Motorräder als Kunst (Archivversion) Kunst. Form

Das Guggenheim-Museum zu New York schockt die kulturbeflissene Welt und stellt Bikes in seine heiligen Hallen. Doch siehe da: Motorräder sind schön, sind Zeichen - sind Kunst.

Die rasende Metapher kommt zum Stehen. Das Motorrad. Und es findet für seinen Ruhestand den denkbar geeignetsten Ort. New York. Eine Stadt, die nach oben strebt - und nicht in die Ferne. Die nur noch online funktioniert - weil der Verkehr längst stockt. Menschenwimmelnde und machtstrotzende Vorausschau auf das Ende des Maschinenzeitalters.Im Herzen dieser Stadt, an der 5th Avenue, liegt das Guggenheim-Museum. Eine architektonische Erfrischung, überragt von stumpfsinnigem Stahlbeton, beschützt nur vom nahen Central Park. Der Direktor dieser weltweit berühmten Institution, Thomas Krens, ist dereinst mit dem Motorrad durch die Türkei gefahren. Einer von uns? Auf jeden Fall einer mit Visionen und Ideen. Er sagt: »Das Motorrad vereint sehr viele Themen unseres Jahrhunderts - Fortbewegung, Technik, Geschwindigkeit und Rebellion.« Jetzt geht unser Jahrhundert zu Ende, und Thomas Krens benutzt die Geschichte des Motorrads, um ihm einen Spiegel vorzuhalten.Über 100 motorisierte Zweiräder geben sich in der Rotunde des Museums ein Stelldichein. Eine Rampe kreiselt - wie im Innern eines Schneckenhauses - um einen weiten Lichtschacht herum von unten nach oben, den Weg des Betrachters säumen weiße Podeste. Die Motorräder lümmeln nicht auf dem Ständer, sondern stehen aufrecht und von dünnen Stahlseilen gehalten. Wie Skulpturen - wohl noch nie zuvor durfte sich ihre Form so frei darbieten: das putzige Scheibenrad der Hildebrand & Wolfmüller von 1894, der Torpedo-Tank der Flying Merkel von 1911, die filigranen Zylinderköpfe des Indian-Vierventil-Renners von 1915, der verrückte Sternmotor im Vorderrad der Megola von 1922. Und so fort bis zum polierten Telelever der BMW R 1200 C von 1997, oben, unterm Glasdach des Museums.Ganz unten, im Foyer, markieren das Dampfkrad Michaux-Perreaux und die MV Agusta F4 den Rahmen. Seht her, so weit haben wir es von 1868 bis 1998 gebracht. So haben sich unsere Auffassungen von Geschwindigkeit verändert, und so hat sich unsere Welt dynamisiert. 30 km/h schaffte die Dampfmaschine an guten Tagen und mit bestem Brennholz, 275 verspricht die F4. Zerklüftet und provisorisch stürzte sich der französische Urahn auf die Chaussee, wie im Hechtsprung und als geballte Ladung sucht die MV den ultimativen Kick. Das tröstet: Während draußen New York in abgasschwangerem Stop and Go dahinschleicht, lebt im Guggenheim-Museum der Traum von der befreienden Geschwindigkeit. Und jeden, der sich bis zur Ducati 916 oder Britten V1000 hochgeschraubt hat, erfüllt die Gewißheit, daß dieser Traum so bald nicht enden wird.Dann schaut der Betrachter herunter, auf die Edelstahl-Verkleidungen der Balustrade, in der sich die vielen Maschinen als Zerrbilder spiegeln, blickt hindurch auf die Podeste, sinniert über diese rollenden Zeitzeugen und fragt: Aber ist das Kunst?Ist das Kunst? So fragten am 25. Juni anläßlich der Eröffnung auch die Vertreter des Hauptsponsors. Sie waren aus München angereist, denn ausgerechnet BMW hat den Mut aufgebracht, dieses Spektakel zu unterstützen. Gewiß, es traf sich gut, daß Krensens Pläne und die Vorbereitungen auf das 75. Jubiläum weißblauen Motorradbaus zusammenfielen. Aber war es nicht doch ein wenig anmaßend, ausgerechnet im Musentempel der Guggenheims Picasso durch R 32, van Gogh durch Vespa oder Kandinsky durch GPZ 900 zu ersetzen? Die fast charmant zögerlichen Eröffnungsreden ließen immer noch etwas Angst vor der eigenen Courage erkennen. Waren durchwirkt gar von einem überkommenen Kultur-Begriff: Sorry, wir können nicht malen, wir fertigen keine Unikate, aber faszinierend sind sie doch, diese Bikes, oder?Womit ja