Nachwuchs-Crosser wollen nach oben (Archivversion) Lausbuben-Geschichten

Frechheit siegt? Wenn´s danach ginge, wären die deutschen Cross-Youngster Spitzenkräfte. Eine neue Initiative soll den jugendlichen Elan in sportlich erfolgreiche Bahnen lenken.

Diese Situation habe ich längst befürchtet«, grübelt Moderator und Moto Cross-Intimus Tommi Deitenbach vor der Fahrer-Vorstellung beim Leipziger Supercross. Denn was der Westfale den 12000 Fans an einheimischen Fahrern zu präsentieren hatte, glich - mit Verlaub - eher einem Volkssturm denn schwarz-rot-goldenen Meisterfliegern. Ohne den Indoor-Helden Bernd Eckenbach und die samt und sonders verletzte Ersatzriege mit Collin Dugmore, Jochen Jasinski und Andy Kanstinger reduzierten sich die deutschen Erfolgsaussichten bereits vorab auf Null. Worüber die Fans in der Halle derzeit noch leidvoll hinwegsehen, gerät im Freiland-Cross allerdings zur mittelfristigen Existenzfrage der deutschen Top-Ligen. Zwar stößt dort zu erwähntem Trio immerhin noch das Duett Pit Beirer und Didi Lacher, doch eines ist den rasenden Fünf gemeinsam: Mit 25 bis 31 Jahren zählen die Vorzeige-Crosser in der jugendlichen Stollen-Szene bereits zu den gesetzteren Herrschaften. Und junge Thronfolger im erfolgsträchtigen Alter sind gegenwärtig weit und breit nicht in Sicht.Kein Wunder, wenn die Szene derzeit neidisch nach Frankreich blickt. Im Schlepptau von Stars wie Dreifach-Weltmeister Jean-Michel Bayle entwickelte sich in den neunziger Jahren in Gallien ein pralles Reservoir von erfolgshungrigen Cross-Youngstern. Nicht weniger als vier Piloten der Top-ten der diesjährigen Achtelliter-Cross-WM (siehe Grafik Seite 157) sprechen französisch. Dreimal ist die Grande Nation unter den besten Zehn der 250er WM vertreten, und zwei Franzosen beißen sich sogar erfolgreich in der Höhle der US-amerikanischen Crosser-Löwen durch. Die vergleichsweise karge deutsche Bilanz: Pit Beirer mit Rang drei in der 250er WM und Bernd Eckenbach mit Platz neun bei den 500ern.Die Gründe für den Boom der französischen Stollenritter sind vielschichtig. Bessere soziale Akzeptanz des Motorradsports, vielfältige Trainingsmöglichkeiten und ein größerer Fundus an Aktiven zählen nur teilweise. Für die linksrheinischen Jung-Crosser gibt´s hauptsächlich nur ein Erfolgsgeheimnis: Supercross. Bei knapp 20 Veranstaltungen pro Jahr auf den fahrtechnisch extrem anspruchsvollen Retorten-Strecken lernen die Cross-Küken, was im modernen Moto Cross zählt: blitzsaubere und konditionsschonende Fahrtechnik, perfekte Koordination, spielerische Motorradbeherrschung und Aggressivität. Für Organisator Deitenbach und den um adäquate Erbfolge bemühten Bernd Eckenbach Grund genug, Entwicklungshelfer zu spielen. Sieben Auserwählte - ausnahmslos zwischen 14 und 18 Jahren alt - aus dem Achtelliter-Nachwuchspokal unterwies Stilist Eckenbach eine Woche vor dem Supercross-Saisonstart im erdverbundenen Wellenreiten. Nicht viel, aber ein Beginn mit Signalwirkung. Denn bei der Auswahl aus der übergroßen Zahl an Bewerbern um einen Startplatz für die 125er Klasse im Rahmen der drei deutschen Supercross in Stuttgart, Leipzig und Dortmund, erhielt das Septett absolute Priorität. Die Resultate sprechen für sich. In Stuttgart teilten sich der 16jährige Marco Dorsch und der 17jährige Andreas Boller die Tagessiege. In Leipzig sprang am ersten Tag sogar der 14jährige Josef Dobes nach oben aufs Podest. Insgesamt gingen in Stuttgart und Leipzig zwölf der in den vier Einzelläufen insgesamt möglichen 20 Top-fünf-Plätze an die Musterschüler.Was Mut zu mehr macht. Günter Dorsch, Vater des Stuttgart-Siegers Marco, möchte die Jugendbewegung über das winterliche Supercross-Rumpfprogramm hinaus ausweiten. Per Sponsorenpool soll der Juniorenriege der Einstieg in die 125er Europameisterschaft im nächsten Jahr finanziell erleichtert werden. Und nicht nur das. Die besagten deutschen Top-Crosser sollen sich während der gesamten Saison um ihre Zöglinge kümmern. Mit Lehrgängen, Fahrtips oder der Vermittlung attraktiver Trainingspisten könnten die Nachwuchs-Fahrer in der Tat von dem geballten Erfahrungsschatz der hiesigen Stollen-High Society profitieren. Geplante gemeinsame Auftritte bei den DM- und EM-Läufen scheinen die eher egoistisch-individuell ausgerichtete Rennsport-Welt gar aus den Angeln zu heben - vorausgesetzt, die ideenreichen Cross-Aktivisten finden nach der aktuellen Anfangs-Euphorie zu einer kontinuierlichen personellen Lösung, welche die himmlischen Worte auch in irdische Taten umzusetzen vermag. Denn daß die Supercross-Initiative allein nicht zum Allheilmittel für kränkelnde Cross-Nationen taugt, erkannten auch die vor einem Jahrzehnt trotz heimischer Indoor-Serie noch ohne Spitzenleute darbenden Franzosen. Parallel zur französischen Supercross-Meisterschaft geben die Gallier ihren Talenten längst unter der Anleitung erfahrener Cross-Altstars auf dem internationalen Freiland-Parkett den letzten Schliff - und den Deutschen das beste Beispiel, wie man aus der Not eine Tugend machen kann.

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