Pazifik-Grand-Prix in Motegi/J (Archivversion)

Hol´s der Teufel

Derbi-Star Youichi Ui verspielte seine WM-Chancen in Motegi durch einen Sturz. Der kleine Teufel Roberto Locatelli wurde vorzeitig zum neuen 125-cm3-Weltmeister gekrönt.

Der kleine Teufel fuhr seine spitzesten Hörner aus und sauste dem 125-cm3-Feld beim Pazifik-Grand- Prix in Motegi auf und davon. Schnellster an beiden Trainingstagen, Start-Ziel-Sieg mit überlegenem neuem Rundenrekord – alles lief diabolisch gut für das italienische Team, dem der Popstar Vasco Rossi den Namen und die Energy-Drink-Marke Red Devil ein Budget zur Verfügung stellt. Nur die Feier des vorzeitig errungenen WM-Titels wirkte etwas improvisiert. Denn damit, dass Rivale Youichi Ui in der 13. Runde stürzen und seine letzten Titelchancen schon vor dem Finale in Australien verspielen würde, hatte keiner gerechnet. Noch bei seinem ersten Heimspiel der Saison im April in Suzuka hatte der Japaner dank einem Locatelli-Sturz groß aufgetrumpft. Diesmal zeichnete sich das Desaster bereits im Training ab. Bei einem Highsider gleich am ersten Tag hoch und weit über den Lenker geschleudert, schlug Ui im Abschlusstraining ein zweites Mal wuchtig auf dem harten Asphalt auf. Schlimmer als die Prellungen war, dass er durch diese beiden Stürze die Orientierung beim Set-up verloren hatte. Verunsichert trimmte er seine Derbi auf Stabilität beim harten Bremsen auf der mit langen Geraden und engen Kehren gespickten Twin-Ring –Strecke in Motegi, mit dem Erfolg, dass sich der sonst so flinke rote Renner nur noch mühsam auf enge Kampflinien zwingen ließ. »Es ist nicht normal, dass Youichi den anderen in der Kurve im Weg rumsteht. Sein Teamkollege Pablo Nieto hatte den Lenkkopf um ein volles Grad steiler gestellt und ist damit die drittschnellste Rennrunde gefahren”, verriet Konstrukteur Harald Bartol, als abends im Fahrerlager die Aluminiumcontainer für die Luftfracht nach Australien gepackt wurden. «Der Druck war eben doch zu stark.” Obwohl Ui schon fünf Rennen gewonnen hatte und Roberto Locatelli beim vorangegangenen Lauf in Rio de Janeiro mit gebrochener Kurbelwelle ausgeschieden war, hinkte der Japaner vor dem Motegi-Rennen immer noch um acht WM-Punkte hinterher und dachte an die Pannen im eigenen Team. Wie die Batterie für die Zündung, die in Mugello nach der Hälfte des Rennens schlapp gemacht hatte. Oder an den Hinterreifen von Valencia, der zwar den richtigen Code aufwies, von den Dunlop-Technikern aber mit einem Vorjahresmodell verwechselt worden war und so gut wie keinen Grip aufbaute. Jetzt musste Ui beide verbleibenden Rennen gewinnen, um den Titel aus eigener Kraft zu holen, und war damit vor heimischem Publikum zum Erfolg verdammt. Und das gegen einen solchen Gegner. Der langmähnige Locatelli, der wie ein Rockstar auftritt und ohne falsche Bescheidenheit am liebsten in der dritten Person über sich selbst spricht, schien mit jedem Erfolg um eine Handbreit über seine 1,63 Meter hinauszuwachsen. »Locatelli ist nicht mehr der Querschädel von einst, sondern hat bewiesen, dass er einen durchaus runden Kopf hat”, kommentierte der 27-Jährige aus Bergamo seine jüngste Erfolgsserie. 1994 hatte Locatelli als italienischer Sport-Production-Meister seinen ersten 125er-Grand-Prix bestritten, ging als Aprilia 250-Privatfahrer in den beiden Jahren darauf aber völlig unter. Protegiert und finanziert von der steinreichen Familie seiner Freundin Manuela, arbeitete sich Locatelli erst 1997 und 1998 auf einer Honda 125 wieder in die Top Ten vor. Mit dem Vasco-Rossi-Team und der Rückkehr auf eine Aprilia 125 feierte er 1999 die ersten beiden GP-Siege, fuhr in dieser Saison von Anfang an vorne mit und brachte es schon vor der Titelentscheidung zu genügend Ruhm, fürs nächste Jahr eine Million Mark an Gage fordern zu können. Vor allem aber legte er den Ruf ab, ein eher einfältiger Zeitgenosse zu sein - und stellte sein Talent in psychologischer Kriegsführung unter Beweis. »Ui kommt mir ein bisschen müde vor. Ich bin dagegen fit wie ein Turnschuh”, ließ er schon zum Ende der Europasasion keine Gelegenheit aus, seinem Gegner zu vermitteln, wie stark er sich fühle. »Ich treibe mich ständig mit Max Biaggi beim Mountainbike-Fahren in den Bergen um Monaco herum, und obwohl wir dabei nicht viel miteinander reden, habe ich doch eine Menge an wertvollen Dingen von ihm gelernt, die ich an der Rennstrecke nutzen kann. Max hat so viele Rennen gewonnen, dass ich mir seine Ratschläge gerne anhöre. Denn wir kämpfen um diesen Titel auch auf psychologischer Ebene!” In Motegi setzte Aprilia einen neuen, stärkeren Motor ein, den Locatelli bislang nur gelegentlich im Training ausprobiert hatte. »Die Dinge laufen gut für uns und schlecht für die anderen”, posaunte der WM-Favorit, obwohl auch er einen Trainingssturz zu beklagen hatte, und hob zu einem langen Loblied auf seine Aprilia an, mit der er die Konkurrenz im Training um über eine halbe Sekunde abgebügelt hatte. Im Rennen baute er seinen Vorsprung auf unerhörte 13,8 Sekunden aus und wurde als »Campeone del Mondo” gefeiert, nahm seinen Triumph aber mit Gelassenheit zur Kenntnis. »Ich bin zufrieden, denn nach entbehrungsreichen Jahren ernten wir nun endlich die Früchte, die wir gesät haben. Wahrscheinlich brauche ich ein paar Tage, um das volle Ausmaß des Erfolgs zu begreifen”, meinte er. »Ich möchte auch in Zukunft mit dem Vasco Rossi-Team und mit Aprilia weiter machen, aber bei den 250ern. Ich denke, dass Aprilia diesen Wunsch anerkennen wird.« War Locatellis phänomenale Fahrt nicht schon Beweis genug dafür, was ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein auslösen kann, so sprach das Rennen von Kenny Roberts Bände. »In Rio dachte er nur an die Punkte und saß auf seinem Motorrad wie auf dem Klo. Hier dagegen konnte er wieder völlig unbelastet Rennen fahren”, verriet ein Teammitglied, warum derselbe Fahrer bei einem Rennen mit Ach und Krach Sechster wurde, eine Woche später dann aber zu einem Start-Ziel-Sieg mit über sechs Sekunden Vorsprung davon zog. »Mir ist der Kenny von Rio lieber. Denn mit dem Kenny von Motegi wird`s für mich mich in Zukunft schwer werden, irgend etwas zu gewinnen”, kratzte sich Valentino Rossi am rasierten Kopf. Immerhin blieb Rossi wieder einmal die Genugtuung, Max Biaggi geschlagen zu haben. Schon in der Auslaufrunde des Abschlusstrainings piesakte er seinen Paradegegner mit ein paar sachten, aber gut gezielten Schubsern ins Maschinenheck, gerade ausreichend, um den Yamaha-Star fürs Rennen tags darauf so richtig in Rage zu bringen. Aber was Biaggi auch versuchte, er hatte keine Chance. Rossi ließ ihm zu Halbzeit des Rennens den Vortritt, quetschte sich in der letzten Runde freilich wieder vorbei und machte sich in den letzten Kurven so breit es nur irgend ging. Die Schlussattacke beim Anbremsen bergab, wo Biaggi alle Register zog und sogar einen Gang mehr als sonst zurückschaltete, um mit ratterndem Hinterrad Tempo abzubauen, konterte Rossi mit Gelassenheit - und freute sich über den zweiten Platz mehr als Locatelli zuvor über den WM-Titel. »Valentino hat den meisten anderen was voraus: Er hat Spaß an seinem Job”, meinte Beobachter Harald Bartol, der neben den Derbi-Motoren künftig auch die V4-Zweitakter von Yamaha auf Trab bringen soll.Auf der Motegi-Piste, wo es viel auf spätes Bremsen und frühes Beschleunigen ankommt, hatten die sonst so perfekt ausbalancierten Yamaha YZR 250 diesmal wenig Chancen. Der in Rio de Janeiro gestürzte Olivier Jacque wurde nur Vierter hinter Marco Melandri, worauf sein einstmals so stolzer WM-Vorsprung auf gerade mal zwei Punkte zusammenschrumpfte. Spannender kann das Finale Ende Oktober in Australien gar nicht werden, denn ganz ohne weitere Rechenspiele wird derjenige der beiden Chesterfield-Yamaha-Piloten als Weltmeister gefeiert, der in Phillip Island zuerst über die Ziellinie flitzt. Trotzdem weinte Jacques Teamkollege Shinya Nakano nach dem Rennen bitterlich, da ihm ein Sieg beim Heimspiel mehr bedeutet als alles andere. »Schon letztes Jahr hat mich Katoh hier bei einem nationalen Rennen auf genau die gleiche Weise knapp abgeledert. Ich hätte es ihm gerne heimgezahlt und habe wirklich alles versucht. Doch es war nichts zu machen”, meinte Nakano nach dem zweiten Platz enttäuscht. Denn auch der siegreiche Honda-Star Daijiro Katoh, der schon den Suzuka-GP im April gewonnen hatte, zog die allerletzten Register - mit dem Ergebnis, dass die beiden nicht nur schneller fuhren als im Training, sondern Nakano in der allerletzten Runde mit vermeintlich verbrauchten Reifen zudem noch einen neuen Rundenrekord aufstellte. «Die Japaner sind hier eine Welt für sich”, kapitulierte Ralf Waldmann, der sich hinter dem inbrünstig auf der Bremse attackierenden Anthony West mit Platz sieben begnügte. Nicht besonders schnell, aber besonders schnell zu Ende war die Fahrt von Teamkollege Klaus Nöhles: Sturz in der ersten Kurve. Dabei nietete er auch Roberto Rolfo um, der im Racing-Factory-Team erneut für den verletzten Alex Hofmann eingesprungen war. Wenigstens gab es noch ein kleines Glück im Unglück. «Ich bin heilfroh, dass es sich nicht um Alex selbst gehandelt hat”, entfuhr es Nöhles´ Teammanager Dieter Stappert.
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WM-Termine 2001 (Archivversion)

8.April Suzuka/Japan, 22.April Welkom/Südafrika, 6.Mai Jerez/Spanien, 20.Mai Le Mans/Frankreich, 3.Juni Mugello/Italien, 17.Juni Catalunya/Spanien, 30.Juni Assen/Niederlande, 8.Juli Donington Park/England, 22.Juli Sachsenring, 26.August Brünn/Tschechien, 9.September Estoril/Portugal, 23.September Valencia/Spanien, 7.Oktober Motegi/Japan, 14.Oktober Phillip Island/Australien, 21.Oktober Sepang/Malaysia, 4.November Rio-Jacarepagua/Brasilien

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