Neues Motorradbuch (Archivversion) Vom Motorrad lernen ...

... heißt für das Leben lernen, meint die Amerikanerin Melissa Pierson in ihrem famosen Buch »Über die Leidenschaft, ein Motorrad zu fahren«. Einer Melange aus Autobiographie, Essai und Dokumentation.

Wie kommt Frau aufs Motorrad? Wie das Leben eben so spielt, meistens durch »nen Typen. »Nennen wir ihn Tad und mich bereit.« Melissa liebte Tad, Tad liebte Melissa, aber Tad stand auch auf diese netten kleinen Italienerinnen, 350er Desmos, am liebsten in Schwarz; und wo immer er in New York eins der Dinger abstellte, »beantwortete Tad die Fragen über sein seltenes, altes Motorrad, während ich still in den Bürgersteig versank. Das ist das Schicksal einer Frau ohne Motorrad in Begleitung eines Mannes, der eins besitzt ...« Da nun aber, so eine der wahrlich nicht zu widerlegenden Weisheiten der Autorin, »nichts bleibt, wie es ist«, sitzt Melissa alsbald flennend ohne Tad, doch mit einer 500er V2-Moto Guzzi da. Doch die bringt sie dann wieder auf Touren. Weil ihr das Motorrad als Vehikel dient, gegen die ach so normalen Neurosen und Ängste einer wohlerzogenen jungen Dame aus gutbürgerlichen Verhältnissen anzufahren. Ein Rennen, das nie abgewunken wird, mit jeder Auffahrt neu beginnt. Die Pierson begreift die Maschine als »Erweiterung des eigenen Ichs«, und wenn sie an ihm herumschraubt - Meister Robert M. Pirsig, der unvermeidliche Zen-Kradist, läßt mal wieder schmerzlich grüßen - »werkele ich also an Schrauben in mir selbst herum«. Aber Pierson beläßt es nicht beim Bike als mobilem Therapeutikum, analysiert in den essaihaften Passagen ihres selbst dann immer noch schwer autobiographischen Buches fast alle Facetten des Motorrads, seiner Freuden und - für sie damit untrennbar verbunden - seiner Gefahren. Auch wenn so manchem Kapitel anzumerken ist, daß Melissa Pierson es bereits vorab veröffentlicht hat, zerfällt das Buch nicht in seine mitunter stilistisch doch sehr disparaten Teile. Obwohl da die schwärmerische Hommage an die internationale Solidargemeinschaft der Guzzisten und eine nüchterne Analyse der neuesten Erkenntnisse der Unfallforschung nonchalant nebeneinander stehen. Das paßt alles prima zusammen, weil das Hauptthema des Buchs, das Motorrad als Verlängerung und Spiegelbild des Ichs, fast jede Zeile prägt. »Es bietet dir eine Befriedigung, wie du sie im Leben sonst nie erfährst, denn so krank dieser Ersatzkörper auch werden kann, so leicht läßt er sich immer wieder reparieren.« Doch Pierson weiß natürlich nur zu genau, daß es mit dieser Seelenklempnerei nicht getan und das Leben doch noch ein kleines bißchen komplizierter ist als die robuste und vergleichsweise simple Mechanik einer Lario. »Motorrad und Angst gehören seit zehn Jahren (als Tad sich von mit getrennt hatte) zusammen ... Auf einem Bike, dachte ich, fahre ich auf eine vermeintlich furchterregende Zukunft zu, benutze dafür jedoch ein Mittel, das für mich nicht mit den geringsten Ängsten verbunden ist. Welch ein Wahnsinn!« Was für ein wahnsinniges Buch.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote