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Und während auf der Strecke die Fahrer um jede Zehntelsekunde kämpfen, herrscht auf diesem Friedhof ...

Motorradrennen in Neuseeland Horst Saiger als Herr der Ringe

Horst Saiger wollte herausfinden, was heute in Sachen Motorradrennen in Neuseeland los ist und folgte einer Einladung zu den Suzuki-Series nach Neuseeland.

Der Inselstaat auf der anderen Seite der Erde ist vor allem durch Kiwis und die Filmkulisse für die Herr der Ringe-Filme bekannt. Durch hartes Motorrad-Racing macht Neuseeland nicht gerade Schlagzeilen, obwohl die Kiwis mit Hugh Anderson sogar einen Grand Prix-Weltmeister haben, der König-Racer Kim Newcombe das beinahe in der Königsklasse geschafft hätte, wäre er vor Saisonende 1973 nicht tödlich verunglückt, und der geniale Konstrukteur und Querdenker John Britten dort vielleicht das spektakulärste Sport-Motorrad aller Zeiten gebaut hat. 

Horst Saiger wollte herausfinden, was heute in Sachen Racing bei den Kiwis los ist und folgte einer offiziellen Einladung zu den Suzuki-Series dort, nachdem Rennveranstalter Allan „Flea“ Willacy auf den Österreicher durch dessen Roadraces, Macau und die Langstrecken-WM aufmerksam wurde. Saiger sollte für die Grünen den Titel bei den drei Rennen verteidigen, und so kam der Racing-Weltenbummler an einen Platz im Red Devil Racing Team.

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Kühlrippen vom alten Kühlschrank für die ZX-10R

Team-Boss Graeme Cole verkörpert dann schließlich die Grundeigenschaften eines echten Kiwi-Technikers. „Weggeschmissen wird da nichts“, erzählt Saiger vom ersten Rundgang im Team-Headquarter in Hamilton. „Als ich die Kawasaki ZX-10R tags darauf erstmals ohne Verkleidung sah, traute ich meinen Augen kaum“, schmunzelt er. Cole hatte der 10er einen Zusatzkühler gegönnt und dafür einen alten Kühlschrank auseinandergenommen. Zwei Kühlrippen daraus hatte er mittels Schlauch in den Kühlkreislauf integriert – nicht das einzige Hand-made-Tuning an der 10er. Die Kiwis nennen das Nr.8-Wire-Tradition in Anlehnung an den legendären Weidedraht, den sie aufgrund der Abgeschiedenheit für so ziemlich alles verwenden.

Coles bei der Begrüßung noch spürbare Skepsis gegenüber dem Übersee-Racer war spätestens verflogen, als Saiger beim Fachsimpeln am Motorrad sein K-Tech-Fahrwerk aus dem Rucksack zog. Mechaniker unter sich – das baut Brücken. Nach dem Einbau der Dämpfer ins Motorrad ging es ganz früh am ersten Morgen zur Rennstrecke Hampton Downs.

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"Neuseeland ist der Himmel für Rennfahrer"

„Neuseeland ist der Himmel für Rennfahrer“, schwärmt Saiger. „Streckenchef Gary Stirling persönlich fuhr mich um die Strecke, erklärte mir alles, jede Bodenwelle, gefährliche Stellen. Und er schenkte uns die Exklusivrunden einfach so.“ Bis 10.30 Uhr bekam Saiger Zeit, zog seine Runden und machte seinen neuen Teamchef zum rückfälligen Ex-Nichtraucher. „Graeme hatte sich meine ersten Runden auf seinem Bike wohl etwas langsamer vorgestellt.“ 

Am Freitagmorgen bekam Saiger noch ein paar extra Trainingsrunden vom Streckenchef, war schließlich mit gebrauchten Reifen nur noch eine Zehntel vom Streckenrekord entfernt und ging entsprechend optimistisch in die Rennen. Nicht zu Unrecht: Glatt gewann er beide Rennen und verbesserte tatsächlich den Rundenrekord um 0,6 Sekunden. „Kawasaki-Managing-Director Mike Wilkins umarmte mich darauf so fest, dass ich glaubte, er wird mich noch adoptieren. Aber die Härte war Jaden Hassan, mein ärgster Konkurrent. Er ist nach den Rennen zu mir gekommen und hat sich bedankt, dass ich da war und er mir einiges abschauen durfte. Der Wahnsinn – bei uns hätten alle abgekotzt, was der Ausländer denn da will.“

"Da wird nicht lang rumgemacht in der Startaufstellung"

Auch der Ablauf der Rennen verblüffte Saiger. „Da wird nicht lang rumgemacht in der Startaufstellung, Schirmmädchen und so ein Gedöns. Kaum ist ein Rennen abgewunken, stehen die Nächsten schon da und haben 30 Sekunden zum Rausfahren. Startaufstellung, und – zack – geht‘s los.“ Auch Siegerehrungen sind keine vorgesehen – die gibt es erst am Ende der Serie, die aus drei Veranstaltungen besteht, nach dem Roadrace in Wanganui auf dem Cemetery Circuit.

Davor stand aber das zweite Rennmeeting in Manfeild an. Die Einheimischen nennen es wegen seiner rumpeligen Strecke auch Goat-Track (Ziegenpfad). Hier wurde bis 1992 sogar Superbike-WM gefahren, aber diese Zeiten hat die Piste längst hinter sich. Prompt bekam Saiger Probleme mit dem Fahrwerk, musste von Startplatz fünf ins Rennen. Schlechter Start im ersten Lauf, Plätze verloren, Aufholjagd. Als Fünfter überquerte Saiger die Linie.

Besser lief‘s in Rennen zwei. Zwar war der Start noch schlechter, aber nach zwei Runden lag der Kawa-Pilot auf dem zweiten Rang und wagte den Angriff auf den führenden Jaden Hassan. Doch eine Windböe sorgte für einen mächtigen Rutscher und Saiger gab sich mit dem zweiten Platz zufrieden. Damit hatte er seine Führung in der Serie um zwei Zähler ausgebaut.

Foto: Saiger/Doug Cornes
Und während auf der Strecke die Fahrer um jede Zehntelsekunde kämpfen, herrscht auf diesem Friedhof ...
Und während auf der Strecke die Fahrer um jede Zehntelsekunde kämpfen, herrscht auf diesem Friedhof ...

Die Königsstrecke bildete mit dem Roadrace den Abschluss der Serie. Die schnellste Runde auf dem Cemetery Circuit liegt bei 49 Sekunden – kein Druckfehler. Entsprechend kurz ist die Piste in Wanganui. „Viel Zeit zum Einfahren hat man nicht, alle Rennen gehen am Boxing Day, dem Tag nach Weihnachten über die Bühne“, erzählt Saiger. „Startplatz sechs war also okay.“ Im ersten Rennen schaffte er den dritten Rang, ließ seinen Hauptkonkurrenten Scott Moir damit einen Platz hinter sich und musste im zweiten Lauf nur noch Achter werden, um den Series-Titel einzufahren. In einem etwas unsanften Lauf wurde Saiger Fünfter – und gewann den Titel. 

Dann folgte am selben Tag in Wanganui mit dem John Holden Memorial noch das prestigeträchtigste Rennen Neuseelands. Die Rundenzeiten aus den Superbike-Rennen markierten die Startaufstellung. Saiger stand damit auf drei. „Den Start verhaue ich wieder“, erzählt der Österreicher. 

„Als ich mit sehr viel Risiko auf der Bremse attackiere, kann ich die Lücke zum führenden Viererzug in nur einer Runde schließen. Mir gelingt dabei die schnellste Runde mit 49,1 Sekunden, ein Zehntel unter dem Rekord. Aber ich bin über dem Limit und spüre, dass dieser Fahrstil nicht lange gut geht. Ich streife ein paar Mal fast die Barrieren, und ein einknickendes Vorderrad kann ich gerade noch abfangen. Das war‘s, ich gebe mich geschlagen, es wird nichts mit der Sensation im letzten Rennen“, berichtet er etwas zerknirscht. „Aber ein Gutes hat es: Ich weiß, dass ich dort gewinnen kann, und das ist ein weiterer Grund wiederzukommen.“

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