November-Kåsan in Schweden (Archivversion)

Miles & Moor

116 Skandinavier und ein Deutscher trafen sich zu einer 270 Kilometer langen Schinderei über glibbrige Steine und durch grundlosen Morast.

Eriksson, Carlsson, Toresson, Hermansson, Georgsson – wer sich zum Favoritenkreis für die endlose Schlammschlacht zählen will, muss bestimmte Voraussetzungen erfülllen: Hilfreich ist es anscheinend, wenn der Name auf -sson endet, auf jeden Fall aber sollte man Schwede sein, blond, wortkarg und kräftig gebaut - und die heimischen Wälder wie seine Westentasche kennen. So wie die genannten -ssons, die sich auf unzähligen Kilometern einen siebten Sinn für tückische Sümpfe, tiefe Spurrillen und glatte Steine erarbeiteten. Zwischen die Nordmänner hat sich beim diesjährigen November-Kåsan mit der Startnummer 17 ein Exot verirrt: Stefan Müller/Tyskland. Was will der hier?Der Allgäuer hatte sich bei der knallharten MOTORRAD-Qualifikation (siehe Heft 22/2002) durchgesetzt, somit den im Frühjahr ausgelobten Startplatz als »Husaberg-Werksfahrer für einen Tag und eine Nacht« ergattert. Als lupenreiner Amateur und Kasan-Novize kämpft Stefan Müller jedoch nicht um den Sieg, das Ziel lautet schlicht: durchhalten. Nicht einfach, denn der November-Kåsan ist eine der härtesten Enduro-Veranstaltungen der Welt, den Kampf gegen Schlamm, Steine und Wurzeln sowie die unerbittliche Kälte überstehen nur die Allerhärtesten. In diesem Jahr sah jedoch alles zunächst viel leichter aus, da der Club von Göteborg Veranstalter war, das Rennen also im milden Süden Schwedens stattfand. Kein Schnee, kein Eis, nicht einmal Regen, sondern geradezu wohlige Temperaturen bis acht Grad. Das Rennen gliedert sich in zwei Teile. Bei Tag wird die erste Runde, etwa 90 Kilometer, gefahren, quasi das Vorgeplänkel. Der Start erfolgt mit je drei Fahrern in Minutenabstand. Fast die gesamte Strecke ist Sonderprüfung, die Uhr läuft von der ersten Sekunde erbarmungslos. Nur die wenigen Servicepunkte sind neutralisiert. Dort wird das geschundene Material zusammengeflickt, der Fahrer notdürftig aufgepeppelt. Ab sieben Uhr abends starten die Überlebenden zum zweiten Teil, auf den zwei Runden in der Nacht fällt die Entscheidung.Stefan ist kurz nach zehn Uhr mit seiner niedrigen Startnummer einer der ersten auf der Strecke. Und er schlägt sich tapfer, beginnt vorsichtig. Die Siegaspiranten dürfen sich schon am Tag keinen Rückstand einfangen, da wird gnadenlos Tempo gebolzt. Was zu Un- und Ausfällen führt: Anders Eriksson, sechsfacher Enduro-Weltmeister und Vorjahres-Sieger, ruiniert die Kettenführung seiner Husky an den heimtückisch im Schlamm lauernden Felsen, so dass die ständig abspringende Kette ein Loch ins Motorgehäuse schlägt. Technische Probleme an seiner WR 250 F werfen auch Peter Bergvall, aktueller Enduro-Weltmeister der kleinen Viertaktklasse, zurück. Mats Nilsson, WM-Crosser und jüngst Sieger des Gotland Grand National, baut einen spektakulären Highspeed-Crash und scheidet an Leib und Seele schwer erschüttert aus. Vorn liegt am Ende der Tagesetappe Björne Carlsson, Enduro-Weltmeister 1998, natürlich blond und bärenstark. Aber nur läppische Sekunden dahinter lauern der Lokalmatador Jonas Hermannson und der Vorjahreszweite Fredrik Georgsson. Stefan Müller hat die erste Runde heil überstanden, liegt gar auf dem 24. Rang. Euphorie kommt auf: »Alles easy, nachts brauche ich höchstens eine halbe Stunde mehr pro Runde.« Dann der Start zur Nachtetappe, 77 Fahrer sind noch im Rennen. Die Menschen pilgern in die Wälder zu markierten Stellen, wo sich die Fahrer eine Extra-Fangopackung abholen dürfen. Oft eine Stunde warten die Zuschauer in stoischer Ruhe auf die Piloten. Kein Alkohol, keine Gegröhle, die Schweden stehen einfach stumm neben lodernden Feuern im Wald. Dann endlich der erste Fahrer, Georgsson mit der niedrigen Startnummer 15. Das gleissende Licht seiner Scheinwerfer-Batterie erhellt kurz den Wald. Er paddelt seine 125er durch die Sumpflandschaft. »Joo, Joo.« Anerkennendes Gegrummel aus dem dunklen Tann. Dann wieder zwanzig Minuten Ruhe. Es folgen kurz hintereinander Toresson, Hermannsson und Carlsson. Die Top-Fahrer suchen nicht lange nach sicheren Umwegen, keine Zeit. Mitten durch lautet die Devise, im hohen Gang mit niedriger Drehzahl und viel Körpereinsatz. Schon nach der Hälfte der ersten Nachtrunde sind die Abstände riesig, höchstens fünfzig Fahrer kommen überhaupt hier durch. Darunter auch Stefan. Er fährt intelligent und kraftschonend, sucht nach guten Spuren. Aber das dauert, und häufig bleibt er trotzdem stecken. Wasserfeste Zuschauer zerren ihn aus dem Sumpf. Für die erste Runde braucht der Neuling fast fünf Stunden, die Spitze schafft es in der Hälfte der Zeit, kaum langsamer als am Tag. Immerhin, am Ende der ersten Nachtrunde ist Stefan einer von 32 verbliebenen Fahrern. Aber ist er noch in der Karenzzeit? Keiner weiß es, also nimmt er die letzte Runde in Angriff. Die Favoriten sind da schon in der entscheidenden Phase. Hermansson, bereits kränkelnd ins Rennen gegangen, fällt erschöpft weit zurück, hat zu viel Power verbraucht. Die Routiniers lassen sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen. Jubel im Husaberg-Lager: Björne Carlsson liegt am Ende 18 Minuten vor Andreas Toresson. Die Entscheidung ist gefallen, das Publikum zieht sich aus den Wäldern zurück. Ab drei Uhr ist praktisch keiner mehr unterwegs - außer einer Handvoll Piloten, die nun völlig auf sich allein gestellt sind. In der Einsamkeit der Wälder spielen sich jetzt Dramen ab. Die erschöpften Fahrer brauchen mitunter zwanzig Minuten, ihre eingegrabenen Maschinen zu befreien. Um sie gleich wieder im nächsten Schlammloch zu versenken. Wer aufgibt, muss sehen, wo er bleibt. Es ist zappenduster, jegliche Orientierung unmöglich. Stefan ist noch dabei, trotz eines herzhaften Ausrutschers, der die Husaberg für zwanzig Minuten zum Verstummen gebracht hatte. Nachdem er und einige Zuschauer endlos auf den Kickstarter eingetreten hatten, lief die 400er aus unerfindlichen Gründen plötzlich wieder. Das Xenon-Flutlicht an der Maschine ist zerstört, Stefan bleibt nur der Helm-Scheinwerfer. Irgendwo im Nichts stößt er schließlich auf einen orientierungslos umherirrenden, völlig entkräfteten Fahrer, der seine Maschine aufgeben musste. Im Lichtkegel läuft der Schwede eine Zeit nebenher, phasenweise fahren sie zu zweit. An einem Schlammloch gesellt sich ein Kawa-Fahrer hinzu, das Duo wird zum Trio. So schaffen sie es bis zu nächsten Zeitkontrolle. Doch die ist nicht mehr besetzt. Um sechs Uhr ist Stefan endlich im Ziel, erschöpft, aber stolz. Elf Stunden Strapaze liegen hinter ihm, der Rennleiter nimmt höchstpersönlich seine Stempelkarte in Empfang. Am Vormittag findet die Siegerehrung statt. Stefan ist nicht auf der Ergebnisliste, die Zeit überschritten. Enttäuschung. Nächstes Jahr will er sein Haar blond färben und als Müllersson nennen – vielleicht hilft das ein bisschen.
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Ergebnisse (Archivversion)

1. Björne Carlsson, Husaberg 400; 2. Andreas Toresson, Husaberg 400; 3. Fredrik Georgsson, KTM 125; 4. Daniel Eld, Yamaha 250 F; 5. Per Liljendahl, Kawasaki 125, 6. Carl Johan Bjerkert, KTM 520; 7. Kristofer Almén, KTM 125; 8. Peter Hansson, KTM 250; 9. Daniel Johansson, Gas Gas 250; 10. Olof Adielsson, Honda 250, alle Schweden; 11. Pal A Ullevalseter/N, KTM 400

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