Parallel-Import (Archivversion) Allerlei Grau

Grauimporteure verkaufen gut, weil sie Motorräder preiswerter oder mit ungedrosselter Leistung oder vom Generalisten nicht importierte Modelle anbieten. Doch wie steht es mit Garantieleistungen?

Nach einen unverschuldeten Unfall mit seiner Honda VFR 750 F bot dem Hamburger Matthias Mahn ein freier Händler an, die Schadenregulierung zu übernehmen und ihm das gleiche Modell (RC 36) neu zu liefern. Die Neue war zwar eine Graue, aber da sich die erste VFR 750 als äußerst zuverlässig erwiesen hatte und ihm der Händler eine Zusage über ein Jahr Werkstattgarantie machte sowie die Zulassung übernehmen wollte, nahm Mahn das Angebot an. So weit, so gut. Der Ärger begann zwei Monate nach dem Kauf, als Matthias Mahn das erste Mal ohne Benzin liegenblieb, obwohl er den Benzinhahn noch gar nicht auf Reserve gestellt hatte. Er fand heraus, daß der Rohreinsatz für die Reservemenge im Innern des Tanks nicht mit dem Benzinhahn verklebt war. Kleine Ursache, große Unannehmlichkeiten. Alles in allem plagte sich der Kunde fünf Monate damit herum, den Defekt repariert zu kriegen, bis er ihn schließlich selbst behob. Der gutgläubige Hamburger hatte in der Zwischenzeit sogar den defekten Hahn an den Importeur des Fahrzeugs geschickt, aber erst nach sieben Wochen und unter der Androhung rechtlicher Schritte Ersatz erhalten. Sieben Wochen war seine Honda also gar nicht fahrbereit.Widrigkeiten dieser Art sind natürlich der Alptraum eines jeden Kunden, der sich auf verlockende Angebote von Grauimporteuren einläßt. Das Image von freien Importeuren und deren Händlern ist nicht das beste. Die Reaktionen auf den Leseraufruf in MOTORRAD 6/1996 bestätigten den schlechten Ruf jedoch nicht. Der Prozentsatz der Kunden, die über Ersatzteilversorgung oder mangelhafte Garantieabwicklung klagen, ist kaum höher als bei der Klientel von offiziellen Vertragshändlern. Im wesentlichen gibt es drei Gründe für den Gang zum Grauhändler. Erstens bietet er einen, wenn auch in den letzten Jahren geringer gewordenen Preisvorteil. Zweitens führt er Modelle, die beim offiziellen Importeur und damit auch bei dessen Händlern nicht im Programm sind. Drittens verkauft er Motoräder in der offenen Version, während sich die deutschen Importeure freiwillig auf maximal 100 PS starke Bikes beschränken. Jüngstes Beispiel ist die Vmax von Yamaha. Zwar hat sich der Importeur nach immerhin zehn Jahren Bauzeit endlich bequemt, das Mad Max-Unikum offiziell einzufuhren, aber eben nur in der 98-PS-Drosselversion. Den richtigen Pep hat das V4-Aggregat aber eben nur mit dem Power-Boost in der Vergaserbatterie, der 140 PS mobilisiert.Und wie sieht’s mit der Garantie aus? Zwar ist es nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes sogar möglich, daß Grauimporteure mit der sogenannten Herstellergarantie werben dürfen. Doch um die Kunden tatsächlich in deren Genuß kommen zu lassen, müßten sie die offiziellen Garantieunterlagen präsentieren. Damit könnte dann aber der Hersteller beziehungsweise der Generalimporteur mühelos den Weg des Grauimports bis zum Ursprungshändler zurückverfolgen und mit entsprechenden rechtlichen Schritten den Kanal verstopfen. Deshalb bieten die Parallelimporteure eine sogenannte Werkstattgarantie an - in der Regel zwischen sechs und zwölf Monaten. Zum Vergleich: Beim offiziellen Importeur läuft die Garantie meist zwei, bei Aprilia sogar drei Jahre. Die Werkstattgarantie umfaßt bei anerkannten Schäden die Kostenerstattung für Teile und Arbeitszeit. Allerdings in den meisten Fällen nur, wenn die fällige Reparatur in der Werkstätte des jeweiligen Grau-Importeurs ausgeführt wird. Es sei denn, er ist Mitglied einer Kette von Händlern, die für diese Arbeiten ebenfalls autorisiert sind - Beispiel »United Grey«..Wer also eine Neumaschine bei einem Grauen fern der Heimat erwirbt, muß bei größeren Schäden innerhalb der (Werkstatt-)Garantiezeit immer damit rechnen, daß er zeit- und kostenraubende Anfahrtswege in Kauf nehmen muß.Auch für die normalen Inspektionen ist es vor dem Erwerb einer Grauen für den Besitzer sehr vorteilhaft, wenn er bereits einen Vertrags- oder freien Händler kennt, der bereit ist, diese zu erledigen. Mit der fälligen EU-Betriebserlaubnis für Motorräder, die immer noch auf sich warten läßt, werden zwar alle offiziellen Motoradmarken-Händler gehalten sein, anstehende Inspektionen auszuführen. Nur: Unter Zwang hat noch keiner gut geschraubt. Andererseits wird an jeder Inspektion Geld verdient, so daß auch Vertragshändler, wenn sie Kapazitäten frei haben, vielfach Graue annehmen.Fritz Limbächer aus Echterdingen bei Stuttgart, Grauimporteur für alle japanischen Marken und die italienische Marke Ducati, sieht da kaum Nachteile für seine weiter entfernt wohnende Kundschaft. »Solange die EU-Länder ihre Steuersätze noch nicht angeglichen haben, wird es diese Art Import geben. Nach der Harmonisierung werden die Modellpreise sich an die offiziellen angleichen. Nur: Unsere kleinen Organisationen sind flexibler, uns wird schon was einfallen.« Hoffentlich hat er dabei auch an seriöses Garantiegebaren gedacht, das den Kunden in Zukunft noch weniger Anlaß zur Beanstandung geben sollte.

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