Neue Technologie: Schuberth-Helme (Archivversion) Zündende Ideen

Mit brandheisser Formel-1-Technologie will Schuberth auch im Motorrad-Bereich neue Akzente setzen.

Wie die Zeiten sich ändern: Bisher galt Schuberth als bodenständiger Hersteller, der eher gediegende Kopfbedeckungen ohne raffinierte Technik oder gar aufregendes Design anbietet. Doch überraschenderweise sorgen ausgerechnet die Braunschweiger seit kurzem in der Formel-1 für Furore. Erster Schuberth-Kunde war der nicht gerade erfolgverwöhnte Nick Heidfeld, nun folgt mindestens einer der Stars der Branche, nämlich Ralf Schumacher. Selbst Bruder und Weltmeister Michael Schumacher hat den Schuberth-Helm bereits. Was ist dran am Schuberth QF 1, der ab dem Frühjahr in minimaler Stückzahl auch als Motorradversion QM 1 für betuchte Biker zu haben ist? Ausschlaggebend für Autorennfahrer sind zwei Gesichtspunkte: Der QF 1 ist mit 1290 Gramm rund 250 Gramm leichter als andere F 1-Helme. Das erscheint zunächst wenig, erspart aber im Lauf eines kurvenreichen Rennens mit Beschleunigungen bis zum Sechsfachen der Erdanziehung viele tausend Kilogramm Belastung für die Kopfmuskulatur. Der zweite Aspekt ist die Aerodynamik des Helms, die sorgsam auf die Verhältnisse im Rennauto abgestimmt sein muss, zumal sie auch Einfluss auf den Ansaugbereich hat. Im hauseigenen Windkanal haben die Braunschweiger beste Voraussetzungen zur Optimierung, Ralf Schumacher testete eine ganze Reihe von Versionen mit unterschiedlichen Spoilern. Diese sind übrigens aufgeklebt, denn bei einem Unfall ist nichts sicherer als eine runde Helmkontur, die beim Aufprall immer nur punktuell anliegt. Ein weiterer Punkt, auf den gerade Formel 1-Fahrer besonderen Wert legen, ist die individuelle Anpassung. Die Helme müssen dürfen auch bei 340 km/h nicht wackeln und müssen sehr stramm sitzen. Schuberth passt nicht allein - wie sonst üblich - die Komfortpolsterung an den Kopf an, sondern fertigt die stoßdämpfende Innenschale individuell an. Dadurch kann die Komfortpolsterung sehr dünn ausfallen, der Helm drückt trotzdem nicht und sitzt auch bei extremen Beschleunigungen und Geschwindigkeiten rüttelfest. Zunächst wird daher per Videokamera ein millimetergenaues, dreidimensionales Datenbild des Kopfs erstellt. Nach diesem Datensatz knabbert eine Fräsmaschine aus der neunteiligen Innenschale ein exaktes Abbild der Kopfkontur heraus. Neben der Passgenauigkeit hat die Einzelanfertigung den Vorteil, dass der knappe Raum zwischen Kopf und Schale optimal zur Dämpfung benutzt werden kann. Die Polystyrolschale kann so bis zu zehn Millimeter dicker sein, die Dämpfungswerte verbessern sich bis zu 20 Prozent. Da der Kopf rundum nahezu an der Innenschale anliegt, kann er zudem beim Aufprall quasi keinen Anlauf nehmen, die Dämpfung setzt schneller und effektiver ein. Hightech wird auch bei der Außenschale eingesetzt, die im Gegensatz zu üblichen Karbonschalen im Autoklaven unter Druck und Hitze gebacken wird. Die Schale setzt sich aus 60 Einzelteilen unterschiedlicher Materialien und Gewebestrukturen zusammen. So wird zum Beispiel schussfestes Gewebe aus dem Militärbereich verwendet, um die im Autobereich besonders wichtige Durchdringungsfestigkeit zu erhöhen. Seit dem Tod von Ayrton Senna, bei dem sich ein Aufhängungsteil in den Helm bohrte, findet dieser Punkt besondere Aufmerksamkeit. Das Geheimnis des geringen Gewichts von 390 Gramm für die QF-1-Schale und 290 Gramm für das Motorrad-Pendant liegt in einer sorgsam ausgetüftelten Anordnung der Einzelteile. In den Vorzug der individuellen Behandlung kommen auch die Motorrad fahrenden Kunden des unter 1000 Gramm leichten QM 1. In der 2500 Mark teuren Basisversion wird das Komfortpolster vor Ort optimal angepasst. Für eine speziell angefertigte Schale ist ein erklecklicher Aufpreis fällig. Ohnehin summieren sich die Kosten durch Titan-Accessoires, Lederpolster mit farblich abgesetzten Kedern oder Airbrush-Lackierungen nach Wunsch leicht auf Beträge von 5000 Mark oder mehr. Kein billiges Vergnügen also, aber die Nachfrage ist beträchtlich, und die Chance, einen QM 1 zu bekommen, gering. Denn die Fertigungskapazität der Schalen ist begrenzt und jeder einzelne Formel-1-Fahrer beansprucht allein um die 20 Exemplare. Aber auch das Gros der Biker darf hoffen, denn schon bald soll das Know-how in Serienhelme mit ziviler Preisgestaltung einfließen.

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