Perfekt fahren mit MOTORRAD Teil 5: Fahren bei Regen (Archivversion)

Es ist immer wieder überraschend zu sehen, wie gut und sicher Engländer bei Regen fahren. Während der kontinentale Fahrer Ausflüge bei nassem Wetter vermeidet, bleibt dem Engländer nichts anderes übrig, als Regentouren zur Normalität zu zählen - typical english weather! Er hat nicht nur viel mehr Übung im Regenfahren, sondern er geht mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit an die Sache ran. Er läßt sich vom Regen nicht einschüchtern. Damit haben wir schon einen ganz wichtigen Hinweis: Der »Regenscheue« verhält sich offenbar bei Nässe anders als sonst. Bei einsetzendem Regen sieht man es auf den ersten Blick. Er nimmt »Regenhaltung« ein: Der Kopf wird ein wenig gesenkt und eingezogen, die Schultern kommen höher, der Rücken wird runder, die Arme sind durchgedrückt. Wer sich selbst beobachtet, merkt noch viel mehr: Nur ein paar Tropfen auf dem Visier genügen, und schon ist es aus mit dem weiten Vorausschauen. Der Blick fällt herunter und reicht nur noch bis zum Hinterrad des Vorausfahrenden. Angespannt starren wir auf die Straße, ob sich vielleicht schon eine nasse Reifenspur bildet. Kaum ist die zu sehen, verkrampfen und verspannen wir uns, immer fester umgreifen wir die Lenkerenden, die Bauchdecke spannt sich, der Mund ist verkniffen, und die Zähne beißen aufeinander, ebenso wie sich die Pobacken anspannen (»spitzärschig«). Wenn jetzt eine kritische Situation naht oder wir nur befürchten, daß es kritisch werden könnte, dann spannt sich der ganze Körper, und sogar der Atem wird flach - die klassische Mißtrauenshaltung ist da. Wir sitzen nicht mehr drin, sondern drauf. Nicht wir fahren das Motorrad, sondern es fährt mit uns. Es läßt sich für jeden Fahrer exakt angeben, wie schnell er auf einem bestimmten Streckenabschnitt bei Regen fahren kann. Ganz einfach: Jeder kann genauso schnell fahren, wie er eben noch locker bleiben kann. Das bedeutet nicht, daß nun keine Muskelgruppe mehr gespannt werden dürfte. Aber alle an der betreffenden Handlung unbeteiligten Muskelgruppen sollten locker bleiben. Und vor allem: Jede Muskelgruppe, die in dem ständigen Spiel zwischen Anpassung und Lockerung gerade aktiv war, sollte sogleich wieder in einen gelösten Zustand zurückkehren. Die Mißtrauenshaltung muß ganz bewußt durchbrochen werden. Einfach nur ein Weilchen langsamer zu fahren, genügt in der Regel nicht. Nach dem Ausatmen ganz bewußt Atempausen einlegen, vier bis fünf mal, dabei die Schultern fallen lassen. Hände fast übertrieben locker auflegen, Kopf zwei-oder dreimal auf die Brust fallen lassen-. Bauchdecke lockern und betont weit vorausblicken. Wenn das alles nicht fruchtet, lautet die Empfehlung: Anhalten und erst einmal im Stand die Verkrampfung lösen, um die erforderliche Entspanntheit wiederzuerlangen. Bernt Spiegel behandelt diese Themen ausführlich in seinem Buch »Die obere Hälfte des Motorrads«, das im Sommer erscheint.

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