Motorräder von Flatz––––– (Archivversion)

Ein Mann sieht Schwarz–––––

Seine Bikes sehen aggressiv aus, provozieren Gewalt. Ein Risiko, mit dem Künstler Flatz lebt. Und koste es ihn ein Vierteljahr Krankenhaus.

Auf der Allee ging Flatz hopp, als ein Golf-Fahrer sich im Straßenkampf versuchte. Er beschleunigte, drängte den Mann in Schwarz, der ihn auf seiner FJ 1200 überholen wollte, auf die Gegenfahrbahn ab, wo sich ein Laster geniert breit machte. Flatzens einzige Chance, sich zu verdünnisieren: wild beschleunigen, rechts einscheren. Weil die Linkskurve, die hernach dräute, nie und nimmer zu kriegen war, legte er das Motorrad ab, flog mit 120 km/h auf eine Buchenböschung. Statt auf dem Harley-Treffen in Kreuth landete er im Spital.»Vordergründig sieht Black Beauty, so heißt die Yamaha, negativ, häßlich, kaputt aus«, doziert Flatz mit sanfter Stimme, »und wer drauf sitzt, wird als ähnlich häßlich und kaputt eingestuft.« Saubermännern zum Abschuß freigegeben.Brave Bürger schrecken, Ängste und Aggressionen wecken - da tuckert Flatz im trauten Konvoi bekutteter Rocker, herrlich verschmuddelter Ratbiker und extrovertierter Mad Max-Epigonen auf Mutantenkrädern. Doch er setzt eins drauf, deklariert die Schocktherapie auf Rädern zur Kunst, hievt das mit der Alltagsästhetik kollidierende Brutalo-Bike aus den herrlichen Niederungen der Subkultur ins Schwerkünstlerische. Am Anfang dieses Prozesses steht die optische Vernichtung eines Gegenstands, »der für viele ein Traum bleibt, den sie sich«, sagt Flatz, »nicht leisten können«. Für so manchen Zeitgenossen eine unvorstellbare Handlung: »Ach sie Ärmster, ist Ihr Motorrad abgebrannt?« fragte erst neulich ein Autofahrer den neben ihm des Ampelergrünens harrenden Flatz. Mit solch rührender Naivität darf der Meister nicht immer rechnen. Schon eher mit dem ungesunden Volksempfinden, dem er irgendwie anstößig vorkommt. »Ich bin schon öfters von hinten angefahren worden, nicht aus Versehen.« Sondern aus Wut über die mutwillige Zerstörung eines Wertobjekts. Auf den Gebrauchtmarkt brächte »Black Beauty« gerade noch »nen Tausender. Doch Flatz verscherbelt keine Motorräder, er macht in Kunst. Weil Skulpturen sich mit so profanen Dingen wie Computern, Käsekuchen und Rasenmähern insofern gemein machen, als auch für sie gilt, sich auf dem Markt zu behaupten, realisiert sich die Ware Kunst zunächst mal über den Preis. »Die ästhetische Entwertung«, proklamiert Flatz, »wird im Kunstgeschäft aufgewertet.« Pekuniär. Eins von Flatzens Survival Bikes auf FJ 1200-Basis nahm locker die sechsstellige Mark-Hürde und parkt nunmehr im Foyer eines Software-Hauses. Als Mahnmal für den Untergangs des Maschinenwesens, Symbol eines ölklecksenden Saeculums. Das ist ganz im Sinn des Künstlers, weswegen Flatz konsequenterweise denn auch die schmierstofflichen Ausscheidungen seiner Shovel-Harley »Dark Angel« auf Zeitungspapier dokumentiert, gerahmt und hinter Glas verewigt hat.Flatz kennt, wie er der Zeitschrift »Die Woche« verriet, nur eine Angst: »Kein Geld mehr zu haben.« Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Weil Vatern für die österreichische Eisenbahn schuftete, hatte der Filius null Bock darauf, eingefahrenen Gleisen zu folgen. Er schloß sich einer Rockergang an, kam, als die Gendarmerie sich den, so Flatz, »randalierenden Haufen« vorknöpfte, zunächst vor den Kadi und mit Riesendusel an einer Auszeit im Knast vorbei. Dafür steckten sie ihn später ins Irrenhaus, als er mit einem Sack überm Kopf eine Ausstellungseröffnung sprengte. Flatz war immer dort, wo«s richtig weh tat. Er erniedrigte sich, in Tuch gerollt, zum Fußabstreifer, schüttete in sechs Minuten zehn Sekunden 30 Tequila (Doppelte) zum trinkliederlichen Gesang einer Sopranistin in sich hinein, zappelte eine Performance lang als Zielscheibe für Dartpfeile. Nackt, blutend.»Das Leben ist ein Risiko«, sinniert Flatz, »in einer Zeit, wo alles geregelt wird, ist es gerade als Künstler wichtig, sich voll und ganz ein-, mit sich und seiner Umwelt auseinanderzusetzen.