Nachruf Barry Sheene (Archivversion) Strahlemann

Barry Sheene war der letzte große Grand-Prix-Star Englands. Er beherrschte sein Handwerk als Rennfahrer ebenso perfekt wie das Spiel mit Fans und Medien. Jetzt ist er mit nur 52 Jahren an Krebs gestorben.

Barry Sheene kam eigentlich gar nicht um den Rennsport herum. Sein Vater Frank war ein begnadeter Zweitakt-Spezialist, den die ganze britische Rennszene bewunderte. Dabei war Frank eigentlich Medizintechniker am Royal College of Surgents. Nach Dienstschluss tüftelte er an seinen Rennmaschinen – und reparierte die Autos der Chirurgen. Barry erbte von ihm nicht nur die Begeisterung für Rennmotorräder, sondern auch seine Redseligkeit und Geselligkeit, und er lernte schon von klein auf von den Ärzten und deren reichen Freunden die richtigen Umgangsformen und den Sinn für Geschäfte. Mit 16 begann Barry Motorrad zu fahren, 1968 startete er als knapp 18-Jähriger zu seinem ersten Rennen. Schon 1971 schaffte er den internationalen Durchbruch und wurde mit der von Dieter Braun gekauften 125er-Werks-Suzuki hinter Angel Nieto Vizeweltmeister. Barry Sheene entwickelte sich rasch zum Multitalent: Er war auf der 50er-Kreidler ebenso wie auf der 750er-Suzuki für Siege gut. Als Suzuki 1974 mit der brandneuen Square-Four-Maschine den Angriff auf die Krone der 500er-Klasse startete, bildeten Barry und sein Schwager Paul Smart die Speerspitze des Werksteams, und Barry konnte gleich mit Phil Read, Giacomo Agostini und Gianfranco Bonera mithalten. Noch mehr Aufmerksamkeit erregte er aber ein Jahr später, als in der Steilwand von Daytona bei Tempo 280 ein Reifen an seiner Suzuki platzte. Sheenes zahlreiche Knochenbrüche mussten mit Platten und insgesamt 33 Schrauben fixiert werden, trotzdem saß er sechs Wochen später beim GP-Saisonstart wieder im Sattel. Beim sechsten Lauf in Assen feierte er nach erbittertem Kampf mit Agostini seinen ersten von insgesamt 19 Siegen bei den 500ern. 1976 und ´77 konnte den jungen Aufsteiger niemand mehr stoppen, und er gewann zweimal überlegen die Weltmeisterschaft der Königsklasse. Dass in England eine regelrechte Sheene-Hysterie ausbrach, lag aber nicht einmal an seinen sportlichen Leistungen. Der in London geborene Rennprofi sah gut aus und wusste sich bei den Fans und den Medien bestens in Szene zu setzen. Er kam mit dem Rolls-Royce oder dem Hubschrauber zu den Rennen und heiratete mit Stephanie McLaine eines der begehrtesten Fotomodelle Englands. Als mit Kenny Roberts 1978 dann ein unerbitterter Gegner in der 500er-Weltmeisterschaft auftauchte, war es mit Sheenes Überlegenheit zwar vorbei, seine Legende wurde aber erst richtig gefestigt. Er lieferte sich mit dem Amerikaner unvergessliche Duelle und unterlag Roberts stets nur knapp. Gegen die jungen Heißsporne Virginio Ferrari und Marco Lucchinelli geriet er bei Suzuki trotzdem langsam auf das Abstellgleis, wechselte zu Yamaha, wo es 1982 erneut zum Kampf mit Roberts kam, jetzt sogar teamintern. Während der Amerikaner aber mit der neuesten V4-Entwicklung ausgestattet war, musste Barry noch mit der alten Square-Four Vorlieb nehmen. Für das Heimrennen in Silverstone bekam dann auch Sheene die V4, und bei Tests konnte er den bestehenden Rundenrekord unterbieten. Doch dann knallte er bei Tempo 250 in den gestürzten Patrick Igoa und brach sich beide Beine mehrfach. Auch diesen Highspeed-Unfall steckte Barry weg, wenngleich seine Karriere bereits ihren Zenit überschritten hatte. 1983 und 1984 war er wieder auf Suzuki unterwegs, bekam aber nur noch leicht aufgepeppte Production-Racer. Als der Brite auch für 1985 kein konkurrenzfähiges Material auftreiben konnte, zog er sich zurück. Fortan konzentrierte sich Sheene auf seine Immobilien-Geschäfte, zog 1988 nach Carrara an die Goldküste Australiens, entdeckte dort Talente wie Mick Doohan und Troy Corser und war beim Start zu deren internationalen Karrieren behilflich. Zudem arbeitete der ehemalige Champion als TV-Kommentator. 1998 durfte er bei der Centennial-TT in Assen wieder seine alte Suzuki Square-Four fahren. Ein Jahr später bekam er vom Earl of March eine Einladung zum Goodwood Revival. Er bereitete sich in Australien gewissenhaft auf dieses Classic-Meeting vor und gewann mit der Norton Manx des Earl auch gleich das Rennen. Fortan war er wieder vom Rennfieber gepackt, kaufte sich eine Norton-Manx-Replika und betrieb den Classic-Rennsport mit der von ihm gewohnten Professionalität. Knallhart verhandelte Sheene mit Veranstaltern um Startgelder und fuhr den meist jüngeren Classic-Spezialisten kräftig um die Ohren. Im Sommer 2002 kam dann die Hiobsbotschaft. Der strahlende Held, der fit und zehn Jahre jünger wirkte, war an Speiseröhren- und Magenkrebs erkrankt. Sheene wollte sich keiner Operation und keiner Chemotherapie unterziehen, er verließ sich lieber auf alternative Heilmethoden. Obwohl sichtlich geschwächt, erschien er im September vergangenen Jahres beim Goodwood Revival. Unter seinen Rivalen war diesmal kein Geringerer als Wayne Gardner, der 500er-Weltmeister von 1988. Im ersten Lauf unterlag Sheene seinem um zehn Jahre jüngeren Widersacher um ganze zwei Tausendstelsekunden. Er zerrieb sich an der Niederlage regelrecht, tüftelte den ganzen Abend an der Abstimmung seiner Maschine und gewann am nächsten Tag mit 1,3 Sekunden vor Gardner, holte sich die Gesamtwertung und verließ Goodwood ein letztes Mal als strahlender Held – gefeiert von 80 000 Fans. Das viel schwerere Rennen hatte Sheene bereits verloren. Wenn er auch bis zur letzten Sekunde nie aufgab und an ein Wunder glaubte, erlag er am 10. März in Australien im Alter von 52 Jahren seinem Krebsleiden. Barry Sheene hinterlässt seine Frau Stephanie sowie die Kinder Sidonie und Freddie.

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