Neues Konzept: Straßen-EM (Archivversion) Der große Bruder

Bis zu 16 Jahre älter als seine Gegner war Ex-Weltmeister Jorge Martínez beim EM-Auftakt in Jerez. Auch die EM selbst ist erwachsener geworden.

Bisher eher ungeliebt, hat das Kind jetzt auf einmal einen großen Namen. »European Open«. In anderen Sportarten stecken hinter dieser Bezeichnung oft Veranstaltungen, die, was Qualität und Bedeutung angeht, einzigartig sind.Hinter der Fassade der European Open im Motorrad-Straßenrennsport ist zunächst nicht mehr als die alte EM zu erdecken, wenn auch aufgepeppt mit einigen Zutaten aus der nach drei mehr oder weniger erfolgreichen Jahren verschiedenen internationalen spanischen Meisterschaft »Open Ducados«, die Ende 1995 ihren Hauptsponsor verloren hat.Die für Open Ducados zuständige spanische Agentur »RPM Exclusivas« mußte sich sich also etwas einfallen lassen, um ihre Serie in der durchaus löblichen Professionalität zu erhalten. »Wir haben uns mit dem Weltverband FIM, der GP-Agentur Dorna sowie Superbike-WM-Promotor Flammini zusammengesetzt«, erklärte RPM-Boß Jaime Alguersuari, »und beschlossen, die EM endlich auf das Niveau zu bringen, das ihr gebührt.«Dabei fiel der RPM-Truppe die Übertragung ihrer Open Ducados-Strukturen auf die neue European Open für die Klassen 125, 250 cm³ und Superbike nicht schwer. Vier der acht EM-Rennen finden in Spanien statt, in Jerez, Cartagena, Albacete und das Finale in Montmeló bei Barcelona. Weitere Rennen laufen im portugiesischen Braga, in Misano/I, Most/CZ und Magny Cours/F. »Durch das Übergewicht spanischer Rennen fällt es uns die erfolgreiche Vermarktung der European Open natürlich wesentlich leichter«, ergänzt Alguersuaris Vize Manuel Soler, »wir arbeiten mit einer spanischen Fernsehproduktionsgesellschaft zusammen. In Spanien werden die Rennen live übertragen, zeitversetzt in anderen Ländern sowie in Eurosport. Ab 1997 sollen die Veranstaltungen gleichmäßiger über ganz Europa verteilt werden, mit maximal zwei Rennen in einem Land.«Die Reisenstrapazen für mittel- und nordeuropäische Teams sollen so künftig relativiert werden. Wobei die finanzielle Belastung durch das neue Preisgeldschema gemildert wird. Die 250er und Superbike-Sieger erhalten umgerechnet jeweils rund 4300 Mark, der 125er Sieger 3300 Mark. 240 Mark bei den125ern sowie 290 Mark in den beiden größeren Klassen sind garantiertes Startgeld. Das ist zwar weniger als in den Glanzzeiten der Open Ducados, liegt aber immer noch erheblich über den bisher gültigen EM-Tarifen.Auch auf der sportlichen Seite war bei der European Open-Premiere Ende Februar auf dem spanischen GP-Kurs in Jerez eine deutliche Qualitätssteigerung gegenüber der alten EM zu bemerken. Was allerdings vor allem am Zeitpunkt vor der neuen GP-Saison liegen dürfte - und nicht überall positiv aufgenommen wurde.Grand Prix-Stars wie der vierfache Weltmeister Jorge Martínez »Aspar« wie auch GP-Nachwuchscracks von Schlage eines Jaroslav Hules und Valentino Rossi bei den 125ern, Europameister Luca Boscoscuro, das 17jährige argentinische Jung-Genie Sebastino Porco oder Davide Bulega bei den 250ern sowie die berühmt-berüchtigten Brüder Eustiaqio und Idalio Gavira, neuerdings im Rumi-Honda-Superbike-WM-Team unterwegs, sehen das EM-Rennen als willkommene Ernstfall-Tests. Sie wurden außerdem von RPM Exclusivas auch als TV-Zugpferde für die neue Serie verpflichtet.Genau das stört einige der Regelstarter, zum Beispiel Dieter Theis, den Manager des deutschen Jung-Talents Alexander Hofmann: »Aspar und die anderen GP-Fahrer nehmen hier und in Cartagena den anderen Geld und Punkte weg. Das verfälscht die EM. Es ist okay, daß fürs Fernsehen ein paar Stars mitfahren, aber bitte außer Konkurrenz.«Theis’ Schützling Hofmann gehörte schließlich nicht zu den Leidtragenden der davonbrausenden Stars - leider. Schon in der sechsten Runde des 125er Rennens mußte er mit funktionsloser Bremse aufgeben und sich den unwiderstehlichen Durchmarsch von Aspar und seiner neuen Aprilia von außen anschauen. Martínez blieb am Start fast stehen und nahm das Rennen mit einer halben Runde Verspätung auf. Früh genug, um mit fünf Sekunden Vorsprung auf Hules und den lange Zeit führenden Rossi zu gewinnen. »Denkt bloß nicht, daß ich den Start absichtlich verbockt habe«, grinste der 33jährige, der der Onkel der meisten seiner Gegner sein könnte. »Nein, nein«, korrigiert er sofort, »lieber der große Bruder.«Aspar hatte an diesem Tag auch eine kleine Schwester. Die Junior-Cup-Aufsteigerin Katja Gaßmann qualifizierte sich als 28. von 56 angetretenen Achtelrittern, fuhr im Rennen - ihrem ersten überhaupt auf einer echten Rennmaschine - auf den 21. Platz und eroberte ganz nebenbei die Herzen der spanischen Fans und Pressevertreter im Sturm. Was den Erfolg ihres Junior-Cup-Kollegen Steve Jenkner etwas in Schatten stellte. Auch der Sachse fuhr mit seiner Aprilia sein erstes A/I-Lizenz-Rennen und holte als 13. und bester Deutscher sogar drei EM-Punkte.Die Rennen der 250er und Superbikes gerieten zu Prozessionen. Boscoscuro vor Porco und Bulega hießen die Sieger bei den Viertellitern und Eustacqio vor Idalio Gavira und Marco Burnelli bei den 750er Viertaktern.Gegenüber trostlosen EM-Tagen ist die European Open sicher ein Schritt nach vorn. Nur die Open Ducados-Tradition des äußerst lässig gehandhabten Production Racer-Reglements sollte nicht vererbt werden. Denn in Jerez konnten genaue Beobachter schon extrem aufgerüstete »käufliche« Bikes sehen.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote