Motorradsport-Boomtown Chemnitz (Archivversion) Zentral-Heizer

Nirgends gibt es mehr Fahrer, mehr Fans und mehr Begeisterung für den Motorradsport auf und abseits der Straße – die Region Chemnitz ist das aktuelle Zentrum des deutschen Motorradsports

Trivial pursuit zum Thema Motorradrennsport gefällig? Wo findet das am besten besuchte Motorradrennen Deutschlands statt? Alljährlich im Juli vor 80 000 Fans auf dem Sachsenring – 15 Kilometer westlich von Chemnitz. Wo findet das am besten besuchte Enduro Deutschlands statt? Jeden Oktober mit 40 000 Zuschauern in Zschopau – 20 Kilometer südwestlich von Chemnitz. Und wo wohnen die meisten deutschen GP- und Enduro-WM-Fahrer? Richtig getippt. Im Umkreis von 25 Kilometer – um Chemnitz. Freilich, Chemnitz war nicht alleine, früher. Motorradsport-Hochburgen existierten auch anderswo in Deutschland. Stars der achtziger und frühen neunziger Jahre wie Toni Mang, Helmut Bradl, Martin Wimmer oder Peter Öttl stammten allesamt aus dem Großraum München. Heimauftritte gab´s aber mangels Rennstrecken in Bayern nur in Salzburg oder Hockenheim. Zumal nach dem Rücktritt der Bayern und dem Ortswechsel des deutschen GP an den Nürburgring schwere Zeiten folgten. 1997 stand der hiesige Grand Prix mit kaum 30 000 Fans kurz vor dem Aus. Doch dann kam Chemnitz: Seit der Sachsenring den GP ein Jahr später übernommen hat, meldet er volles Haus. In Zschopau steht die Rückkehr der Enduro-WM nach Deutschland kurz bevor. Und während im übrigen Deutschland die Weltklassepiloten mittlerweile zur aussterbenden Art gehören, liefern die Sachsen zu ihren Motorradsport-Highlights auch gleich die Lokalmatadoren. Mit Dirk Heidolf, Steve Jenkner und Jarno Müller stammen immerhin drei der insgesamt sechs deutschen GP-Piloten der kommenden Saison aus der unmittelbaren Nähe des Sachsenrings. Noch größer ist der Anteil der lokalen Cracks am Erfolg der nationalen Offroad-Fraktion. Marko Barthel, Mirko Knorr und Christoph Seifert stellten im vergangenen Jahr die Hälfte der sechsköpfigen deutschen Abordnung der so genannten Trophy-Mannschaft für die renommierten Sixdays, der Enduro-Mannschafts-WM. Obendrein ergatterte Swen Enderlein als einziger Deutscher einen Platz unter den ersten Fünf in dem mit ausländischen Spitzenpiloten vollgepropften deutschen Enduro-Championat. Auch von diesem Quartett wohnt keiner weiter als 20 Kilometer von Zschopau entfernt.Was sich zunächst wie eine lokal bedingte Mutation eines Vollgas-Gens anhören mag, hat ganz handfeste Hintergründe: Rennsport hat rund um Chemnitz Tradition. Am Sachsenring seit 75 Jahren, in Zschopau seit knapp fünf Jahrzehnten. Und man besaß die Maschinen dazu: MZ. Weil mit dem Engagement des Werks auch die Erfolge kamen (siehe Kasten Seite 146), macht man in der Gegend bis heute was her als Rennfahrer. Und das von klein an. Denn am Anfang der aktuellen Generation der GP-Piloten um Steve Jenkner und Co. standen im wesentlichen zwei Dinge: Minibikes und ein Parkplatz. Erstere – noch zu DDR-Zeiten – aus selbst gebauten Rahmen und 50-cm³-Simson-Motoren in Heimarbeit zusammengeschraubt, letzterer, als legendäre Asphaltfläche, die erst kürzlich der Erweiterung des Sachsenrings zum Opfer fiel. »Dort war an jedem Wochenende die Hölle los«, erinnert sich Steve Jenkner an seine eigenen Anfänge als Knieschleifer-Steppke. Und weiter: »An guten Tagen rasten wir mit 70, 80 Jungs um die Pylonen. Alle stammten aus den Ortschaften rund um den Sachsenring. Und 5000 Zuschauer hatten wir meistens«, umschreibt der Zweite des letztjährigen GP in Assen das so genannte Sachsenring-Phänomen. Die Nachwirkungen sind bis heute zu spüren. Neben den drei GP-Stars schnupperten auf jenem Parkplatz gut ein Viertel der derzeitigen Top-Ten-Fahrer in der Straßen-IDM erstmals benzingeschwängerte Luft. Ähnliches gilt für die Youngster in Zschopau. »Wir hatten uns breite Endurolenker geschweißt und die Schutzbleche an unseren Mopeds hoch gelegt. Alle wollten so sein wie die MZ-Werksfahrer«, lacht das deutsche Zugpferd im Endurosport, Marko Barthel aus Flöha, heute noch. Und manche schafften es sogar. Selbst zu Zeiten weltweiter Erfolge bediente sich das MZ-Enduro-Werksteam fast ausschließlich aus dem riesigen Fundus der Offroad-Youngster aus den umliegenden Gemeinden. Die fast grenzenlose Begeisterung für den Motorradsport in der Region hilft den Jungs am Gasgriff allerdings auch pekuniär. Die horrende Mitgift von wenigstens 300 000 Euro, mit der sich die GP-Piloten heuztzutage in die Teams einkaufen müssen, sind ohne gewitzte Sponsorensuche nicht aufzubringen. Wohl dem, der wie Jarno Müller sogar seine Heimatgemeinde Limbach-Oberfrohna, nur wenige Kilometer nördlich des Sachsenrings gelegen, hinter sich weiß. Dort ist man derart stolz auf den lokalen GP-Nachwuchs, dass sogar die Stadtverwaltung über den »Sponsoren-Pool Limbach-Oberfrohna« für den populären Youngster die Kontakte zu potenziellen Geldgebern knüpft.Doch oft ist es nicht nur der schnöde Mammon, der für das gewisse Quäntchen mehr Mut im Sattel sorgt. Enduro-Crack Swen Enderlein weiß, wie sehr auch selbst Dinge aufbauen können. »Wenn dir die Leute zu Hause auf der Straße anerkennend auf die Schulter klopfen, dann motiviert das unglaublich«, berichtet der Sportstudent aus eigener Erfahrung. Der Zuspruch kann aber eines nicht ersetzen: bessere Trainingsmöglichkeiten. Während die Kollegen in Frankreich, Italien und Spanien auf einer Unzahl von lokalen Rennstrecken die Reflexe scharf halten können, läuft der Heimauftritt auch für die Lokalhelden unter business as usual. Denn: »Ich kann nur einmal im Jahr mit der Rennmaschine auf den Sachsenring fahren. Und das ist beim GP«, relativiert GP-Einsteiger Dirk Heidolf, der wie Steve Jenkner in Sichtweite des Sachsenrings wohnt, den scheinbaren Heimvorteil. Nicht viel besser geht´s den Enduristen. »Quer durch den Wald, wie die MZ-Jungs früher gefahren sind, dürfen wir nicht mehr«, bleibt Mirko Knorr ebenfalls nüchtern. Trainiert wird – wie alle Enduro-Piloten hierzulande - ausschließlich auf Motocross-Strecken. Doch auch wenn der legendäre Parkplatz in Hohenstein-Ernstthal für immer unter der neuen Senke des Sachsenrings begraben liegt und die Zschopauer Hohlwege wohl auf ewig für die Offroadler gesperrt bleiben, sind die Perspektiven für das hügelige Fleckchen Erde gut. Ein halbes Hundert Minibiker, ein Dutzend DM-Fahrer und wenigstens vierhundert Enduro-Fahrer in der Region werden auch weiterhin für die einzig richtige Antwort im Trivial pursuit des Motorradsports sorgen: Chemnitz.

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