Motorradfahrer im Radsport (Archivversion) Ran an Jan

Ob Triumph oder Erschöpfung, Jan Ullrich und seine Kollegen sind bei ihren Tret-Torturen selten allein. Die Fans zu Hause fühlen mit - dank faszinierender Aufnahmen von Bord der Fernseh- und Fotografen-Motorräder.

Abraham Olano, der Chef des spanischen Banesto-Teams, spielt für seine Kollegen ausnahmsweise den Wasserträger. Er läßt sich zum Mannschaftswagen zurückfallen und stopft so viele Trinkflaschen wie möglich in sein Trikot. Marco Pantani, der Bergkönig, stößt energisch einen Fan beiseite, der ihn beim Aufstieg nach Alpe d´Huez beinahe vom Rad zerrt. Und dann natürlich die beeindruckenden Tour de France-Bilder von Sieger Jan Ullrich - inklusive den Szenen seiner kurzzeitigen Schwächeperiode, jener Phase gegen Schluß des Rennens, in der ihn Telekom-Teamkollege Udo Bölts mit markigen Worten zu motivieren versuchte: »Quäl dich, du Sau.« Bei der Tour der Leiden bleibt dem Fernsehen fast nichts verborgen. Daß die Zuschauer zu Hause das größte Radsport-Spektakel der Welt bei den Live-Übertragungen so hautnah und transparent miterleben können, verdanken sie zu einem Großteil den Motorradfahrern. Nur sie haben die Möglichkeit, so dicht an ihre strampelnden Zweiradkollegen heranzufahren, daß der Kameramann auf dem Soziussitz die tropfende Nase des Stars ins Bild setzen kann. Einer, der sich schon seit Jahren als motorisierter Radler im Peleton bewegt, ist Kurt Fink. Bislang noch nicht bei der Tour de France, dafür aber bei vielen hochkarätig besetzten deutschen Rennen wie dem Frühjahrsklassiker »Rund um den Henninger Turm« in Frankfurt, dem Paar-Zeitfahren in Karlsruhe oder jüngst beim Rennen im badischen Bühl, wo Jan Ullrich zum ersten Mal nach seinem historischen Tour-Sieg in Deutschland auftrat - und natürlich gewann. Rad an Rad mit Ullrich kreuzte Kurt Finks blaue BMW K 100 RS den Zielstrich (siehe großes Foto auf Seite 48). Mit an Bord war Kameramann Jochen Wiemer vom Hessischen Rundfunk. Für den Frankfurter Sender ist Kurt Fink schon seit 1973 als Motorradkurier unterwegs. Damals wie heute transportiert der hauptberufliche Rechtsanwalt an den Wochenenden eiliges Bildmaterial von den Fußball-Stadien ins Studio. Seit Anfang der 90er Jahre fährt Kurt Fink auch bei Radsport-Veranstaltungen für den HR - im übrigen wie sein Bruder Ralf. Rund 20 000 Kilometer hat er seitdem bei den diversen Rennen abgespult. »Man müßte eigentlich vier Augen haben«, beschreibt der 50jährige Hesse aus dem Großraum Frankfurt die Anforderungen seines Nebenjobs. So kann er schnell in den Konflikt gegensätzlicher Interessen geraten. Sein Kameramann möchte dem Spitzenreiter oder dem Ausreißer möglichst nahe auf die Pelle rücken, die wachsamen Kommissare wollen das unter Umständen verhindern. Denn das Motorrad darf die Radler weder von vorn noch von der Seite in den Windschatten bringen, geschweige denn, sie behindern. Außerdem gilt es, auf die anderen Fahrzeuge im Feld zu achten und immer einen Blick auf die oft unberechenbaren Zuschauer am Streckenrand zu richten. »Das erfordert volle Konzentration den ganzen Tag«, berichtet Kurt Fink, der bei Live-Übertragungen wie in diesem Jahr beim Henninger Turm sechseinhalb Stunden lang keinen Fuß von der Maschine nehmen kann. Trotzdem findet er dabei Entspannung und kann total vom Alltag in der Anwaltskanzlei abschalten. »Außerdem komme ich