Paul Pietsch wird 90 (Archivversion) Lenker und Denker

Eigentlich wollte Paul Pietsch mit dem Zeitschriftenmachen nur seine Rennerei finanzieren. Jetzt ist er 90 und seit 45 Jahren Vollblutverleger.

Anfang der sechziger Jahre, sah’s so aus, als läge das Motorrad mausetot danieder: Diagnose: Kundenklemmer. Der wirtschaftswunderliche Konsument hielt Toast Hawaii für eine Delikatesse, süffelte Puschkin samt Kirsche weg - und konnte nur noch Kadett und Käfer ab. »Stellen Sie MOTORRAD ein«, drängten Griffelspitzer den Chef, als 1963 die Auflage auf den historischen Tiefstand von 32 000 sackte. »Kommt nicht in Frage, ist nicht meine Philosophie«, gab Paul Pietsch der Streichfraktion kontra. Pietsch bevorzugt gewachsene Werte - Bordeaux statt Puschkin. Eben. Weil er sein Mäntelchen nicht in den Wind oder nach dem schnellen Profit hängt, hielt Pietsch eisern an MOTORRAD fest. Um so schöner für ihn, dass diese Standfestigkeit sich als lukrativ erwies. Denn das Blatt zog an. Auf 90 000 verkaufte Exemplare Ende der Sechziger, um 1977, als Pietsch sich aus dem aktiven Geschäft zurückzog, zur größten Motorradzeitschrift Europas zu avancieren. Der Chef der Motor-Presse Stuttgart hat selbst erfahren, was er verlegt, wusste, was das Motorrad zur existentiellsten Form motorisierter Fortbewegung macht: »Das ist, wenn man merkt, wie lebendig die Maschine unter einem ist, wenn man glaubt, die Geschwindigkeit anfassen zu können - solche Emotionen vermittelt ein Auto nicht. Das Klischee von der Freiheit auf dem Motorrad ist kein Klischee. Es ist Realität.« Um Muttern, der stets besorgten, das Plazet zur ersten Maschine abzuringen, tunte sich Pietsch die Wirklichkeit kradgerecht. »Alle im Internat haben ein Motorrad, nur ich muss laufen.« Mit 15 schob er sich also einen DKW-Nachbau unter, auf den eine 200er-Wanderer folgte. Für einen Jungen, der unbedingt Rennfahrer werden wollte, bot ein Motorrad dieses behäbigen Namens natürlich keine Perspektive. Neander hieß das Superbike der 20er Jahre, und das präsentierte Pietsch der Mutter, zu ihrer Beruhigung, mit kommodem 350er-JAP-Motor. Nach einer Evolutionsstufe auf 500 Kubik hievte er alsdann den vollen Liter in zwei Zylindern und die Kraft von 40 Pferden in den zu fast jeder motorischen Großtat bereiten Rahmen. Schwer war das Motorrad, etwas zu leicht geraten der Fahrer, zu eng eine Kurve auf der Hausstrecke im heimischen Schwarzwald, zu aufdringlich ein Baum am Wegesrand - und zu verängstigt die Mutter, die dem Filius darob die Rennerei ein für alle Mal verbot. Und hoffte, dass Paul Pietsch ins elterliche Verlagsgeschäft einsteigen möge. Nein, keine Zeitschriften. Bier! Doch als Pietsch mit 20 ein Teil des Erbes seines früh verstorbenen Vaters erhielt, führte sein erster Weg ins nahe Elsass, nach Monsheim. Wo ein gewisser Herr Bugatti Rennwagen allererster Güte fabrizierte. Schon im ersten Jahr, 1931, zeigte Pietsch etablierten Größen wie Rudolf Caracciola oder Manfred von Brauchitsch kess das Heck. Auf Empfehlung von Hans Stuck unterschrieb er 1935 als Werksfahrer bei Auto Union, gab Mercedes einen Korb. »Das war ein Fehler«, blickt Pietsch zurück. Mit dem Fahrverhalten des mittelmotorigen, tonnenschweren Boliden haderte er die ganze Saison. Gönnte sich alsdann eine Renn- und Denkpause, vertiefte seine Liebe zut italienischen Ingenierskunst. Zu Alfa Romeo und Maserati. Und stahl in seinem wohl besten Rennen, dem Großen Preis 1939 auf dem Nürburgring, den silbernen Deutschrennern die Schau, landete auf einem formidablen dritten Platz. Mercedes lockte erneut, aber der Krieg machte alles kaputt. Als Pietsch zusammen mit seinen Freunden Ernst Troeltsch und Josef Hummel 1946 wieder in den Rennsport einsteigen wollte, beschlossen die drei: Wir machen eine Autozeitschrift, finanzieren damit unser Hobby. Aus »Das Auto« wurde auto motor sport. 1949 kaufte Pietsch »Das MOTORRAD«, und im Laufe der Jahre entwuchs der Klitsche der Gründerjahre ein internationales Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten. Und Titeln wie AUDIO, Men’s Health, connect und Flugrevue. Kaum zu glauben: Am 20 Juni feierte Paul Pietsch seinen 90. Geburtstag. Benzin im Blut ist eben doch die beste Medizin. Auf MOTORRAD äugt Pietsch übrigens immer noch ganz genau. Auch aus familiärem Interesse. Denn diesen Geschäftsbereich der Motor-Presse Stuttgart leitet Peter Paul Pietsch, sein Sohn.

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