Neuanfang bei Benelli (Archivversion) Latin lava

Andrea Merloni stammt aus einer alten Waschmaschinen-Dynastie und will jetzt das dahingeschiedene Traditionsunternehmen Benelli wiederbeleben. Die neuen Modelle sollen freilich nicht Lavamat heißen.

Lavare« heißt waschen und »lava« er, sie, es wäscht auf italienisch. So kann aus dem Latin Lover schon mal ein Latin lava werden. Mit spöttischen Sprüchen sind die Italiener eben schnell bei der Hand. So macht in Motorradfahrerkreisen jenseits des Brenners bereits das Wort von der Waschmaschine auf zwei Rädern die Runde. Denn die Familie von Andrea Merloni, dem frischgebackenen Benelli-Eigner, gehört zu den größten europäischen Herstellern von Küchenherden, Kühlschränken, Spül- und besagten Waschmaschinen. Andrea Merloni ficht das Gespött nicht an. Der sympathische 28jährige aus Fabriano bei Ancona darf sich durchaus zutrauen, Benelli wieder flott zu machen, schließlich kann er einiges an Erfahrungen und Erfolgen aufweisen. Seiner Motorradleidenschaft frönte er zunächst als Crosser, startete dann in der italienischen Superbike-Meisterschaft und landete dabei auch öfter auf dem Treppchen. Nach zwei üblen Unfällen ließ er 1992 die aktive Rennerei zwar sein, ist aber heute bei jedem Lauf der Superbike-WM dabei: Ihm gehört das Gattolone-Team, für das Pierfrancesco Chili startet. Nun könnte da leicht der Vorwurf aufkommen, das sei ein typisches Hobby für einen verwöhnten Sohn aus reichem Hause, der mit Papas Geld sein eigenes Rennteam unterhält. Weit gefehlt: Merloni finanziert sein Engagement über Evolve, einen Vertrieb für Motorradbekleidung und -zubehör. Diese Firma gründete er im zarten Alter von 23; heute macht Evolve jährlich rund fünf Millionen Mark Umsatz. In der Firma von Vater Vittorio Merloni, die weltweit über 8000 Menschen beschäftigt und ihre Produkte unter den Markennamen Ariston, Indesit und Scholtes vertreibt, führt Andrea die Verhandlungen über ein Joint-Venture mit China und sitzt als einziges und jüngstes der vier Merloni-Geschwister im Verwaltungsrat. Das alles sollte eigentlich für einen ausgefüllten Tag reichen. Warum sich dann noch einen unsicheren Kandidaten wie Benelli ans Bein binden? Schließlich ist die Marke vom Markt verschwunden, und um den Benelli-Löwen wieder zum Brüllen zu bringen, dürfte es mehr brauchen als nur gutes Zureden. »Motorräder sind nun mal meine Leidenschaft”, gibt Andrea Merloni lachend zu. »Und daß ich mit Benelli bei Null anfangen muß, reizt mich erst recht.” Pesaro, Stammsitz von Benelli, liegt nur rund 80 Kilometer nordöstlich von Fabriano, wo die Merloni-Zentrale steht. Die Nähe sieht Andrea Merloni als Vorteil, doch nach Fabriano verlegen will er das Werk nicht: »Eine Benelli muß einfach aus Pesaro kommen”, sagt er. »Auch wenn es dort viel schwieriger und teurer wird als hier, ein geeignetes Werksgelände zu finden.” Und ein neues Werk ist nötig, denn Vorbesitzer Giancarlo Selci, der eine Minderheitsbeteiligung von rund 20 Prozent an Benelli behält, hatte seinen florierenden Betrieb für Holzverarbeitungsmaschinen immer weiter ausgedehnt, bis für die flügellahmen Benelli kein Platz mehr blieb und die Produktion vor einem Jahr komplett eingestellt wurde. Da war eigentlich schon alles verloren, denn Benelli produzierte nur noch 50er – traurige Endstation einer Entwicklung, bei der zu viele Köche den Brei verdorben hatten. Das ging schon bald nach der Firmengründung los, denn die Benellis waren zu acht: Sechs Brüder und zwei Schwestern wollten versorgt werden. Rennsportliche Erfolge, vor allem gegen die Rivalin Guzzi, und gute Verkaufszahlen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg übertünchten damals die Unstimmigkeiten. 1948 zerstritt sich Giuseppe Benelli, der große Techniker der Familie, mit seinen Geschwistern, gründete MotoBi und machte Benelli erfolgreich Konkurrenz. In den 60er Jahren, Giuseppe war inzwischen in den Schoß der Familie zurückgekehrt, erlebte Benelli noch einmal eine große Zeit: Die 250er Vierzylinder machte Furore, Renzo Pasolini fuhr die erste 500er Benelli, und 1969 gewann Kelvin Carruthers mit der 250er sogar die WM. Aus finanziellen Gründen mußte sich Benelli jedoch 1970 aus dem Rennsport zurückziehen; die Unstimmigkeiten unter den zahllosen Kindern und Enkeln der Firmengründer nahmen zu. Ende 1971 kaufte der Argentinier Alejandro de Tomaso die Firma. Er landete mit der 350/500er Vierzylinder und der 650/900er Sechszylinder-Benelli noch mal einen Coup. Doch de Tomaso gehörte auch Guzzi, und als er Guzzi-Teile in die Benelli einbaute und umgekehrt, tat er keiner der beiden Traditionsmarken einen Gefallen. Die technische Qualität der Benelli-Motorräder ließ immer mehr zu wünschen übrig, die Kundschaft wanderte zu den Japanern ab. Auch Versuche, mit einer überarbeiteten Rollerpalette wieder Fuß zu fassen, liefen ins Leere. 1989 übernahm schließlich der Industrielle Giancarlo Selci die Firma, aber wohl eher aus sentimentalen Gründen: Selci, heute weltgrößter Hersteller von Holzverarbeitungsmaschinen, hatte einst bei Benelli seine Lehrzeit absolviert. Und so dümpelte Benelli trübe vor sich hin, bis sich jetzt Andrea Merloni ein Herz faßte, den Namen kaufte und sich mit Elan daran machte, Benelli wieder zurück auf die Straße zu bringen. Bis sich Merlonis Traum erfüllt, nämlich sein Superbike-Team auf seinen eigenen Motorrädern ins Rennen zu schicken, dürften aber noch eine ganze Menge Waschmaschinen die Laufbänder der Merloni-Fabriken verlassen.

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