Motorradkuriere in São Paulo (Archivversion) Fahren ums Leben

18 Millionen Einwohner, 5,5 Millionen Kraftfahrzeuge, 40 Grad im Schatten. São Paulo, Brasilien. Inmitten dieser Hölle 130000 Motorradkuriere, die für ein paar Reais täglich ihr Leben riskieren.

Brasiliens wichtigste Industriemetropole, São Paulo, eine brodelnde Millionenstadt kurz vor dem Erstickungstod. Verschmutzte Luft hängt über den Dächern. Autoschlangen kriechen stinkend voran, erdrücken jeden Ansatz von lateinamerikanischem Rhythmus und Lebensgefühl. Dieser tropisch-schwüle Moloch lähmt sich selbst, längst droht der finale Verkehrsinfarkt.Zwischen den stehenden Autos nutzen kleine, wendige Motorräder jede Lücke. Oft um Haaresbreite flitzen sie ungeniert an den Spiegeln und Kotflügeln der sich dicht an dicht voranschiebenden Blech-karossen vorbei. Auf São Paulos Straßen tummeln sich insgesamt über 130000 Motorradkuriere, die so genannten Motoboys. In diesem immerwährenden Chaos verdienen sie sich ihr täglich Brot. Ohne sie ginge hier nichts, würde die Konjunktur ebenso lahmen und stecken bleiben wie die Autofahrer in ihren Blechkisten. Viel schneller und zuverlässiger als die brasilianische Post, die selbst in São Paulo oft tagelang unterwegs ist, stellen die Motoboys im Stundentakt Briefe, Dokumente oder auch kleinere Lieferungen zu. Deswegen haben viele Unternehmen mittlerweile ihre eigenen Motorradkuriere unter Vertrag. Das erhöht natürlich den Druck auf die »freien« Motorradler, die oft nur eine unzureichende Schulbildung besitzen, und in der Angst, ihren Lebensunterhalt zu verlieren, häufig zu hanebüchenen Konditionen knechten. Antônio José Brilhante, Präsident des Syndikats der Motorradkuriere von São Paulo, beklagt, dass die unorganisierten Jungs meist für vier Reais, etwa einen Euro, pro Stunde fahren – und davon noch das Benzin bezahlen und ihr Arbeitsgerät instand halten müssen. Ausgenutzt werden sie von den Besitzern der Zentralen, die ähnlich organisiert sind wie die der Taxifahrer und die für eine Stunde Einsatz gerne 15 Reais und mehr kassieren. Die Fahrer kriegen gerade mal ein Viertel davon ab. Aber so laufen die Dinge in einem Land, in dem Armut herrscht. Wo Geld ist, kommt immer mehr dazu, und wer wenig hat, muss um dieses Wenige sogar noch bangen.Arm und reich, bunt gemischt – nicht nur im Verkehr. Das war in Brasilien schon seit den Zeiten der Kolonisation so – Großgrundbesitzer und Sklaven. Die Sklaverei hat man abgeschafft. Offiziell zumindest. Noch heute gehören weit über 50 Prozent des Landes einer dünnen Schicht Hyperreicher. Offiziell leben 14 Millionen Einwohner in São Paulo, dazu kommen schätzungsweise weitere vier Millionen nicht registrierte Landflüchtlinge, die in menschenunwürdigen Barackenbauten, den »Favelas« hausen.Die Armut ist groß und die Arbeitslosigkeit hoch. Der Mindestlohn in Brasilien, das »salario minimo«, beträgt derzeit rund 240 Reais monatlich, etwa 60 Euro. Ständig wird diese Summe gemäß des Wertverlustes der brasilianischen Währung zum Dollar aktualisiert. Doch mit der Inflation kann er nicht Schritt halten. Der Lebensstandard sinkt unaufhaltsam.Nicht viele Wege führen aus der Not. Warum also nicht sein Glück als Moto-boy versuchen? Das Syndikat hilft dabei. Wer bei der Stadtkammer einen offiziel-len Kurs zum Motorradkurier absolviert, der kann den organisierten Motoboys beitreten. Danach hat der Novize zwei Möglichkeiten. Die erste ist, die Arbeit mit einem zur Verfügung gestellten Motorrad aufzunehmen. Dann sind monatlich bis zu 550 Reais (etwa 140 Euro) drin, den Sprit zahlt man allerdings selbst. Doch das entspricht immerhin mehr als dem Doppelten des »salario minimo«. Pfiffige Zeitgenossen finanzieren sich über die Zugehörigkeit zum Syndikat oder der ähnlich aufgebauten Kooperative Motoboy ihr eigenes Motorrad. Und verdienen so 450 Reais zusätzlich. Motoboy Wendel Xavier Wendelin, 25, hat sein erstes Motorrad zu einem Zinssatz von fünf Prozent pro Monat angeschafft. Die 4800 Reais Anschaffungskosten für seine 125er-Viertakt-Einzylinder-Yamaha musste er damals innerhalb von 24 Monaten zurückzahlen. Samt Zinsen. Sogar ein Milchmädchen erkennt die finanziellen Vorteile: Erstens bleiben von den 450 Reais, die er ja zusätzlich bekommt, noch mindestens 150 bis 200 übrig. Und außerdem ist er nach der Abzahlung der alleinige Besitzer des Motorrädchens. Bei einer durchschnittlichen Leistung von 16 Zustellungen pro Tag fährt Xavier rund 200 bis 250 Kilometer täglich – 20 Tage im Monat – das ganze Jahr lang. Urlaub ist nicht drin. Wenn das 125erle dann nach zwei Jahren um die 100000 Kilometer auf dem schmalen Buckel hat, kann er sie noch für gut und gerne 2800 Reais verkaufen. »Die Nichtorganisierten nehmen die ausgelutschten Möhren immer mit Kusshand – die denken halt nicht nach, deshalb müssen sie bluten«, sagt Xavier und tippt sich an die Schläfe. Auch er selbst hat schon geblutet – den Tribut gezollt. Ein Auto hat un-versehens die Spur gewechselt. Knie-scheibe gebrochen, sieben Stiche am Kinn, einige Zähne verloren. Er hatte Glück, das war bis jetzt sein schwerster Unfall. Da gab es Kollegen, die gibt es schon nicht mehr...

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