November-Enduro in Zschopau (Archivversion) Herbst-Sturm

In Sachsens ehemaliger Enduro-Metropole bläst ein frischer Wind. Das Zschopauer November-Enduro gehört jetzt schon zum Besten seiner Gattung.

Schweden besitzt längst das Gotland Enduro, Frankreich das berüchtigte Gilles-Lalay-Classic, Italien die traditionsbeladene Valli Bergamasche, Österreich das spektakuläre Erzberg-Rodeo, nur Deutschland bot bislang nicht allzuviel, was Enduro-Freaks des Schwärmens wert gewesen wäre. Denn über die ehemaligen Schätze des hiesigen Endurosports, wie die Mannschafts-WM in Garmisch-Partenkirchen oder die Sixdays in Neunkirchen, hat sich mittlerweile das Laub vieler Jahre gelegt. Vergessen, vergangen und ein für allemal vorbei. Nur auf den allerheiligsten Bergen der Enduro-Zunft rund um das sächsische Städtchen Zschopau schürften die Off Road-Freaks unermüdlich nach ihrer Vergangenheit. Denn mehr als 100000 Fans waren es, die noch 1990 kurz nach der Wende beim finalen Aufbäumen des Endurosports im Erzgebirge - damals immerhin einem WM-Lauf - der Stollenzunft ihr vorläufig letztes Geleit gaben. Sechs Jahre später brauchte es die vereinte Schaffens- und Überzeugungskraft der Veranstalter-Gemeinschaft von sieben Enduro-Clubs, um den verloren geglaubten Schatz wiederzuentdecken - das November-Enduro Zschopau war geboren.Und weil der Ruf wie Donnerhall durch die Gelände-Szene schallte, kam das Stollen-Volk nach dem Premierenjahr wieder. Gewiß, der gigantische Zuschauer-Aufmarsch aus DDR-Zeiten konnte nicht wiederholt werden. Doch immerhin 22000 Fans pilgerten diesmal am ersten November-Wochenende nach Zschopau - so schätzt jedenfalls Heribert Magg, die treibende Kraft der Veranstaltung, sinnigerweise ein Bayer aus Ingolstadt, den es als Chef der örtlichen Sparkasse ins frostige Hügelland südlich von Chemnitz verschlagen hat. Tatsächlich gelang es dem agilen Heribert samt seinen 160 Helfern, die für ihren 70-Kilometer-Rundkurs mit einem Off Road-Anteil von sensationellen 85 Prozent in unendlicher Kleinarbeit 160 Genehmigungen von über 70 Landbesitzern einholen mußten, die glorreiche Vergangenheit ein weiteres Mal wiederaufleben zu lassen. Geschichtsträchtig allein der Start. Wie dereinst vor den Werkstoren der ehemaligen Vorzeigemarke des sozialistischen Motorradbaus starteten die Cracks auch jetzt vom Epizentrum der sächsischen Zweiradproduktion. Nur der Ort und die Farbe hatten gewechselt. Statt dem grau-braunem MZ-Hochbau in einem schattigen Seitental Zschopaus bildet mittlerweile das auffällige Grün-Weiß der MuZ-Produktionshalle auf der sonnigen Hochebene des nahegelegenen Hohndorf die Kulisse. Genauso eindrücklich übrigens wie die Sonderprüfung am städtischen Skihang oder die Zielankunft auf dem Marktplatz Zschopaus. Nicht nur von der gelungenen Verbindung von Historie und Moderne, sondern auch durch eine lange Freundschaft zum designierten Off Road-Helden von Zschopau, dem ehemaligen MZ-Werksfahrer Harald Sturm (siehe Kasten Seite ???), fühlten sich zwei ganz Große der Enduro-Szene ins Erzgebirge gezogen - Dreifach-Weltmeister Giovanni Sala und der aktuelle WM-Fünfte Stefano Passeri. »Nur weil Harald uns gebeten hat, zu kommen, sind wir hier«, erklärte der winzige Passeri seine Anwesenheit lapidar. Was ihn in sportlicher Hinsicht zumindest nicht allzu freundschaftlich mit den Landsleuten seines Spezis umgehen ließ. Problemlos holte sich der Mann aus der Nähe von Brescia wie schon im letzten Jahr den Gesamtsieg, weltmeisterlich unterstützt von Kumpel Giovanni auf Gesamtrang zwei. Was letztlich aber nicht einmal die versammelte Konkurrenz der deutschen Off Road-Hockaräter störte - trotz des mentalen Drucks, daß es sich um den Endlauf zur Enduro-DM handelte. Denn was in den Bergen und Tälern um Zschopau zählte, war die begeisterte und freundschaftliche Stimmung, die den in dieser Beziehung wahrlich nicht verwöhnten Enduristen noch nie so deutlich entgegengeschlagen war wie in der sächsischen Enduro-Hochburg. Daß diese Region auch künftig allerbeste Chancen haben wird, zur Enduro-Domäne Deutschlands schlechthin zu avancieren, dürfte auch dem riesigen Fundus junger Nachwuchspiloten aus diesem Raum zu verdanken sein. Während in der übrigen Republik schnelle Nachwuchs-Enduristen Seltenheitswert haben, stammte gut und gern die Hälfte der 250 Teilnehmer des November-Enduros aus einem Umkreis von 50 Kilometern um Zschopau. Und kaum einer war älter als der 22jährige Marko Barthel aus dem benachbarten Flöha - und der holte sich just in Zschopau seinen allerersten deutschen Meistertitel.

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