November-Kasan in Schweden (Archivversion) Feuer und Eis

Schlimmer wird´s niemals kommen. Der November-Kasan in Schweden gilt als das härteste Enduro der Welt – zu Recht.

Sie sprechen nicht viel, die Jungs mit den meist kurz geschorenen blonden Haaren und Nachnamen, die fast alle mit dem typischen -son enden. Normalerweise nicht und jetzt erst recht nicht. Gerade mal 130 sind es, die sich dem November-Kasan stellen. Zwei Wochen zuvor beim Gotland Grand National, dem größten Enduro-Event in Schweden, waren es noch gut zwanzigmal so viel. Doch der Kasan, wie sie ihn alle kurz nennen, ist nichts für Normalsterbliche. Der Kasan trennt nicht gut von schlecht, nicht schnell von langsam, nicht schwach von stark. Er trennt die Menschen von den Übermenschen. Und das seit 79 Jahren. Frühestens alle zehn Jahre kehrt er auf ein Terrain zurück, auf dem er schon mal ausgetragen wurde. Immer mit demselben Anspruch: die schwerste Enduro-Veranstaltung der Welt zu sein. Nur das Gilles-Lalay-Classic in Frankreich, das mittlerweile allerdings nicht mehr ausgetragen wird, konnte es mit der Höllentour in den schwedischen Wäldern noch aufnehmen. Aus gutem Grund. Als ob vierzehn Stunden auf dem Motorrad nicht schon Plackerei genug wären, zwingt er fast jeden in die Knie, der typisch skandinavische Offroad-Dreiklang: Steine, Wurzeln, Schlammlöcher. Allein die Felsen zermartern die Kondition. Kein Meter, auf dem nicht einer dieser glitschigen Brocken aus dem Sand ragt und die Räder bösartig aus der Spur schlägt. Oft sind es ganze Geröllfelder, die Fußgelenke und Motorgehäuse zu zerschlagen drohen. Und nie sind sich die Cracks sicher, ob in den Rinnen zwischen den Steinen nicht der Sumpf lauert. Trügerisch mit Moos überwachsen, kann der braune Schlabber ohne Vorwarnung das Vorderrad verschlucken. Selbst die sieben Millimeter langen Spikes auf den Stollen der Motocross-Reifen nützen dann nichts mehr. Obwohl keiner ohne antritt. Hunderte von Metallstiften pro Reifen krallen sich ins Eis und – was oft noch viel wichtiger ist – ins weiche Holz der vielen Baumwurzeln und Behelfsbrücken. Und dann die Nacht. Die lange Nacht. Denn nur auf der ersten Runde zwischen neun und 14 Uhr beleuchtet die tief stehende skandinavische Wintersonne das Geschlängel zwischen den Bäumen. Ab 17 Uhr, dem Start für die beiden finalen Runden bis ins Ziel um zwei Uhr morgens, sorgt jeder selbst für seine Erleuchtung. Starke Lichtmaschinen speisen riesige Halogenscheinwerfer, eine Batterie in der Gürteltasche füttert einen Kranz gleißend heller Xenon-Scheinwerfer auf dem Helm. Nach kaum einer Stunde muss der leergesaugte Akku gewechselt werden.Genau wie die Kleider. »Nasse Klamotten ziehen dir das letzte bisschen Wärme aus dem Körper«, weiß Martin Lind und hat zwölf Satz Offroad-Bekleidung in seinem Service-Transporter aufgestapelt. Der Husaberg-Werkspilot spricht aus Erfahrung. Achtmal hat der Schwede den Teufelsritt bereits durchgestanden. Und dieses Jahr will er ganz vorn sein. Weil ein Sieg beim Kasan in Schweden mehr zählt als ein Enduro-WM-Titel. Und weil die diesjährige Auflage direkt vor der Haustür seines Arbeitgebers Husaberg am nördlichen Ende des Vätternsees stattfindet. Deshalb brennt nicht nur er wie besessenen durch die Wälder. Herkömmliche Sonderprüfungen gibt´s nicht. 19 Etappen, 350 Kilometer, von A nach B, durchs dickste Dickicht, zwischen kaum lenkerbreit auseinander stehenden Bäumen hindurch. Die Stoppuhr tickt immer. Zeit zum Luftholen bleibt nicht mal an den Service-Stationen. Tanken, Batterie wechseln, in trockene Kleider schlüpfen - während Freundin Jenny ihm hektisch selbst gebackene Pfannkuchen in den Mund schiebt. Doch die Nacht hat nicht nur Nachteile. Sie macht auch manches leichter. Erst dann kommen die meisten der 25 000 Zuschauer. Die wissen, wo die Schlammlöcher am tiefsten und die Felsen am schroffsten sind. Die ganz eigentümliche Symbiose beginnt zu funktionieren. Denn die Cracks merken schnell: Wo sich die Fans häufen, wird´s ernst. Außerdem wissen sie: Dort wo die Fans stehen, trägt der Boden. Deshalb steuern sie rein – genau in die Menge. Und die teilt sich wie die Bugwelle vor einem Schiff. Absolut kalkulierbar. Träumer scheint es auch unter den Fans keine zu geben. Je tiefer der Boden, desto radikaler wird die Spurensuche. Zum Schluss schrecken die Jungs vor nichts mehr zurück. Nicht einmal vor den vielen Lagerfeuern. Der trockene Boden unter der Glut wird für die erschöpften Kämpfer oft zur letzten Rettung beim verzweifelten Versuch voranzukommen.Selbst für Martin. Sogar dem austrainierten Hünen schwinden die Kräfte. Obwohl er den Kasan mit Köpfchen gewinnen wollte. Er war den Ritt lässig angegangen, um die Kondition zu schonen und dann in der Nacht zuzuschlagen. Dann, wenn sie alle in den Seilen hängen. Doch er hätte es wissen müssen: Von denen, die sich dem Kasan stellen, lässt keiner locker. Und nun muss er selbst nachgeben. Sein Rhythmus ist zu schnell. Zweimal muss er sich auf der Etappe vor Erschöpfung übergeben. Ein paar Kollegen kann er noch einholen, doch auf Platz drei beißt er sich fest.Keine Schande. An der Spitze liegt Anders Eriksson, mit fünf WM-Titeln ein Star der internationalen Enduroszene. Und der weiß, was auf dem Spiel steht. Sogar das Svenska Dagblad, eine der renommiertesten schwedischen Tageszeitungen, wird am nächsten Tag eine Doppelseite über den Kasan veröffentlichen. Sie werden schreiben, dass es nur 33 der 130 Jungs bis ins Ziel geschafft haben, dass er härter war denn je und dass er sie wieder mal getrennt hat, die Menschen von den Übermenschen.

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