fassungslos vor Glück.Peter Seydel ist »Motorradfahrer des Jahres 2000«. Die Fäuste zum Jubel erhoben, genießt er den Beifall der rund 200 Gäste, die zur Abschlussgala geladen sind. Es ist der 26. September, kurz vor 21 Uhr, im Auditorium der »Erlebniswelt am Nürburgring«. Auf dem Podium stehen drei fabrikneue Motorräder: Aprilia SL 1000 Falco, BMW R 1150 GS, Suzuki GSX-R 750. Der Sieger hat die Wahl, nimmt die Suzuki. Seine Bürgen – jeder Teilnehmer benötigte drei – bekommen 3000 Mark in bar. Felice, der Vize, kriegt nichts. That’s racing.Bis vor wenigen Minuten wusste keiner der 25 Finalisten, wo genau er stand. Die Ergebnisse der 14 Prüfungen waren streng gehütetes Geheimnis der Verantwortlichen. Selbstverständlich aber liefen die Kopfrechner von 24. bis 26. September auf Hochtouren. »Ich spekulierte auf einen Platz unter den ersten fünf«, sagt Seydel. »Drum hab’ ich mich bis zum Schluss voll reingehängt.« Andere hingegen warfen ihre Hoffnung schon zu Beginn des zweiten Tages über Bord. Max zum Beispiel. Max Sawatzki, Student der Psychologie. Er war am 25. September mit dem falschen Fuß aufgestanden.8.45 Uhr. Erste Übung: beschleunigen, bremsen, ausweichen - wieder beschleunigen, danach Zielbremsung zwischen vier Pylonen. So weit kommt es bei Max allerdings nicht. Auf regennasser Fahrbahn geht seine BMW R 100 GS bereits nach dem Ausweichen zu Boden. »Die Karre war abgestorben, und du hast in Schräglage eingekuppelt. Das konnte nicht gut gehen.« Helmut Stanik, Ex-Trialmeister und einer von sieben Instruktoren, die den Probanden über die Runden helfen, stand direkt an der Absturzstelle.Keine zwei Stunden später schraddelt die GS abermals in voller Schräglage durch die Eifel. Tatort: Kartstrecke. Pechschwarz schimmernder Asphalt. Über Nacht waren beachtliche Wassermassen rund um die grüne Hölle niedergegangen und hatten den dick und fett mit Gummiabrieb überzogenen Handling-Parcours in eine fiese Rutschbahn verwandelt. Max fliegt in der dritten Kurve. Wie Markus. Und Jürgen.»Natürlich haben’s manche Übungen in sich«, erklärt Hanns-Martin Fraas, Leiter des MOTORRAD ACTION TEAMS. »Aber das hier ist schließlich keine Kaffeefahrt.« Wer Motorradler des Jahres werden will, muss alle Facetten der hohen Kunst auf zwei Rädern beherrschen. Wenden am Lenkanschlag. Vollbremsen in Schräglage. Gas geben auf der Rennstrecke. Oben bleiben im Gelände. Wer Motorradler des Jahres werden will, muss außerdem in Technik, erste Hilfe und Gefahrenlehre durchblicken. Und zur Schnecke machen lassen muss er sich auch.Im Langsamfahr-Parcours. Wo Rolf Dederichs vom Mitveranstalter Aral die Rolle des Motivators übernommen hat. »Heute ist es schlimmer, als es aussieht, Leute. Habe die Strecke selbst abgefahren und mich elf mal auf die Klappe gelegt.« Durchaus vorstellbar. Hunderte von Hütchen markieren da eine handtuchschmale Spur, die in einem Harakiri-Slalom bergab, bergauf, im Kreis herum führt. Fusseln und so ist freilich verboten: Acht, zehn, 29 Sekunden, danach sind die meisten am Ende. Nur einer trialt eine kleine Ewigkeit zwischen den Pylonen herum: Jürgen Schöne. Vier Minuten!»Der stellt einfach den Lenker auf Anschlag und bleibt stehen.« Instruktorin Regine Lutz ist begeistert. Die Dame kann aber auch ganz anders. »Ich wurde Opfer ihrer Schimpftiraden«, berichtet Mayk. »Weil ich bei den Trainingsrunden auf der Nordschleife nicht ihre Linie fahre.« Vorsätzlich – wohlgemerkt, und das stinkt Regine. Warum der Varadero-Pilot – »habe die Kiste extra höher gelegt« – so etwas macht? »Nun, gewinnen«, sagt er, »kann ich eh nicht. Aber ich möchte wenigstens alle Kurven mitnehmen. Drum fahr’ ich jede einzelne aus. Ideallinie hin oder her.« Mayk kommt aus Wedemark. Niedersächsisches Kurven-Notstandsgebiet.Bei der Wertungsrunde, 22 Kilometer unter den gestrengen Augen zweier Prüfer, erzielt er 24 von 45 erreichbaren Punkten. Insgesamt landet Mayk Eggert auf Platz 21. Max, für den nur noch der olympische Gedanke zählte, liegt zwei Plätze hinter ihm. Und Felice steht gerade einen Verbal-Stunt: »Doch, doch es hat wirklich Spaß gemacht. Echt.« Sagt’s und schüttelt dem Sieger die Hand. Nicht nur fürs TV.

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