Neue Wege in der Federungstechnik (Archivversion) Direktmandat

Die Tage der aufwendigen Umlenk-Hebeleien bei Motorrad-Hinterradfederungen scheinen gezählt. KTM erprobt derzeit ein direkt angelenktes Federbein von Öhlins - mit Erfolg.

Namur, 6. August 1995. Der österreichische KTM-Werkspilot Rupert Walkner schiebt seine Maschine zur technischen Abnahme des Halbliter-GP von Belgien. In Windeseile umlagert eine Schar Moto Cross-Fans den 360-cm³-Zweitakt-Renner. Doch wer auch suchte, zumindest bei diesem KTM-Prototyp wurde er nicht fündig - die Umlenkhebelei des Federbeins fehlte schlicht und einfach. Statt dessen war das auf den ersten Blick herkömmlich ausschauende Öhlins-Federbein ohne Umschweife direkt an der Schwinge befestigt. Tags darauf gelang dem ehrgeizigen Salzburger mit dem neunten Rang im zweiten Lauf auf Anhieb die erfolgreiche Jungfernfahrt des neuen Systems - und die Bestätigung, daß in Zukunft leistungsfähige Hinterrad-Federungstechnik ohne aufwendiges Hebelwerk realisierbar scheint.Ein Blick zurück. 1978 war es, als die Ingenieure von Kawasaki mit dem Uni-trak-System die Lösung für einen der größten Schwachpunkte der damals konventionellen Hinterradfederungen gefunden hatten. Anstatt sich mit der weitgehend linearen Arbeitsweise zweier direkt an der Schwinge angebrachter Federbeine oder der Cantilever-Anordnung von Yamaha zu begnügen, ersannen die Kawa-Techniker neue Wege. Ein zentral eingebauter Monoshock wirkte nicht direkt, sondern über Umlenkhebel auf die Schwinge. Der Zweck der Unternehmung: Das Übersetzungsverhältnis zwischen Hinterrad und Monoshock verändert sich. Und dies mit zwei Konsequenzen: Erstens nimmt der Arbeitsweg am Federbein durch die Übersetzung gegen Ende des Federwegs immer schneller zu - die Federrate steigt progressiv an. Zweitens steigen durch die zunehmende Einfedergeschwindigkeit des Monoshocks auch die Dämpferkräfte überproportional. Oder anders ausgedrückt: Auf kleine Unebenheiten sprach das Federbein sensibel an, schlug aber bei harten Landungen dennoch nur selten durch. Die progressiv wirkende Hinterradfederung, die bis heute zum markenübergreifenden Standard im Off Road- und Straßenmaschinenbau gehört, war geboren. Und nun soll alles Gute und Bewährte plötzlich über Bord geworfen werden? Wenn es nach Öhlins-Techniker Magnus Eriksson - einem der geistigen Köpfe des nach der firmeninternen Bezeichnung progressive damping system benannten PDS-Federbeins - geht, schon: »Obwohl wir erst letzte Saison mit den eigentlichen Tests begannen, halten wir es inzwischen für serienreif«, weiß der erst 26jährige Ingenieur. Und außerdem: »Ein großer Vorteil der PDS-Bauart ist, daß wir die Progressionsrate am Dämpfer für jeden Bereich separat einstellen können und nicht auf eine von der Umlenkung vorgegebene Progressionskurve festgelegt sind.«Was aber gleichzeitig bedeutet, daß nun Feder und Dämpfer des direkt angelenkten PDS-Federbeins selbst progressiv arbeiten müssen. Bislang ein kaum mögliches Unterfangen. Öhlins teilt den Weg zu einer derzeit gängigen Übersetzungsrate einer Umlenkung von 3,4 im ausgefederten Zustand bis 1,5 zum Endanschlag in drei Schritte.Schritt eins: Durch das im Vergleich zum Monoshock mit Umlenkung um etwa 20 Grad schräger eingebaute PDS-Federelement sinkt die Übersetzung über den gesamten Federweg um etwa 0,6. Schritt zwei: Öhlins verwendet für das PDS-Federbein eine progressiv gewickelte Feder. Während Normalcrosser mit Federraten von etwa 50 Kilogramm pro Zentimeter arbeiten, warten die Nordländer in der PDS-Version mit stärkerem Tobak auf. Von anfänglich 75 kg/cm bis zu einem Spitzenwert von 120 kg/cm bei voller Kompression setzt die gelbe Spirale den derben Schlägen entgegen.Über Schritt drei, die progressiv wirkende Dämpfung, ohne deren Mithilfe die notwendige Gesamtprogression nie und nimmer erreichbar wäre, hüllt Magnus Eriksson den Mantel des Schweigens. Doch Szene-Kenner wissen, daß der blonde Nordländer zunächst nur in der eigenen Firmengeschichte blättern mußte. Bereits 1983 fertigte Öhlins für die damals noch mit zwei Federbeinen ausgerüsteten Husqvarna progressiv wirkende Dämpfer. Statt eines einzigen Dämpferkolbens verdrängten im sogenannten ITC-Teil deren zwei das Dämpferöl. Zu Beginn des Federwegs ermöglichte zunächst der erste Kolben mit relativ freiem Öldurchlaß eine komfortable Dämpfungsabstimmung. Im weiteren Verlauf tauchte der darüberliegende zweite Kolben in einen gesonderten, konisch zulaufenden Zylinder ein und bewirkte damit einen progressiven Dämpfungsverlauf. Trotz allem geriet das ITC-System durch einige Kinderkrankheiten und die rasante Verbreitung des Zentralfederbeins aufs Abstellgleis. Einen ähnlichen Aufbau vermuten Insider auch beim aktuellen PDS-System. Bis zur Hälfte der insgesamt 102 Millimeter Arbeitsweg des Monoshocks dämpft fast ausschließlich der erste Kolben, ab der zweiten Hälfte des Federwegs taucht Kolben Nummer zwei in sein Gehäuse.Daß das dreistufige Konzept in der Tat funktioniert, ist sich auch Rupert Walkner sicher. »Das Ansprechverhalten auf kleine Wellen ist viel besser als mit dem herkömmlichen System. In großen Wellen arbeitet die Federung wie eine herkömmliche Version«, zeigt sich der Profi vom PDS-Federbein überzeugt. Zu Recht. Unlängst erfocht der 25jährige PDS-gerüstet beim Heim-GP in Schwanenstadt den ersten WM-Sieg seiner Karriere.Zweifel ob der Haltbarkeit der Hinterradschwinge kann der Werkspilot trotz allledem nicht beseitigen. Denn schließlich muß die Alukonstruktion beim PDS-Federbein die bis zu 1500 Kilogramm starken Maximalkräfte allein aufnehmen, während ein Teil der Last bislang auch noch von der am Rahmen fixierten Hebelei aufgefangen wurde.Davon abgesehen, scheint es aber derzeit durchaus möglich, daß sich das PDS-System durchsetzen wird. Bereits 1998 sollen die KTM-Seriencrosser ohne Umlenkung hinter die Startmaschine rollen. Und dann bedarf es nur noch des Drucks der Buchhalter, die sich die verzwickte Hebelei, teure Lager und den aufwendigen Einbau auch in der Großserie liebend gern sparen, um dem PDS-System zum ganz großen Durchbruch sowohl abseits als auch auf der Straße zu verhelfen.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote