Freestyle-MX-WM im Rahmen der Intermot 2010 Night of the Jumps in Köln

Mehr als 10000 Zuschauer wollten in Köln die Tricks der besten Motorrad-Springreiter sehen. Die junge Weltmeisterschaft der Zweirad-Flugakrobaten sucht noch ihre Identität zwischen den Extremen Freak-Show und Sport-Ereignis.

Foto: Wolf

"Remiiiiiiiiii Bizouuuuuuuuard" - im Stil eines Box-Eventsprechers präsentiert Sven Schreiber dem Publikum in der Köln-Arena seinen nächsten Star. Ohrenbetäubendes Tröten aus tausenden Presslufthupen, die im Foyer der Arena reißenden Absatz gefunden hatten, übertönt den Yamaha-Zweitakter, auf dem der Freestyle-Motocross-Weltmeister 2008 und 2009 in die Manege fährt. Der Franzose gibt in Köln nach halbjähriger Verletzungspause sein Comeback. Wie seine zehn Konkurrenten hat er jetzt 80 Sekunden Zeit, sein Motorrad über möglichst jede der sechs verschiedenen Absprungrampen in die Luft zu schleudern, während des Flugs ein paar Freiübungen zu absolvieren, um dann auf einem der beiden Landehügel möglichst sicher wieder festen Boden unter die Räder zu bekommen. Anschließend der Double-up, der Finalsprung, der doppelt gezählt wird, dann muss die fünfköpfige Jury überzeugt sein und genügend Punkte vergeben, damit es für den Einzug ins Finale der besten Sechs reicht.

Bizouard macht seine Sache gut, wird hinter dem Spanier José Miralles und seinem Landsmann Brice Izzo Dritter der Qualifikation. Von den drei deutschen Fliegern schafft es nur Fabian Bauersachs ins Finale. Lukas Weis und Hannes Ackermann müssen sich mit den letzten Plätzen begnügen. Bauersachs hat Glück: Weil der 20-jährige Franzose David Rinaldo bei seinem ersten Start in einem WM-Finale patzt und stürzt, rutscht der Deutsche eine Position vor und wird Fünfter. Der Tagessieg geht an Brice Izzo, Miralles und Bizouard belegen punktgleich die Plätze zwei und drei.Warum? Das können die mehr als 10000 Zuschauer in der Halle nur erahnen. Die Jury werkelt unsichtbar im Dunkel der Mehrzweckhalle. Zwar wird ihre Punktewertung auf dem Videowürfel an der Decke eingeblendet, ist aber weder gut lesbar noch verständlich.

Das System gleicht demjenigen beim Skispringen. Doch während es dem Beobachter bei der Wintersportart recht schnell gelingt, die vergebene Punktzahl mit der Ästhetik des Flugs, der gelungenen Telemark-Landung und der gesprungenen Weite in Relation zu setzen, bleibt das Publikum beim Freestyle-Motocross eher ratlos. "Rocksolid", "Cliffhanger", "Deathbody", "Seatgrabber", "Tsunami Flip", "Double Heartattack" oder auch "Sidesattle Take-off Backflip to Sidesattle Landing" heißen die Figuren der Motorrad-Kunstflieger. Aber was sich hinter den Namen verbirgt, welcher Schwierigkeitsgrad in den einzelnen Nummern steckt oder ob es die meisten Punkte für den Stunt mit dem längsten Namen gibt, können die Besucher während der oft nur zwei Sekunden dauernden Luftfahrt kaum herausfinden. Die ein bis zwei Show-Minuten jedes Fahrers reichen auch nicht für eine verbale Erklärung der Feinheiten. Dass die Lautsprecheranlage ihrem Namen zwar gerecht wird, die Kommentare von Stadionsprecher Sven Schreiber nur laut, aber kaum verständlich macht, ist auch nicht hilfreich.

Schade, denn der Mann weiß alles über die Freestyle-MX-Events, die seit 2001 unter dem Titel "Night of the Jumps" von der Berliner Firma IFMXF organisiert werden. Schreiber ist eigentlich Moderator bei Live-Sportveranstaltungen und hat sich früher selbst als Freestyler betätigt. Bei der IFMXF-Serie war er Mann der ersten Stunde, ist inzwischen Mädchen für alles, moderiert die Show, baut die Strecke auf, für die in Köln zwölf Trucks mit Equipment anreisten und 70 Lkw-Ladungen Erde in die Halle gekarrt wurden. Seit 2006, als die internationale Motorradsport-Föderation FIM die IFMXF-Tournee mit dem Prädikat Weltmeisterschaft adelte, ist er für die Parcours von Berlin bis Fortaleza in Brasilien verantwortlich und kümmert sich nebenbei noch um die Gestaltung des Rahmenprogramms. In Köln waren das unter anderem der Rückwärtssalto des erst zwölfjährigen Luc Ackermann - eine Weltpremiere in der Altersklasse - sowie der Salto, den der Norweger Jostein Stenberg mit einem 250 Kilogramm schweren Snowmobil vorführte.

Einzigartige Action, die von den Fans sofort als solche erkannt und entsprechend bejubelt wurde. Wie die Backflips, die Rückwärtssaltos der FMX-Akteure, die anders als "Cliffhanger", "Deathbody" und Co. keiner Erklärung bedurften und von jedem Piloten in unterschiedlichsten Variationen gezeigt wurden. "Wir sind weg vom Freak-Show-Image und auf den Sportseiten gelandet", freut sich IFMXF-Chef Mark Manthey über seine Weltmeisterschaft. Den meisten Zuschauern dürfte das egal gewesen sein. Die hatten Spaß an den Verrückten auf ihren fliegenden Kisten - zu viel sportliche Seriosität wäre da wohl fehl am Platz.

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