so wenigstens zum Motorradfahren. Sonst hätte ich gar keine Zeit mehr dazu«, sieht Kurt Fink einen weiteren positiven Aspekt. Die Tatsache, daß sich die Rad-Touren meist bei vergleichsweise langsamen und für Motorradler ermüdenden 30 bis 50 km/h abspielen, macht den Job nicht einfacher. Erst bergab steigt das Tempo, und dann ist es für Kurt Fink ratsam, sich hinter den Pedaleuren zu halten: »Mein Motorrad wiegt mit dem Passagier und der ganzen Technik rund 500 Kilo. Beim Anbremsen von Kurven können die viel leichteren Radler gefährlich nahe aufschließen, und wenn ich mit meinem Bike mal auf der Ideallinie bin, kann ich mich auch nicht einfach in Luft auflösen.« Am aufwendigsten sind die Umbauarbeiten an Finks BMW K 100 RS, wenn eine Live-Übertragung ins Haus steht. Dann wird die Maschine mit Antenne, Sender und Batterie bepackt und entsprechend verkabelt. Selbst das berühmte Rotlicht darf nicht fehlen, damit die Motorrad-Crew weiß, wann sie auf Sendung ist. Der Kameramann muß neben dem Vertrauen zum Motorradfahrer auch akrobatisches Talent mitbringen und schwindelfrei sein, denn er ist auf der Maschine ständig in Aktion. Er filmt entweder in Fahrtrichtung sitzend, in den Fußrasten stehend, oder er sitzt Rücken an Rücken mit dem Fahrer, damit er das Geschehen hinter sich einfangen kann. Ein am Heck angebrachtes Gestell gibt ihm bei dieser Übung den notwendigen Halt. Ruckartiges Bremsen oder Beschleunigen sind ebenso ein Alptraum für Kameramann und Regisseur wie ein Sturz. »Toi, toi, toi, bislang ist noch nichts passiert«, hat Kurt Fink alle Einsätze ohne Crash absolviert. Härter als bei nationalen Rennen geht es bei der Tour de France zu. Hier könnten die begleitenden Motorräder von der Quantität her gut und gern ein Starterfeld bei einem Straßenrennen füllen. Vorwiegend sind große Tourer im Einsatz, die viel Platz für die Besatzung bieten und über eine sanfte Motorcharakteristik verfügen. Zu den drei Maschinen des französischen Fernsehens kommen Motorräder der Zeitnahme, der Jury, der Polizei und der Fotografen. Letztere sind allein mit 16 Maschinen im Feld vertreten. Daß es unter ihnen gerade am Berg hin und wieder zu Rangeleien um die besten Fotoplätze in der Nähe des Spitzenreiters kommt, gehört zum Geschäft. Ernsthafte Zwischenfälle sind eher selten. Wie jener bei der Tour de France 1996, als ein spanischer Mannschaftswagen in den Pyrenäen ein Fotografen-Motorrad abdrängte und die Besatzung beim Sturz in den Abgrund schwer verletzt wurde. Vom Giro d´Italia ist eine Episode überliefert, wonach ein in der Hierarchie der Fotografen weit oben stehender Italiener das Motorrad eines ihm ungenehmen Kollegen einfach mit einem Fußtritt beiseite schubste und dadurch auch noch einen Radfahrer zu Fall brachte - glücklicherweise ohne körperliche Schäden für alle Beteiligten. Die begehrten, auf 16 Maschinen begrenzten Zulassungen gingen bei der Tour de France bislang in erster Linie an Pressevertreter aus Frankreich und den anderen großen Radsport-Nationen. Peter Witek, einer der renommierten Fotografen des Metiers, ist jedoch optimistisch, daß im nächsten Jahr auch ein Motorrad aus Deutschland bei der Frankreich-Rundfahrt dabeisein wird. Jan Ullrichs Triumph und die dadurch ausgelöste Euphorie sollten ausreichen, um der Tour-Organisation eine Genehmigung zu entlocken.

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