Motorradmarkt USA (Archivversion) Stars & Bikes

Nach einer rasanten Talfahrt in den 80er Jahren hat sich der amerikanische Motorradmarkt wieder erholt. Seit fünf Jahren geht«s langsam, aber stetig bergauf. Woran liegt´s?

»Amerika, du hast es besser, als unser Kontinent, das alte.« Was Goethe sich vor 200 Jahren zusammenreimte, galt noch Anfang der 70er dieses Jahrhunderts. Zumindest für die blühenden Motorradlandschaften. Staunend und ein wenig neidisch blickten Europäer auf zweistellige Zuwachsraten, über eine Million verkaufter Bikes pro Jahr und traumhafte Gewinne für japanische Hersteller in den USA - kleine Flitzer zwischen 90 und 350 cm³ fanden damals reißenden Absatz. Doch die Zeiten änderten sich. Der raketengleiche Aufschwung der Bike-Weltmacht endete hinterm Mond. Ihr Stern sank in den 80er Jahren: Zählten Industrievertreter 1983 noch etwa 735 000 verkaufte Zweiräder, kamen 1991 nur noch rund 250 000 Motorräder zusammen - mithin 70 Prozent weniger. Der Markt war winzig und klein - für ein hochindustrialisiertes Land mit um die 250 Millionen Bewohnern.Mittlerweile atmet die Branche wieder auf. Der Anstieg auf gut 300 000 Bikes 1995 verspricht zwar keine neuen Rekorde, verlief eher gemächlich. Aber der Trend in den USA, die neben Japan und der Bundesrepublik immer noch zu den drei größten Absatzmärkten der Welt gehören, zeigt endlich nach oben. »Motorrad fahren ist wieder in. Das Wachstum liegt zwischen drei und fünf Prozent«, freut sich David Edwards, der Chefredakteur von Cycle World, einem großen amerikanischen Motorradmagazin. Und Beverly St.Clair Baird, Managerin von Discover Today«s Motorcycling, der Pressestelle des amerikanischen Motorradindustrieverbands, stimmt ein: »Viele kaufen sich heute neue Motorräder, weil sie dazugehören wollen.«Spätestens seit Hollywood-Sternchen wie Arnold Schwarzenegger, Sylvester Stallone und Patrick Swayze dem Sonnenuntergang entgegenreiten und sogar der milliardenschwere Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Steve Forbes, sich in den Sattel schwingt, gibt´s kein Halten mehr. Aber immer cool und lässig bleiben. Statt Enduros, wie in den 70ern, oder Sportmotorrädern, die Amerika in den 80ern überfluteten, sind heute Chopper die Stars unter den Bikes - mit über 100 000 Stück sicherten sich die Cruiser oder custom bikes, wie sie in den USA heißen, im letzten Jahr ein Drittel des gesamten Zweirad-Markts. Kein Wunder, wo der Mythos Easy Rider, das schwerelose Dahingleiten auf endlosen Highways, in Amerika geboren wurde. Oder doch? Denn der Erfolg von Harley-Davidson, die bei den Cruisern mit etwa 55 Prozent Anteil vorn liegen, bei den Straßenmotorrädern mit 36 Prozent führen und insgesamt immer noch 24 Prozent vom Kuchen halten, ist jung. Anfang der 70er schafften die Twins aus Milwaukee nicht mal vier Prozentlein. Langhaarige Typen in dreckigen Jeans, die die Großmutter nebenan das Allerschlimmste befürchten ließen, fuhren damals Harleys. Hardtails selbstverständlich, wie es sich für knallharte und blutjunge Outlaws geziemte. Heute sitzen vornehmlich auf Softails Bankpräsidenten, Prominente, solche, die es werden wollen, und welche, die sich das Logo ihrer Lieblingsmarke auf die ergraute Brust tätowieren lassen. »Es gibt so eingefleischte Fans, die kriegen wir nie«, bedauert Roxanne Hoerning, Managerin bei American Honda im Marketing. Den Choppermarkt graben inzwischen alle Japaner mächtig an, machte er doch 1995 im Vergleich zum Vorjahr zehn Prozent gut. Kawasaki schleudert brodelnde Vulkane, Yamaha trutzt mit der königlichen Royal Star, Honda sticht mit der Shadow Ace,und neuerdings ringt die Valkyrie um die Gunst der Herren. Trotzdem führt Harley vom Adler beflügelt den Troß an. So recht erklären kann«s keiner. Wahrscheinlich macht«s die Mischung der Mythen: amerikanische Motorräder - »made in the USA«, die von Rebellen gegen Konvention und Spießertum - »born to be wild« - gelenkt werden, und Maschinen, die ganz im Gegensatz zu modernen Fortbewegungsmitteln der tatkräftigen Unterstützung ihrer Besitzer geradezu bedürfen. »Wenn man an die Theorie glaubt, daß etwas Unperfektes mehr Charakter hat, dann haben Harleys viel Charakter«, urteilt David Edwards von Cycle World etwas bissig. Fast jeder Big Twin in den USA unterscheidet sich vom anderen: offene Tüten, mehr Leistung, noch mehr Chrom ... und die Zubehörindustrie sonnt sich wohlig in Zuwachsraten von 86 Prozent. Binnen fünf Jahren. Was tut Harley derweil? »Wir arbeiten hart.