eigentlich alles gesagt war: Faszination. Kultur ist nämlich, wie die Menschen sich ihre Umgebung gestalten. Im Dinglichen und im Zwischenmenschlichen. Weg da also mit allem elitärem Quatsch: Kultur lebt nicht von Genies allein, von einsamen Reflexionen oder bildungsseligen Anbetern. Alles ist Kultur und Kultur ist alles; warum also soll das, was uns besonders fasziniert, nicht Hochkultur, also Kunst sein? Oder frei nach Joseph Beuys: Jeder ist ein Künstler, also auch jeder Designer.Fortbewegung, Technik, Geschwindigkeit und Rebellion - wer akzeptiert, daß dieses Quartett unser Jahrhundert tatsächlich voran- und umgetrieben hat, der muß Thomas Krens folgen: Besser als die ausgestellten Massenprodukte könnte keine Kunstsammlung dieser Welt illustrieren, wie sich die vier Begriffe - jeder für sich und alle zueinander - verändert haben. Der lange Weg bis zur F4, in die Jetztzeit, in der Geschwindigkeit alles und längst keine Hexerei mehr ist.Unsicher und schwankend huldigten sie 1914 auf einer Cyclone dem Speed. Nichts als Motor, mit 45 PS bereits, und besserer Fahrradrahmen. Keine Bremse, nur Gottvertrauen. Eine einzige Ausstattungs-Schwelgerei dagegen Brough Superiors SS100 von 1926: Die ausgelassenen Golden Twenties feierten sich selbst. Alles ging, und nichts war genug. Neue Sachlichkeit wiederum bei der Majestic 350 aus Frankreich: der Wellblech-ummantelte Frühstart zu verhüllter Motorentechnik und ins Stromlinien-Zeitalter. Dagegen steht die Crocker aus den USA, die bereits 1940 Formen entwickelte, mit denen Harley und die Nachbauer noch heute ihre Cruiser schmücken.Nationale Unterschiede werden deutlich. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg setzen die Amis Geschwindigkeit mit Wucht und Masse gleich. Die Briten arbeiten dagegen immer mehr auf gedrungene Konkretheit zu, gipfelnd in Meisterwerken wie dem 500er AJS-Renner E-95 von 1953 oder der BSA Gold Star von 1960. Indian Big Chief gegen Norton Manx lautet ein weiteres Design-Duell. Dazwischen wuseln Ducati Elite oder Gilera Saturno als Ikonen ausgelassener Beweglichkeit herum, während die Deutschen nach den bitteren Erfahrungen mit Blitzkriegen eher zu sachten und unverfänglichen Formen tendieren: Die Imme von 1949 dokumentiert den Versuch, nur irgendwie auf die Räder zu kommen, die DKW RT 125 von 1952 verspricht bescheidenen Fortschritt.Viel weiter oben die Honda CB 750. Wunderbar vertraut, und eben deshalb der schlagende Beweis, daß dieser japanische Entwurf seit nunmehr 30 Jahren unsere Vorstellungen vom Motorrad dominiert. Ebenfalls seit 30 Jahren ein Inbegriff: der Peter-Fonda-Chopper aus Easy Rider. Er steht für Rebellion schlechthin. Es folgen Nuancierungen: Ducati 900 SS, Honda Gold Wing, Benelli Sei, BMW K 100 RS. Ganz zum Schluß und zum Glück einige Kühnheiten aus jüngster Zeit: Aprilia Moto 6.5, Buell RS1200, Ducati 916 oder Monster wagen neue, eigenständige Aussagen zu den Themen Geschwindigkeit, Technik, Fortbewegung.Und womöglich sind sie gar rebellisch: Vornehmlich der Perlen-behangene Teil des New Yorker Premierenpublikums war konsterniert. Fragte sich ratlos, was es denn zwischen Vergaserdeckeln und Kettenabdeckungen zu interpretieren gäbe. Verfolgte lustlos Sitzbanklinien und Tankkonturen. Thomas Krens hatte seine Freude, entschwand bereits am frühen Abend mit diabolischem Grinsen. Eine gute Stunde später querte eine blonde Heroine die 5th Avenue vorm Museum. Militärhelm, Leder, Bauch frei. Startete ihre mattschwarze Harley und ballerte ins Herz von Manhattan.Dem wissenden Teil ihrer Zuschauer dämmerte, daß nicht nur das Motorrad, sondern auch die Art, es zu bewegen, eine Kunstform sein kann.P.S.: Im kommenden Jahr wird die Ausstellung »THE ART OF THE MOTORCYCLE« im spanischen Bilbao und voraussichtlich auch in Berlin gastieren.

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