Neues Aprilia-Werk (Archivversion) Der Leo ist los

Die Vorbereitungen laufen: Mit einem neuen Werk und neuen Modellen wie dem Euro-Roller Leonardo bläst Aprilia zum Großangriff auf den Motorradmarkt.

Ende gut, alles gut: Fast hätte vor wenigen Jahren eine Möbelfabrik, in die Aprilia-Chef Ivano Beggio viel Geld investiert hatte, seine Motorradfirma in den Ruin getrieben. Heute zieht Aprilia aus dem Beinahe-Desaster sogar Nutzen: Wo einst mit Verlusten Schränke, Tische und Stühle gezimmert wurden, laufen seit Anfang des Jahres Roller und Fünfziger vom Band - natürlich mit Profit.Das neue Aprilia-Werk liegt in Scorzè, nur sechs Kilometer entfernt vom Firmensitz in Noale, 30 Kilometer westlich von Venedig. Und wie es sich für eine Firma gehört, die nach den Worten ihres Chefs im Jahr 2000 einer der europäischen Marktführer sein soll, läuft die Produktion auf Hochtouren. 1200 Zweiräder verlassen die beiden Hallen jeden Tag; zu Spitzenzeiten im Juli werden es sogar 1400 sein.Das jüngste Kind der Produktion in Scorzè heißt Leonardo, von Fans bereits liebevoll Leo genannt. Seit dem 17. April montiert Aprilia den sehnlich erwarteten 125-cm³-Viertakt-Roller. 100 Stück laufen derzeit täglich vom Band, in Kürze will man sich auf 150 steigern; allerdings wird der Leo, der erste Vierventil-Roller der Welt, im wöchentlichen Wechsel mit dem Gulliver produziert.Die »großen” Motorräder, also etwa Pegaso, Motó 6.5 und auch die BMW-Enduro F 650 montiert Aprilia derzeit noch in Noale. Nach und nach soll sie jedoch ebenfalls nach Scorzè verlagert werden. Dort laufen derzeit sieben Produktionsbänder, an denen rund 400 Leute arbeiten, darunter erstaunlich viele junge Frauen. »Wir haben festgestellt”, verrät Aprilia-Pressesprecherin Roberta da Ros augenzwinkernd, »daß die Frauen meist besser arbeiten als ihre männlichen Kollegen, nämlich präziser und vor allem beständiger.”Aprilia ist ein reiner Monategebetrieb; alle Teile werden zugeliefert. Rund 100 Lastwagen steuern das Werk täglich über dichtbefahrene Landstraßen von Venedig oder Padua aus an. Die Firma, die erst seit 1968 motorisierte Zweiräder -vorher waren es Fahrräder - produziert, war und ist die erste und einzige, die den Motorradbau konsequent auf diese Art betreibt. Ideen, Vorgaben und Zeichnungen kommen von der Aprilia-Entwicklungsabteilung, in der inzwischen 250 Leute arbeiten; die Ausführung jedoch liegt bei externen Unternehmern, Aprilia übernimmt lediglich die Montage. Von diesem System verspricht man sich größere Flexibilität und im Endeffekt auch höhere Qualität – der Erfolg scheint Aprilia recht zu geben. Einzige Ausnahme in diesem System ist eine Lackiererei in Perugia mit rund 200 Angestellten, die Aprilia vor kurzem selbst übernommen hat. Die Stimmung in den beiden riesigen Hallen in Scorzè ist gut; das mag auch daran liegen, daß sich die Firmenleitung bemüht, jedem Mitarbeiter Verantwortung zu übertragen. Das oberste Gebot heißt Qualität, und das verlangt natürlich ständige Kontrolle. Nach einem ausgeklügelten System wird zunächst die Ware der Zulieferer geprüft. Am Band hat dann jeder Arbeiter einen Kontrollzettel, anhand dessen er abhakt, ob bislang mit dem Zweirad, das gerade vor ihm steht, alles in Ordnung ist. Wenn nicht, vermerkt er es entweder oder ruft in gravierenden Fällen einen der beiden Band-Meister per Lichtsignal herbei. Hilfreich ist dabei auch, daß sich das Band nicht stur weiterbewegt. Da jedes Motorrad auf einem eigenen, beweglichen Podest unterwegs ist, kann jeder Arbeiter in gewissem Rahmen selbst entscheiden, in welchem Rhythmus er arbeitet.Am Ende der Produktionskette steht die Abnahme: Motor, Elektrik, Fahrwerk, Lackierung – alles wird noch mal überprüft. Beim kleinsten Fehler kommt das Motorrad zur Nachjustage auf eine Werkbank; hilft auch das nichts, wird es ausgemustert. Jeden Abend schnappen sich die Oberkontrolleure von jedem Band ein Zweirad, nehmen es auseinander und prüfen es auf Herz und Nieren; alles, was ihren Ansprüchen nicht genügt, wird mit Klebepfeilen markiert. Für alle sichtbar steht dieses Zweirad am nächsten Tag in der Montagehalle. Zudem erläutert ein Aushang die markierten Fehler, meist Mini-Defekte, die der Kunde gar nicht bemerken würde. Ein strenges System, doch Aprilia-Chef Ivano Beggio und seine Mitarbeiter sind davon überzeugt, daß sie den europäischen Markt nur mit hoher Qualität erobern können. Der Leonardo ist ein erster Schritt, denn der Euro-Roller wird in ganz Europa mit den gleichen Spezifikationen ausgeliefert. Im Herbst will Aprilia auf der IFMA in Köln dann das Zweizylinder-Superbike mit 1000 cm³ vorstellen. Und dann soll es kein Halten mehr geben: Sportler, Tourer, Chopper – was auch immer der Markt verlangt, Aprilia will es anbieten. Und die Zahlen, die die rührigen Norditaliener bislang vorzuweisen haben, sprechen für die Firmenstrategie: 1995 wurden 170 000 Zweiräder produziert und ein Umsatz von rund 550 Millionen Mark erzielt, Tendenz steigend. Hatte die Firma 1968 gerade mal 18 Angestellte, sind es heute 1200. Das brachte Ivano Beggio in einem Land, wo Arbeitsplätze genauso knapp sind wie in Deutschland, sogar den Vorsitz des Arbeitgeberverbandes der Region Venetien.

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