Perfekt fahren mit MOTORRAD Teil 3: Kurvenfahren (Archivversion) Der Spiegel

Wer schräglagenscheu fährt, lebt gefährlich. Wirklich? Wir alle kennen den wackeren Tourenfahrer, besonnen, mit vieljähriger Praxis, der lieber mit zuviel als zuwenig Reserve fährt und daher extreme Schräglagen vermeidet - und der soll plötzlich gefährdet sein? Nicht unbedingt, nur wenn er Schräglagen scheut. Denn irgendwann kommt auch der vorsichtigste Fahrer in eine Situation, in der er plötzlich eine Kurve viel enger fahren muß, als er es angenommen hatte. Sei es, daß er die Kurve weiter eingeschätzt hatte oder daß er nach innen ausweichen muß. Vielleicht hat er sich auch einfach im Tempo verschätzt und kommt mit zuviel Dampf in die Kurve rein. Jedenfalls ist die Konsequenz immer dieselbe: Er braucht mehr Schräglage. Wenn dieses Mehr aber zu einem Schräglagenwinkel führt, mit dem er nicht vertraut ist, wird es brenzlig. Denn der Mensch ist von Natur nicht auf Schräglagen von mehr als 20 Grad ausgelegt. Diese natürliche Grenze, die uns die Herkunft setzt, erreicht jeder Zweiradfahrer rasch, darüber hinauszugehen bedarf jedoch intensiver Übung. Unser routinierter Tourenfahrer stößt nun an seine individuelle imaginäre Schräglagengrenze, die er - vom Unterbewußtsein gesteuert - nicht mehr steigern kann. Wie auf Schienen rollt das Motorrad auf einem viel zu großen Kurvenradius und mit einer noch lange nicht bedrohlichen Schräglage auf den Entgegenkommenden zu, wo die Fahrt schlimm endet. Es hilft nur eins: Die Schräglagenscheu muß abgebaut werden. Am besten und sichersten geht das durch langsames Steigern auf einer Kreisbahn. Das Vertrautmachen mit größeren Schräglagen kann aber bis zu einem gewissen Grad auch durch häufige Vergegenwärtigung im mentalen Training geschehen - vor allem durch die Vorsatzbildung »Legen! Legen! Legen!«. In den allermeisten Fällen wird dabei die Haftgrenze der Reifen gar nicht erreicht. Moderne Motorräder lassen sich mit den heutigen Reifen bei griffigem Asphalt so weit abwinkeln, bis Fußraste, Hauptständer odet Auspuff aufsetzt. Wird die Haftgrenze dennoch einmal überschritten, dann passiert wenigstens das beste, was unter den gegebenen Umständen passieren kann: Der Fahrer steigt nach innen ab. Diese Form des Sturzes verläuft vergleichsweise harmlos. Es ist nicht sehr weit bis zum Boden und vor allem: Das Motorrad rutscht voraus, der Fahrer geringfügig langsamer hinterher, die Verzögerung dabei ist beträchtlich und entspricht in etwa einer sehr guten Bremsung. Kein Vergleich zum schräglagenscheuen Fahrer, der starr vor Entsetzen auf dem Motorrad sitzenbleibend blitzschnell den Fahrbahnrand überschreitet, wo erst der eigentliche Sturz beginnt, im schlimmsten Fall abrupt vor der Leitplanke endet. Fast immer gilt: Er steigt nach außen ab, das schwere Motorrad fliegt hinterher. Hoffentlich ist dann kein Hindernis im Weg!

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