Motorräder für Lange (Archivversion)

Gerne Groß

Lange Menschen haben es nicht leicht, denn sie brauchen von allem etwas mehr. Bett, Schuhe, Hosen - alles muß XXXL sein. Und wie sieht’s bei Motorrädern aus?

Jetzt reicht’s. Ewig diese Vorstellungen von Tieferlegungskits für kleine Motorradfahrer. Die großen Leser haben aufgemuckt. Recht so. Schließlich ist die lange Spezies gar nicht mal so selten - immerhin fünf Prozent der deutschen Männer und damit auch eine ganze Reihe der deutschen Motorradfahrer sind länger als 1,88 Meter - Tendenz steigend.Die schlechte Nachricht gleich vorneweg: Eigentlich sind die Hochgewachsen noch schlimmer dran als die Kurzen. Denn während viele Motorräder durch Absenken auch für kleine Menschen beherrschbar werden, ist den Langen nicht damit geholfen, einfach nur die Sitzbank aufzupolstern - eine wesentlich gebücktere, unbequemere Sitzhaltung wäre die Folge. Nein, um ein Motorrad langengerecht zu gestalten, bedarf es größerer Eingriffe. Damit die Proportionen wieder stimmen, muß zum Beispiel auch der Lenker höher und meist etwas weiter nach vorn gelegt werden. Und daß es sowohl Sitzzwerge mit überdurchschnittlich langen Beinen als auch Sitzriesen mit langen Oberkörpern gibt, macht die Sache nicht einfacher - das schreit nach verstellbaren Fußrasten, Lenkerenden und variablem Sitzplatz. Leider bietet zur Zeit nur BMW mit dem sogenannten »Ergonomie-Paket« individuelle Anpassungsmöglichkeiten.Bei den restlichen Motorrädern ist der geplagte Lange, wenn er sich mit der serienmäßigen Sitzposition partout nicht anfreunden kann, auf Selbsthilfe angewiesen. Ein hoher Superbike-Lenker aus dem Zubehör montiert, ein paar Zentimeter Sitzhöhe durch Aufpolstern gewonnen, eine zurückverlegte, verstellbare Fußrastenanlage montiert - all diese Maßnahmen können helfen, führen aber nicht zwingend zur optimalen Sitzposition. In der Regel bleibt der Umbau ein Kompromiß.Am wenigsten Ärger gibt es natürlich, wenn sich der lange Fahrer von Anfang an das »richtige« Motorrad aussucht. Das Kriterium Sitzhöhe allein ist längst nicht der entscheidende Maßstab, denn piesackende Verkleidungskanten, einengende, weil stark ausgeformte Sitzbankmulden oder zu hoch angebrachte Fußrasten können lange Touren zur Qual machen. Wegen der unterschiedlichen Körperproportionen gibt es hier leider keine Patentempfehlungen. Vielleicht helfen aber die persönlichen Erfahrungen der vier »Langen vom Dienst« etwas bei der Entscheidung. Großgewachsene haben zwar meist einen besseren Überblick, aber sie haben es dafür manchmal auch nicht leicht. Dabei wäre Abhilfe gar nicht so schwer - BMW macht’s seit Jahren schon vor.
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Reise-Enduro (Archivversion)

Service-Trainee Holger Hertneck, 31, 1,95 Meter
Meiner Meinung nach gibt es nur eine Sorte von Motorrädern, die uneingeschränkt für Lange tauglich ist - und das sind die dicken Enduros. Egal ob BMW R 100 oder 1100 GS, Moto Guzzi Quota oder Cagiva Elefant - Sitzhöhen von 90 Zentimetern und mehr sind für Lulatsche, wie ich mit 1,95 Meter einer bin, eben sehr angenehm. Daß einige dieser Dickschiffe deutlich über fünf Zentner auf die Waage bringen, stört mich nicht, da man das im Fahrbetrieb sowieso nicht merkt. Und selbst im Schotter kann man sich mit so einem Brummi richtig wohlfühlen, solange es flott vorangeht. Bei Trialeinlagen und sehr engen Kurven auf grobem Schotter bin ich allerdings doch sehr froh zu wissen, daß ich Kleinwüchsigen gegenüber den entscheidenden Vorteil habe, in jeder (brenzligen) Situation die Füsse auf den Boden zu bekommen.Natürlich gibt es noch andere Motorradtypen, auf denen ich mich wohlfühle: Triumph-Motorräder zum Beispiel gehören dazu. Die nach vorn gestreckte Sitzposition kommt uns Langen sehr entgegen.Leider gibt es aber auch immer wieder große Tourer, deren ausgeprägte Tankausbuchtungen für lange Beine einfach nicht passen wollen. Die GTS 1000 von Yamaha ist zum Beispiel so ein Fall - schmerzhafte Druckstellen an den Knien sind meist die Folge.

Sportler (Archivversion)

Test-Ressortleiter Gerhard Lindner, 33, 1,90 Meter
Leicht sollen Sportmotorräder sein, handlich und klein, denn weniger Gewicht bedeutet bessere Beschleunigung, kleinere Ausmaße weniger Luftwiderstand - und alles zusammen bedeutet wenig Platz für große Fahrer mit langen Beinen. Also doch lieber Basketball oder Volleyball spielen? Nur keine Panik, denn glücklicherweise gehen die endgültigen Produkte mit den Vorgaben nicht immer ganz konform. So ist als jüngstes Beispiel der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit die Suzuki TL 1000 S zu erwähnen. Ein Sportler, der nicht nur genügend Platz bietet, sondern förmlich einen großgewachsenen Besitzer durch seine mächtigen Ausmaße bevorzugt. Auch eine 600er muß nicht gleich vom Wunschzettel verschwinden, bieten doch die beliebten Supersportler von Honda, Kawasaki und Yamaha heutzutage neben Leistung im Überfluß auch ausreichend Platz und zudem eine selbst auf Dauer menschenwürdige, entspannte Sitzposition. Wenn ich da an die Sportler früherer Tage wie die ersten GSX-R-Modelle mit ihren extrem hoch montierten Fußrasten denke, schmerzen mir noch im nachhinein die Knie. So zusammenfalten muß ich meine 190 Zentimeter heute nur noch auf den kleinen 125ern und 250ern. Aber im Sport ist es halt ein bißchen so wie mit der Schönheit: Wer schnell sein will, muß leiden.

Tourer (Archivversion)

Service-Redakteur Michael Allner, 37, 1,99 Meter
Mit 1,99 Metern bin ich der Längste in der Redaktion - und werde daher angesichts meines Berufs oft belächelt: »Geht das überhaupt, mit zwei Metern auf dem Motorrad?« Ja, es geht, aber natürlich nicht auf allen Modellen. Mit Choppern habe ich zum Beispiel erhebliche Probleme: Wenn die Knie mit den Lenkerenden in Berührung kommen, wird’s sogar gefährlich. Auch mit supersportlichen 125ern kann ich mich nicht so recht anfreunden. Erstens sieht’s einfach doof aus, und zweitens zwickt die Kombi in den Knien.Richtig bequem sitze ich auf großen Naked Bikes - so ist meine alte Yamaha XS 1100 für mich das Sitzmöbel schlechthin. Fast ebenso gemütlich hocke ich auf meiner Yamaha TDM 850. Aus dem MOTORRAD-Fuhrpark habe ich ansonsten zum Beispiel die Honda VFR 750 F und die Suzuki VX 800 in angenehmer Erinnerung.Doch nicht alles, was groß ist, paßt auch für alle Lange: Bei der BMW K 1100 LT, der Honda ST 1100 und der Kawasaki 1000 GTR zum Beispiel drückten die Verkleidungskanten auf Dauer schmerzhaft auf meine Kniescheiben.Und wiederum nicht alles, was vergleichsweise klein ist, muß zwangsläufig ausscheiden: Selbst auf einer Kawasaki GPZ 500 S, einer Suzuki GS 500 E oder einer Yamaha XJ 600 N sitze ich bequem. Es sieht eben nur ein bißchen komisch aus.

Crosser (Archivversion)

Service-Ressortleiter Gert Thöle, 40, 1,90 Meter
Eins haben die Kurzen uns Langen voraus: Sie sehen auf Motorrädern meist besser aus - die Proportionen passen, das Verhältnis von Mensch und Maschine ist ausgewogener. Aber im Alltag hat es wiederum auch Vorzüge, wenn die Natur nicht mit den Zentimetern gegeizt hat. Zwar sind die langen Gräten manchmal im Weg (zum Beispiel, wenn man runterfällt), beim Fahren im Gelände aber äußerst hilfreich - schön, wenn man in brenzligen Situationen souverän mit den Beinen am Boden paddeln kann.Problematischer ist bei meinen 1,90 Meter eher, daß es selbst auf hochbeinigen Hard-Enduros oft ausgesprochen eng zugeht. Der Abstand zwischen Sitz und Fußrasten ist mir in vielen Fällen zu gering, der Lenker meist zu nah am Körper. Daher passe ich meine eigenen Motorräder meist entsprechend an. Das heißt: Die Sitzbank wird gegen eine höhere getauscht oder beim Spezialisten aufgepolstert. Die originale Lenkstange kann meist dranbleiben - mit Distanzscheiben zwischen Gabelbrücken und Klemmfäusten sowie längeren Befestigungsschrauben läßt sich die Position des Lenkers schnell und billig anheben. Noch besser ist es, wenn die Klemmfäuste wie bei einigen KTM LC 4-Modellen asymmetrisch sind. Durch Drehen der Klemmfäuste kommt der Lenker gleichzeitig weiter nach vorn und nach oben.

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