« Meint Art Gompper, Manager bei der Firma in den USA. Platz zwei bei den Straßenmotorrädern - mit 45 000 Stück trotz der immensen versammelten Pferdestärken weit abgeschlagen - belegten letztes Jahr die Sportmotorräder. Suzuki gewann das Gesamt-Klassement (30 Prozent), aber Honda triumphierte mit der CBR 600, in den USA auch F 3 genannt. Obwohl sie dieser Tage stolze 7700 Dollar kostet, 1987 war´s nur die Hälfte: 3799 Dollar. Die leidigen Währungsschwankungen plagen die Japaner eben überall in Übersee: Während 1982 noch 242 Yen auf einen Dollar kamen, sind«s derzeit gerade mal 104. »Das schmälert die Gewinne und läßt die Preise steigen«, erklärt Don J. Brown, der als unabhängiger Sachverständiger den Motorradmarkt in den USA analysiert. Saftige Preise werden auch für Cruiser verlangt. Aber deren Käufer sind zumindest in den späten 30ern, haben Haus und Hof, einen sicheren Job, fast erwachsene Kinder und bezahlen für Abenteuer, Freiheit und erregende Entspannung, die so ein Teil am Wochenende bietet, locker ein paar Dollar mehr: für die Royal Star immerhin um die 13 000. Sportler gieren dagegen geradezu nach jungen und dynamischen Fahrern. Und die leiden nicht nur unter ständiger Geldnot, sondern auch noch unter hohen Versicherungsprämien. »Ein 20jähriger, selbst einer ohne viele Strafmandate von der Polizei, zahlt locker 2500 Dollar im Jahr«, ärgert sich der BMW-Händler Kari Prager. Deshalb düsen immer weniger Sportler (minus sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr), von denen viele eh nicht versichert sind, über Amerikas Straßen. Über 30 000 Tourer fanden letztes Jahr Liebhaber im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Auch in diesem Segment surft Harley-Davidson mit 50 Prozent Anteil am erfolgreichsten die Reisewelle. Dagegen dümpeln weniger prestigeträchtige Brot-und-Butter-Motorräder (16 000 Verkaufte, minus 20 Prozent) eher vor sich hin. Auch Enduros locken nicht mehr so viele Biker hinterm Ofen vor und auf die Kieswege. Im Trend liegen schon eher ausgewachsene Crosser (33 000) wie die Honda CR 250 R, aber auch Kinderkräder wie die Yamaha PW 80 und Sportenduros (42 000). Jede Menge Stollen ohne Straßenzulassung also. Vor allem im sonnigen Kalifornien, wo laut US-Industrieverband fast 90 000 Crosser existieren, tollen Stollenritter am liebsten mit Zweitaktern durch die Wüste. Damit könnte es jedoch bald vorbei sein. Denn zumindest Kalifornien erwartet ein strenges Umweltschutz-Gesetz: Alle Zweitakter, die nach dem 1. Januar 1997 produziert werden, dürfen nur noch auf »geschlossenen, abgesteckten Strecken« rumheizen. Brechen schlechte Zeiten für Crosser an? Wahrscheinlich schon. Was Europäer neben den vielen Off Road-Bikes noch überrascht: ATV, das ist die Kurzform für All Terrain Vehicles, also Fahrzeuge für jedes Gelände, schlagen Zweiräder fast in der Beliebtheitskurve. Sage und schreibe 290 000 der vierrädrigen Monster gingen letztes Jahr an Farmer, Förster, Ranger, Sportler, Ölbohrer und Weinbauern. Und Amerikaner definieren diese Teile kurzerhand als Motorräder. Mit ATV überragt der amerikanische Markt locker die magische Grenze von einer halben Million Einheiten. Verkehrte Welt.Aber da gibt´s natürlich auch Ähnlichkeiten. Wie hierzulande sinken die Unfallzahlen. Seit 1985 um etwa 60 Prozent. Nicht zuletzt wegen der Sicherheitstrainings, die allein 1994 etwa 120 000 Amerikaner besuchten. Mit dem sauberen, sicheren Image steht es zum besten, seit die Schönen und Reichen das Biken entdeckten. Dem positiven Trend, gekrönt durch zwei Milliarden Dollar Umsatz 1994, sind jedoch Grenzen gesetzt - was die Stückzahlen angeht. Schon weil wenig kleine, billige Motorräder mit Stil angeboten werden. Aber vielleicht hat das auch sein Gutes. Denn in den 80ern setzten die Japaner Unmassen von Sportkrädern zu Supersonderangeboten in den USA ab. Als die Preise nach dem Dumping anzogen, wandten sich die Verbraucher den Gebrauchten zu. Erst Anfang der 90er Jahre, als das durchschnittliche Alter eines Motorrads aus zweiter Hand bereits zehn Jahre betrug, zog der Markt wieder an. Was Beverly St. Clair Baird erfreut: Die Söhne und Töchter der baby-boomers - in Deutschland äußerst schnöde geburtenstarke Jahrgänge genannt - teilen angeblich den Geschmack ihrer Eltern, statt wie frühere Generationen gegen deren Wertmaßstäbe zu rebellieren. Die Konsequenz: Im Jahr 2010 würden auch sie nur das eine wollen - Motorräder.

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