Nachklapp: Schadstoffe in Motorradlederjacken (Archivversion) Giftfrei?

Hohe Wellen schlug und schlägt der Test »Schadstoffe in Motorradlederjacken« aus MOTORRAD 3/1998. Hersteller und Vertreiber belasteter Kleidung reagieren mit Eigenprüfungen oder stellen das Gesundheitsrisiko in Frage.

Zur Erinnerung: In MOTORRAD 3/1998 erschien ein Test zu Schadstoffen in Lederjacken unter dem Titel »Mitgift?«. Dazu wurden stichprobenartig sieben Motorradjacken gekauft und im Lederinstitut Gerberschule Reutlingen untersucht. Als positives Ergebnis zeigte sich, daß die Industrie heute offensichtlich auf den Einsatz von Azo-Farbstoffen verzichtet, die in der Leber krebserregende Amine abspalten können. Ein Verbot dieser Azo-Farbstoffe wird seit 1994 diskutiert, seit April letzten Jahres ist Produktion und Import von damit gefärbter Lederkleidung definitiv nicht mehr erlaubt. Alte, »belastete« Lederbekleidung darf aber bis Ende diesen Jahres noch abverkauft werden.Und genau hier steckt der Kern des Problems: Denn in einer zusätzlich untersuchten, nachweislich bis 1995 produzierten Jacke konnten Amine aus diesen Azo-Farbstoffen gefunden werden. Und zwar in Mengen, die bis zum 122fachen des Grenzwertes betrugen, in Zahlen bis zu 3661 Milligramm pro Kilogramm Leder. Anlaß genug für MOTORRAD, weitere Analysen auf Azo-Farbstoffe »älterer« Lederbekleidung in Auftrag zu geben. Neben Endverbrauchern sind auch Hersteller und Handel durch diese Untersuchung von MOTORRAD sensibilisiert. Erste Reaktionen zeigen die Brisanz des Themas. Peter Kaiser, einer der Geschäftsführer der Handelskette Hein Gericke, wirft MOTORRAD »Sensations-Journalismus« vor und stellt das Verbot eben dieser Azo-Farbstoffe durch die Bundesrepublik Deutschland in Frage: »Bis heute ist noch in keinem Testversuch der kausale Zusammenhang vom Hautkontakt mit Azo-gefärbten Materialien und dem Ausbrechen von Tumoren nachgewiesen worden.«Bekannt ist allerdings, daß Färber oder Schuster durch den Umgang mit jenen Azo-Farbstoffen an Harnblasenkrebs erkrankten. Deshalb werden diese Farbstoffe laut Merkblatt des Bundesverbandes Bekleidungsindustrie schon seit Anfang der siebziger Jahre von der westeuropäischen Farbenindustrie nicht mehr hergestellt.Zurück zum Test von MOTORRAD. In drei Lederjacken (Detlev Louis Highway II, Furygan BL 27, Schwabenleder Performance Evolution) ließen sich geringe Mengen an sechswertigem Chrom feststellen, eine Substanz, die laut Aussagen von Toxikologen nachweisbar giftig, krebserregend und erbgutschädigend ist.Die relativ geringen Mengen von vier bis acht Milligramm pro Kilogramm Leder sollen gewiß keinen Anlaß zur Panik geben. Grundsätzlich gilt aber laut Bundesministeriums für Gesundheit: keine toxischen Substanzen in Bedarfsgegenständen wie Kleidung. Und deshalb ist in jedem Gütesiegel, das so renommierte Prüfinstitute wie die Gerberschule Reutlingen, der TÜV Rheinland oder das Forschungsinstitut Hohenstein ausstellen, eine Prüfung auf Chrom VI enthalten. Wird das Schwermetall nachgewiesen, gibt es kein Siegel und bei MOTORRAD kein »unbedenklich«.Daß die Lederkombi-Hersteller und -Importeure nicht wissentlich Leder mit Chrom VI-Anteilen in den Handel bringen, kann man ihnen glauben. Denn immer noch ist unklar, woher das Chrom VI im Leder kommt, in welchem Schritt der Verarbeitung diese Substanz aus dem zum Gerben eingesetzten Chrom III entsteht. Vermutete Zusammenhänge mit den Farben der Lederstücke konnten laut Dr. Ing. habil. H.-J. Kellert von der Gerberschule Reutlingen, in der die Forschung läuft, nicht bestätigt werden.Alle vom Testurteil »Nicht empfehlenswert« Betroffenen reagierten umgehend mit eigenen Untersuchungen. Bei keiner Prüfung wurde laut Hersteller Chrom VI gefunden. Claus Hämmer, Inhaber der Firma Schwabenleder, erklärt sich diese Tatsache daraus, daß auch die Testjacke vom Modell Performance Evolution aus einer Produktion von 1994 stammt. Seine deutschen und österreichischen Lederzulieferer Endriß & Schauffler und Wollsdorf Leder, die übrigens auch weitere Lederkombi-Produzenten sowie Automobil- und Möbelhersteller in Deutschland beliefern, würden seit Ende 1994 regelmäßige Untersuchungen auf Chrom VI vornehmen lassen.Die Firmen Detlev Louis und Furygan bestätigen ebenfalls, von ihren Lederlieferanten Zertifikate über die Schadstoff-Freiheit der Produkte zu verlangen und dies stichprobenartig auch zu überprüfen. Beide haben Teile der von MOTORRAD getesteten Jacken zur Nachuntersuchung angefordert. In wieweit für einen Großhändler, der seine Ware aus Fernost bezieht, eine Kontrolle der Zulieferer überhaupt möglich ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt.Was tun? Der Kunde kann beim Neukauf Kleidungsstücke ohne Schadstoffe erwarten, also auch ohne Chrom VI. Erhöhte Sorgfalt bei der Qualitätskontrolle ist bei den Importeuren und Herstellern nötig und von diesen gegenüber MOTORRAD angekündigt.Mehr Anlaß zur Sorge sind dagegen die Azo-Farbstoffe in höheren Konzentrationen. Klarheit soll der bereits angekündigte Test in MOTORRAD 7/1998 bringen.

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