« Und sei sie noch so uniformiert. »Wenn ich mit einem der Motorräder unterwegs bin, werde ich vier- bis fünfmal die Woche von Polizeistreifen rausgeholt.« Nicht von routinierten Beamten. Die kennen die seltsamen Gefährte des Professors Flatz. Aber München nennt auch eine Polizeiakademie sein eigen. Deren Eleven wundern sich dann immer wieder, was beim TÜV so alles möglich ist.Eine BMW namens »Iron Bull« zum Beispiel. Flatz glaubt, die GS auf das Wesentliche reduziert und die Archaik des Boxers herausgearbeitet zu haben, wenngleich der schwarze Tank für ihn schon fast »Malerei pur« ist. Das mit Stollenreifen und Moniereisen martialisierte Motorrad spielte ein wichtige Rolle im deutschen Kinofilm »Der lange Finger« (am 24. März in Pro Sieben). In der Hauptrolle des exzentrischen, telefonsexbesessenen Künstlers, der nicht mehr zwischen Realität und Wirklichkeit unterscheiden kann, animiert Flatz die GS sogar zu stuntähnlichen Kunststücken, brettert durch eine Glastür, ein nackte Frau am Kreuz hinten drauf.Seine Motorräder, ein im ähnlichen Stil hergerichteter Camaro-Sportwagen und der Rollstuhl »Boss«, den er sich nach seinem Unfall bauen ließ, sind für Flatz allesamt »Physical Sculptures«, die er so definiert: »Sie sind einerseits Körper und andererseits Physik.« Als Nummer Null der Serie fungiert er selbst. Die ist, wie alle seine Arbeiten, natürlich käuflich. Flatz ließ sich den Barcode einer Zigarettenmarke eintätowieren, posierte als Model für Klamotten von Holy. Der Kunst-Proll, so »Die Woche«, kann«s prächtig mit den Reichen, arbeitet liebend gern und profitabel mit der Industrie zusammen, mit Daimler, Porsche, Siemens. Austria Tabak, für deren Orientmarke Nil er seinen Body auf Plakaten hinhält, sponsert eine Ausstellung seiner »Physical Sculptures« auf der Münchner Praterinsel (geöffnet bis 22. März 1998). Mittlerweile kam er auch mit Red Bull ins Geschäft, will für deren Promotion-Abteilung einen sauteuren Ami-Sportwagen seiner Konsumästhetik berauben. Eine Palette mit Dosen dieses Energy Drinks hat er bereits zum Kunstwerk stilisiert - Physical Sculpture No. 10: Power Block. Das Besondere daran: Es darf verändert, also weggetrunken werden. Mitunter verleiht Flatz eben Flügel. Prost. Denn der Mann haut echt was weg. Verkleidungen vom Moped und bildungsbürgerliche Illusionen über den Kunstbetrieb.
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Flatz, Wolfgang: Motorräder und Kurzporträt (Archivversion)

Geboren am 4. September 1952 im österreichischen Dornbirn 1967-71 Goldschmiedelehre 1972-74 Studium des Metalldesigns in Graz 1975 Nach einer Performance Einlieferung in die Landesirrenanstalt Valduna, Umzug nach München, Kunststudium 1979 Entwirft Stühle, Tische, Betten 1984 Konzipiert den ersten Friseursalon ohne Spiegel 1985 Das Flatz-Syndikat erarbeitet »Demontagen« 1987 Serie »Zeige mir einen Helden und ich zeige Dir eine Tragödie« 1988 Honorarprofessor an der TH Darmstadt 1990 Stellt als erster Westkünstler in Leningrad aus, »Demontage IX« in einer Synagoge in Tiflis 1992 »Demontage IX« gewinnt Preis bei Kurzfilmtagen Oberhausen, Documenta IX 1993 »Champion Piece« für 90 Porsche und eine Container-City in Stuttgart 1994 Preis fürs originellste Motorrad auf einem Harley-Treffen 1995 Hauptrolle im Film »Der kalte Finger« 1996 »Hitler - ein Hundeleben« 1997 Flatzens Dogge Hitler wird in »Aspekte« (ZDF) von Doggendame Liselotte gedoubelt

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