Mythos Solitude (Archivversion) Schwabenstreich

Vom ersten Bergrennen für Fahrräder mit Hilfsmotor vor 100 Jahren bis zum Motorrad-Grand-Prix mit mehr als 400 000 Zuschauern: die Erfolgsstory der legendären Solitude-Rennstrecke vor den Toren Stuttgarts.

Bis nach unten geschlossene Leitplanken und alte Tribünen erinnern an der Avus in Berlin unmissverständlich daran, dass dieses schnurgerade Stück Autobahn schon weitaus spektakulärere Szenen als den täglichen Berufsverkehr erlebt hat. Wenn man vor den Toren Stuttgarts auf die Suche nach der Solitude geht, endet die Entdeckungsreise – zumindest bei Ortsfremden – im Hof eines Lustschlosses. Der stattliche Bau aus dem 18. Jahrhundert ist aber lediglich Namensgeber des legendären Grand-Prix-Kurses, dessen Geschichte vor 100 Jahren begann, und zu dem vor knapp 40 Jahren noch regelmäßig hunderttausende Zuschauer pilgerten. Ganz besonders dann, wenn Motorradrennen gefahren wurden. Wer die letzten Überbleibsel der Rennbahn westlich von Stuttgart aufspüren will, muss vom Schloss ein paar Kilometer bergab Richtung Leonberg fahren. Am Ende des Mahdentals, einer herrlich kurvigen Straße entlang des Flüsschens Glems, stehen sich das ehemalige Start-Ziel-Haus und die Reste einer Boxenanlage schräg gegenüber. Und gleich um die Ecke befindet sich der Motorradtreff der Region: das Glemseck. Wo dieser Tage zwischen Kaffee und Kuchen genüsslich Zigaretten ausgedrückt werden, quetschten früher die Großen des Auto- und Motorradsports ihr Werksmaterial aus. Für die Zwei- und Dreiradler ging es sogar sechs Mal um Punkte zur Straßen-Weltmeisterschaft. Eingebettet zwischen Start und Ziel und der überhöhten Hedersbachkurve, war das Glemseck ein beliebter Zuschauerplatz. So beliebt, weil hautnah an der Strecke, dass die Tribünen 1951 unter den vielen Fans teilweise zusammenbrachen. Fasziniert von der Berg-und-Talbahn, die sich über 11,4 Kilometer ausschließlich auf öffentlichen Straßen durchs Stuttgarter Umland schlängelte, kamen zwischen 1949 und 1965 selten weniger als 200 000 Zuschauer zu den Rennen. Egal, ob WM oder DM – die Massen rückten aus ganz Deutschland an, teilweise in »Verwaltungssonderzügen« und Sonderbussen, die in aller Herrgottsfrühe sogar vom Bodensee losfuhren. Oft tummelten sich die Fans schon um drei Uhr morgens an der Strecke – in Straßengräben, auf Böschungen, Wiesen und selbst gezimmerten Tribünen. Parallel dazu verwandelte sich Stuttgart in eine Party-Meile im Ausnahmezustand: Die Sperrstunde außer Kraft gesetzt, manche Straßen in der Innenstadt für den Durchgangsverkehr gesperrt, glühte die Schwabenmetropole an Rennwochenenden die Nächte durch. Im selben Jahr geboren wie »Das Motorrad«, entwickelte sich die Solitude schrittweise von einer knapp vier Kilometer langen Bergrennstrecke zu dem Rundkurs, der bis heute fast vollständig existiert und von jedermann befahren werden kann. 1903 veranstaltete der »Radfahrer-Verein Schwaben« das erste Solitude-Bergrennen für Fahrräder mit Hilfsmotor. Von ein bis drei PS unterstützt, strampelte die Meute damals an gut 2000 Zuschauern vorbei vom Stuttgarter Westbahnhof über kaum befestigte Staubstraßen hinauf zum einsamen Lustschloss Solitude. 1906 zog es zwar schon 15 000 Schaulustige an die Schotterpiste, doch anschließend erteilte das Württembergische Innenministerium aus Sicherheitsgründen striktes Rennverbot. Erst 1922 ging es an der Solitude wieder steil bergauf: vor 50 000 Zuschauern und erstmals auch mit Autos. Danach wurde die Strecke Stück für Stück ausgebaut und auf 22,3 Kilometer verlängert - der erste Rundkurs war geboren. 1931 und 1935 kürzte man die Solitude fast um die Hälfte und verpasste ihr den großteils noch heute existierenden, sehr anspruchsvollen Verlauf: mit 26 Links- und 19 Rechtskurven sowie Steigungen und Gefällen von über zehn Prozent. Schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs standen die ersten Motorradfahrer wieder an der Startlinie. Dem offiziellen Neuanfang 1949 kam zugute, dass Deutschland noch nicht wieder für internationale Rennen zugelassen war. Somit galt kein Verbot für Kompressormaschinen, was die Nennungen in die Höhe trieb. Mit dem Triumph von TT-Sieger Schorsch Meier auf seiner Königswellen-BMW in der Halbliterklasse und geschätzten 300 000 Zuschauern startete die Solitude in ihre große Zeit. Nach der Rekordmarke von 435 000 Zuschauern zum WM-Lauf 1954 investierte man nochmals richtig Geld, so dass sich die Solitude zum GP 1956 als eine der modernsten europäischen Rennpisten jener Zeit präsentieren konnte. 1957 und 1958 scheiterten die Rennen jedoch am Willen der Landesregierung, ein eventuelles finanzielles Minus mit Zuschüssen zu decken. Die Länge der Strecke trieb die Unterhaltskosten in enorme Höhen. Zwar mangelte es nicht an Fans, wohl aber an deren Zahlungsmoral: Die Ticketschalter ließen sich in dem weitläufigen Terrain leicht umgehen. Das Ende der Solitude zeichnete sich Anfang der sechziger Jahre auch aus politischen Gründen ab, denn die Landesregierung favorisierte den Bau einer permanenten Rennstrecke – und votierte für den neuen Hockenheimring. 1964 verabschiedete sich die Solitude vom internationalen Rennsport mit einem fürstlichen Highlight: neben dem Motorrad-Grand-Prix für alle Klassen wurde ein hochkarätig besetztes Formel 1- Rennen gestartet. Jim Redman verewigte sich auf seiner 350er-Honda mit einer Rekordrunde von 4.15,9 Minuten und brannte dabei mit einem Schnitt von 160,641 km/h um den Kurs. Mike Hailwood hatte vormittags auf MV Agusta das 500er-Rennen gewonnen, nachmittags stand der später ganz zum Autosport gewechselte Motorradstar mit einem Lotus in der zweiten Startreihe der Formel 1 – hinter den damaligen Superstars Jim Clark, John Surtees, Graham Hill und Lorenzo Bandini. Ein Jahr später fiel bei einem nationalen Rennen dann endgültig der Vorhang. Zum 100. Geburtstag wird in diesem Sommer der Mythos der Stuttgarter Rennstrecke aber noch einmal wach geküsst: mit dem Solitude Revival, einer großen Fete mit prominenten Stars und ihren Rennern vom 25. bis 27. Juli.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote